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Konzertfotos: Mit Boykott gegen Knebelverträge

Katie Melua, Robbie Williams und Justin Timberlake - wenn sie nach Deutschland kommen, geht ein Blitzlicht-Gewitter durch die Nation. Das war zumindest bisher so. Mit Knebelverträgen machen es die Stars den Fotografen aber immer häufiger unmöglich, ihrer Arbeit nachzugehen. Da hilft nur Boykott.

Von Julia Kikillis

Sie tourt derzeit durch Europa, Popsternchen Katie Melua. Die Fans kamen zahlreich, Bilder gibt es kaum, denn bei den Auftritten in Deutschland waren nicht dabei: die Fotografen der großen Nachrichtenagenturen Deutscher Depeschendienst (DDP) und Associated Press (AP). Grund für ihr Fernbleiben ist der Vertrag, der den Fotografen der Agenturen kurz vor dem Eröffnungs-Konzert vorgelegt wurde. "Uns sollten jegliche Rechte an den Bildern genommen werden", so Dirk von Borstel, Leiter Bilderdienste bei der DDP.

"Ein klarer Verstoß gegen die Pressefreiheit"

Mit Unterzeichnung des Vertrags wurden die Fotografen dazu verpflichtet, die Bilder nur in einem vorab im Vertrag angegebenen Medium zu veröffentlichen. Für die Zweit- und Dritt-Verwertung der Bilder wäre die schriftliche Genehmigung des Managements von Katie Melua notwendig gewesen. Darüber hinaus wäre das Urheberrecht für die Bilder auf die Sängerin übertragen worden. "Ein klarer Verstoß gegen die Pressefreiheit", fand von Borstel und verzichtete, wie auch seine Kollegen der AP, auf die Berichterstattung.

"Verträge dieser Art sind schon lange kein Einzelfall mehr. Rund 50 Prozent beinhalten inzwischen solche Klauseln", weiß von Borstel. Eine Entwicklung, mit der die Nachrichtenagenturen alles andere als einverstanden sind. "Die einzige Einschränkung, die DDP akzeptiert, ist, dass die Bilder nicht für Werbezwecke genutzt werden dürfen. Aber das ist ja selbstverständlich."

Angst vor Piraterieprodukten

Das sieht das Management von Katie Melua allerdings anders. Auf Nachfrage bei der Firma Dramatico begründet die Pressesprecherin Marlene Lotz den Vertrag folgendermaßen: "Grundsätzlich ist das Management bemüht, die berechtigten Interessen des Künstlers zu schützen. In Hinsicht auf einen Fotovertrag geht es somit darum, dass mit den Fotos keine unrechtmäßigen Piraterieprodukte/Merchandisingprodukte ohne Zustimmung des Künstlers hergestellt werden, wie es leider in der Vergangenheit schon mehrfach vorgekommen ist."

Ähnlich argumentierte auch das Management von Robbie Williams. Bei der Deutschland-Tournee des Sängers im Jahr 2006 sollten die Fotografen per Vertrag dazu verpflichtet werden, sämtliche Urheberrechte für die Konzertfotos von Williams nach einer einmaligen Veröffentlichung abzugeben. Agenturen wurden zudem ganz von den Konzerten ausgeschlossen. Nach einer großen Boykott-Aktion seitens der Agenturen und Fotografen lenkte David Enthoven, der Manager von Williams, dann doch noch ein. Agenturfotografen wurden wieder zugelassen, und die Nutzungsdauer für die Fotos wurde auf vier bis fünf Wochen verlängert. Diese Klausel hielt das Management für notwendig, um zu verhindern, dass die Fotos nach Ablauf dieser Frist auf illegalen Merchandising-Artikeln, in Kalendern oder Fan-Büchern auftauchen.

Das Management von Justin Timberlake ging sogar noch weiter. Auf Timberlakes Deutschland-Tournee 2007 wurde zusätzlich zu den Einschränkungen hinsichtlich der Foto-Nutzung auch vertraglich festgehalten, dass für alle Vereinbarungen das kalifornische Recht gilt. Für den Fall, dass die Fotografen die Bilder ohne Zustimmung des Managements ein weiteres Mal benutzt hätten, wären so immense Schadensersatzforderungen auf sie zugekommen.

DJV hält Angst vor Missbrauch für unbegründet

Diese Angst vor dem Missbrauch der Bilder hält Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) für völlig unbegründet. "Uns ist nicht ein einziger Fall bekannt, in dem ein Pressefotograf zusätzlich zum Abdruck seiner Bilder in Zeitungen oder Zeitschriften die Fotos für Zwecke von Merchandising oder Werbung verkauft hat. Bei Hobbyfotografen mag es so etwas vielleicht gegeben haben, nicht jedoch bei den Profis."

Letztere würden laut Zörner durch solche Verträge an der Berufsausübung gehindert, weil gerade freie Bildjournalisten davon leben, dass sie die Bilder mehreren Medien zum Abdruck anbieten. Mit Klauseln, die die Bewegungsfreiheit der Journalisten einschränken und Vorgaben darüber, wie lange Fotos gemacht werden dürfen, habe man sich inzwischen abgefunden. "Dass die Journalisten jetzt aber auch noch die Rechte an den Fotos abgeben sollen, ist der Hammer!"

Die umstrittenen Verträge, die seit den 90er Jahren immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Managements und Plattenfirmen geführt haben, werden den Fotografen meist erst kurz vor der Veranstaltung und noch dazu in englischer Sprache vorgelegt. "Für den Rechtsweg ist dann keine Zeit mehr", erklärt Hendrik Zörner.

Unerwartete Schützenhilfe bekommen die Fotografen in solchen Fällen gelegentlich von den Konzertveranstaltern. So geschehen bei der Deutschland-Tournee von Mark Knopfler, die am 11. April startete. Den Fotografen wurde vom Management des britischen Sängers ein Vertragstext vorgelegt, nach dem sie sämtliche Rechte an den Bildern des Musikers für ein Pfund oder einen Euro unwiderruflich und ohne jeden Anspruch für immer und ewig weltweit abgeben sollten. Die Konzertagentur Marek Lieberberg schaltete sich kurzerhand ein, und der Vertrag wurde gekippt.

Unterschreiben oder verzichten

Ansonsten bleibt, wie im Fall Williams, nur noch ein Ausweg: die Androhung des Boykotts. "In 70 Prozent der Fälle lockern die Managements dann zumindest die Verträge für die Nachrichtenagenturen", so von Borstel. Den übrigen Fotografen bleiben nur zwei Möglichkeiten. Sie können den Vertrag, dessen Inhalt sie zum Teil wahrscheinlich oft gar nicht verstehen, unterschreiben oder auf die Bilder verzichten.

"Im angelsächsischen Raum sind solche Verträge inzwischen ganz normal. Da regt sich niemand mehr drüber auf", berichtet Hendrik Zörner. Fälle wie der von Mark Knopfler machen Hoffnung, dass in Deutschland nicht auch bald Verhältnisse wie in den USA und Großbritannien herrschen werden. Der Umstand, dass selbst nach dem Boykott der Konzerte von Robbie Williams immer wieder Knebelverträge auftauchen und teilweise auch durchgesetzt werden, verdeutlicht aber, dass der Kampf auch hier noch lange nicht ausgefochten ist. Siehe Katie Melua.