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Fulminantes Kraftwerk-Auftaktkonzert Was von der Zukunft übrig blieb


Manchmal darf man Göttern bei der Arbeit zusehen. In einer genialen 3-D-Show hat Kraftwerk mal eben klar gemacht, wo die moderne Musik herkommt.
Von Sophie "Roboter" Albers Ben Chamo

Wie in jeder Kunst gibt es auch in der Popmusik Fabelwesen aus Urzeiten, eine unberührbare Avantgarde, Über-Musen, deren Einfluss so mächtig und wichtig ist, dass sie zu Ikonen werden, die irgendwann allein davon leben, zitiert zu werden. Mir fällt jetzt gerade der Film "The Big Lebowski" ein, in dem eine durchgeknallte Band namens Autobahn auftaucht. Aber das ist eigentlich viel zu profan für Kraftwerk. Diese Monsterband aus Düsseldorf, die das erfunden hat, was seltsam unbefriedigend "Elektro-Pop" genannt wird.

Es gibt Konzerte, und es gibt Musikerlebnisse, die einen mitten im Kern erwischen, irgendwo zwischen limbischem System und Sonnengeflecht. Ich werde meinen "Autobahn"-Abend mein Leben lang nicht vergessen. "Der Katalog - 12345678" ist eine vor zwei Jahren in New York begonnene Werkschau dieser Band, ohne die es keinen Techno, kein Depeche Mode, kein Rammstein, kein Daft Punk geben würde. Jedem Konzert liegt eines der acht Alben - "Autobahn", "Radio-Aktivität", "Trans Europa Express", "Die Mensch-Maschine", "Computerwelt", "Electric Café/ Techno Pop", "The Mix" und "Tour de France" - zugrunde, das (natürlich) mit den berühmten Songs der anderen ergänzt wird.

Kling-Klang-glücklich

Die von Punkt 20 Uhr bis Punkt 22 Uhr bis ins kleinste Tonfilter- und Lichtkegel-Detail perfekt designte und präsentierte 3D-Show ist eine Zeitreise. Angefangen mit zeitgemäß 70er-trashigen Grafiken einer "Autobahn" über die ein VW-Käfer mit dem Kennzeichen D-KR 70 juckelt, über den im Jahr 2014 unerträglich langsamen Kometen und seine Melodie, bis zu den aggressiven gelben und roten Strahlen von "Radioaktivität", rasenden Zahlen ("Nummern"), glücklichen Farbdelirien ("Neonlicht") und natürlich dem 50er-Jahre-Schwarz-Weiß-Chic von "Model".

Ja, ein paar Leute haben mitgesungen, eine Frau hat sogar getanzt. Aber die meiste Zeit schien das Publikum eher in Andacht versunken, diese Band nach 40 (!!!) Jahren in solch Höchstform erleben zu dürfen. Denn selbstredend waren vor allem Menschen da, die Kraftwerk von früher kennen. Also nicht nur aus Filmen. Menschen, die dieses Computergegurgel hören durften, als es komplett und hirndurchblasend neu war. Über manchen Gesichtern wabert deshalb ein vor Glück fassungsloses "Sie sind es wirklich!".

Sie wussten damals schon, was kommen wird

Ich bin auch fassungslos, weil die - natürlich aktualisierte/digital aufgemotzte - Musik nach all den Jahrzehnten immer noch zum Niederknien modern klingt. Weil diese Band damals schon zu wissen schien, was kommt. Hier wird nichts wiederholt oder gestampft, hier wird Kunst gemacht, die auch Pop ist. Und das mit einer Coolness, für die man wohl eben 40 Jahre braucht. Manchmal stehen Bandmitgründer Ralf Hütter und seine Kollegen Fritz Hilpert, Henning Schmitz und Falk Grieffenhagen an ihren Synthesizern wie an Flipperautomaten.

Bis zum 13. Januar spielen sie jeden Abend im ehrwürdigen Mies-van-der-Rohe-Bau der Neuen Nationalgalerie in Berlin, die danach zwecks Renovierung für fünf Jahre dicht gemacht werden soll. Dann sind Kraftwerk schon in Amsterdam und raunen "Es wir immer weitergehen/ Musik als Träger von Ideen/ Music non stop".


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