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Interview

50 Jahre Mondlandung: Pionierin bei der Nasa: Diese Frau war die erste im Mission Control Center

Frances "Poppy" Northcutt arbeitete während der Apollo-Missionen für die Nasa – und war damit die erste Frau im Mission Control Center. Ein kleiner Job für eine Frau, ein großer Job im Zuge der Gleichberechtigung. 50 Jahre nach der Mondlandung traf NEON die heute 75-Jährige zum Interview.

Von Ronja Ebeling

Frances "Poppy" Northcutt war die erste Frau bei der Nasa

Frances "Poppy" Northcutt war die erste Frau bei der Nasa

Getty Images

50 Jahre ist die Mondlandung her - lebt es sich als Frau heute besser als damals? Frances "Poppy" Northcutt ist sich nicht sicher. Sie war 25 Jahre alt, als sie 1968 als erste Frau überhaupt im Mission Control Center der Nasa Platz nahm. Sie hätte als Ingenieurin Karriere machen können, entschied sich aber für etwas noch Größeres: den Kampf für Gleichberechtigung und das Aufbrechen der Männerdomäne.

NEON traf die heute 75-Jährige in Los Angeles zum Gespräch. Anstatt einen wohlverdienten Ruhestand zu genießen, arbeitet Northcutt als Juristin und Direktorin der National Organisation for Women, setzt sich noch immer für Frauenrechte ein. Dabei fällt ihr auf, dass viele Frauen Sexismus gar nicht wahrnehmen.

Frances "Poppy" Northcutt ist inzwischen 75 Jahre alt – aber an den Ruhestand denkt sie gar nicht erst

Frances "Poppy" Northcutt ist inzwischen 75 Jahre alt – aber an den Ruhestand denkt sie gar nicht erst

Picture Alliance

50 Jahre Mondlandung: Poppy Northcutt über Sexismus und Schwerkraft

NEON: Bei der Apollo 8 gab es Komplikationen, als die ersten Menschen aller Zeiten den Mond umkreisten. Das Signal zum Raumschiff war für eine kurze Zeit abgebrochen. Was ging Ihnen damals durch den Kopf?
Poppy Northcutt: 
Das hätte ziemlich böse enden können. Ich war damals für die Berechnung zuständig, wie lange das Umkreisen dauern würde. Im Kontrollzentrum wussten wir ohne Signal nicht, was passiert war. Ohne eine Verbindung bestand für die Astronauten keine Möglichkeit, zur Erde zurückzukehren. Ich habe auf die Uhr gesehen und den Sekundenzeiger angestarrt. Niemand im ganzen Raum hat es auch nur gewagt zu atmen, bis wir irgendwann wieder Signal hatten.

Sie haben es geschafft, die Astronauten zurück zur Erde zur bringen. In einem damaligen Zeitungsartikel wurden Sie aber als Kind abgestempelt. Die Headline lautete: "Mädchen bringt Astronauten zurück". Dabei waren sie doch eine erwachsene Frau?
Zu dieser Zeit war Sexismus gewöhnlich. Frauen wurden in der Regel immer als Mädchen bezeichnet, das war nichts Besonderes. Seltenheitswert hatte eher die Tatsache, dass sie mich überhaupt erwähnten. Eine Frau wurde von den damaligen Medien nicht alle Tage zur Heldin gekrönt.

Haben Sie sich damals schon als Pionierin gefühlt?
Ja, habe ich. Als mir Mikrofone ins Gesicht gehalten wurden, war die Sache auch für mich ziemlich offensichtlich und ich habe in erster Linie etwas erkannt: Ich habe bewiesen, dass Frauen in der Raumfahrt arbeiten können. Ich habe die Aufmerksamkeit der Medien dafür nutzen wollen, für Frauen zu sprechen und mich für sie stark zu machen.

Sie haben in Ihrer Abteilung ausschließlich mit Männern gearbeitet. Inwiefern mussten Sie sich da erst beweisen?
Arbeit. Arbeit. Arbeit. Darüber hinaus musste ich über Regeln hinwegsehen. Frauen sollten damals nicht länger als neun Stunden am Tag beziehungsweise 54 Stunden in der Woche arbeiten. Ich habe aber schnell verstanden, dass ich mich in meiner Arbeitsweise meinen männlichen Kollegen anpassen musste. Ich bin am Wochenende ins Büro gegangen und habe geschuftet. Das war unabhängig davon, dass ich ein niedrigeres Gehalt bekommen habe und meine Überstunden nicht vergütet wurden.

Poppy Northcutt bei der NASA

Poppy Northcutt war 25 Jahre alt, als sie bei der NASA anheuerte

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Wie haben Sie auf die ungleiche Vergütung reagiert?
Ich wurde in meinem Gehalt etliche Male diskriminiert, weil ich eine Frau bin. Aber meine Arbeitseinstellung war am Ende der Grund, warum ich akzeptiert und letztlich befördert wurde. Dadurch bekam ich mehr Geld, aber das gleicht die Ungerechtigkeit in den Vorjahren nicht aus. Ich war verärgert und bin es immer noch.

Heute arbeiten Sie als Rechtsanwältin. Wie kam es zu dieser Wende?
Es ist keine richtige Wende, weil ich immer noch für dasselbe kämpfe: Frauen. Die Arbeit bei der Nasa hat mein Leben geprägt und mich und meine Weltanschauung enorm verändert.

Welche Weltanschauung hatten Sie denn vorher?
Wir leben alle mit der Schwerkraft, aber denken nicht über sie nach. Dabei ist sie jede Sekunde im Leben da und beeinflusst alle Zellen unseres Körpers. Wir bemerken die Schwerkraft erst, wenn wir versuchen zu fliegen. Sexismus war zu dieser Zeit dasselbe. Frauen lebten in dieser Umgebung und haben häufig nicht mal gemerkt, dass sie von Sexismus umlagert sind. Bis sie eines Tages fliegen wollten und dadurch zu Boden gerissen wurden.

Und Sie haben versucht zu fliegen?
Ja, das habe ich und ich bin dabei mehrfach gestürzt. Danach wollte ich anderen Frauen dabei helfen und wurde Anwältin: Wie können Arbeit und Frausein verbunden werden? Gleichberechtigung bedeutet auch gleiches Gehalt. Es gab so viele Punkte, die ich auf einmal erfasste.

Wie nehmen Sie Sexismus wahr?
Es passiert noch immer. Darüber hinaus haben wir schon immer sexuelle Belästigung erlebt, aber heute hat sie durch die sozialen Netzwerke eine andere Form angenommen. In meiner Zeit wusste ich noch, wer der Sexist war. Heute ist das oft nicht mehr ganz klar, weil vieles deutlich anonymer abläuft. Diese ganzen hässlichen, sexistischen Kommentare im Netz sind neu. Da wird anonym mit Misshandlung oder Schlimmeren gedroht, das ist doch verrückt! Zu meiner Zeit wurden Frauen entweder misshandelt oder eben nicht, aber es wurde ihnen nicht damit gedroht. Drohungen bedeuten ein Leben in Angst und daher weiß ich nicht, ob es sich heute oder damals als Frau besser lebt. Es lebt sich anders. 

Mit der dreiteiligen Dokumentationsreihe "50 Jahre Mondlandung" liefert National Geographic ab dem 7. Juli jeweils sonntags ab 21 Uhr neue Einblicke in die Geschichte der Mondlandung.