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Beatles: Renaissance der Pop-Götter

Die Pilzköpfe reloaded: George Martin, der legendäre Produzent der Beatles, hat 26 Songs der Fab Four neu gemischt und mit unveröffentlichtem Material aufgepeppt. Auf dem Album "Love" klingt die Band besser denn je. Ein Schatz - nicht nur für Fans.

Von Jochen Siemens

Kann ja passieren, dass man einem Jüngeren erklären muss, wer die Beatles waren. Eine Band, sagt man dann, vier Musiker, zwei sind schon tot, einer lebt als trockener Ex-Trinker irgendwo in Amerika, und ein anderer lässt sich zurzeit öffentlich scheiden. Hmm, sagen die Jüngeren, und das war eine gute Band? Ja, sagt man und spielt ihnen Songs vor. "A Hard Day's Night" oder "Lucy In The Sky With Diamonds" oder, logisch, "Yesterday". Hmm, sagen die Jüngeren dann wieder, gab wohl damals keine guten Studios, klingt alles irgendwie nach Garage. Und, ist ja kein Bass zu hören, hatten die keinen Bassisten? Doch, Paul McCartney. Ist das nicht der, der sich jetzt scheiden lässt ...?

Es war nie leicht, die Musik der Beatles immer wieder in die Gummiboote neuer Generationen zu retten. Wie soll man erklären, dass ein kurzer Song wie "For No One" mit einem French Horn im Hintergrund ein Grundstein der Popmusik wurde? Bisher ging das nicht, jetzt geht es. "Love" heißt das Album der Beatles - und selbstverständlich hört man sich das erst mal mit allerhand Skepsis an. Ein weiterer Remix-Aufguss für den Tannenbaum, was denn sonst? Denkt man. Und dann: Hören. Mund auf. Die Jüngeren kommen vorbei, bleiben stehen, setzen sich, alle schweigen, manche wippen mit den Füßen, und man hat das schon vergessene Erlebnis, dass Musik aus Lautsprechern alles davor mit einem Glanz bedecken kann. 26 Songs lang wird die Welt ein wenig leichter.

Nun muss man den Jüngeren erklären, dass sie zwar die Beatles hören, dass aber die Rest-Beatles nichts mit dieser neuen CD zu tun haben. Zum Glück nicht. Sie durften da nicht ran. Das Ganze war nur als Material für das Beatles-Musical "Love" gedacht, dass der Cirque du Soleil in Las Vegas aufführt, ist dann aber zu einem eigenen Album enteilt. Aus über 100 Beatles-Songs, aus alten Bändern und vergessenen Probeaufnahmen haben der wahre Macher der Beatles, der Produzent George Martin, und sein Sohn Giles Martin etwas geschaffen, das wohl einzigartig auf dem modischen Markt der Remixe und aufpolierten Altaufnahmen ist - eine Neugeburt.

Monatelang, sagt Giles Martin, hat er die alten Tapes digitalisiert und sich aus dem gigantischen Songhaufen unzählige Kleinteile herausgesucht - einen Klaviersplitter hier, eine Drumsequenz dort, ein vergessenes Gitarrenriff, nicht verwendete Probeaufnahmen von Bläsern oder Celli. 26 alte Beatles-Songs hat er damit verziert, neu abgemischt und dem immer flachen Bassspiel Muskeln gegeben. Herausgekommen ist ein Beatles-Album, das reiner und vor allem reicher klingt als all diese Best-of-Platten zuvor. Hier und da meint man zwar, den Produzenten sei der Pomp etwas ausgerutscht. Und was damals schon haschischvernebelt klang, hört sich heute besoffen an, aber das amüsiert eher, als dass es stört. Absurderweise war es wohl die Unmöglichkeit des Unternehmens, die Giles Martin so mutig arbeiten ließ, denn er glaubte fest, dass McCartney und Ringo Starr sowie die Erben Yoko Ono und Olivia Harrison das Werk ablehnen würden. "Ich war sicher, dass die durchdrehen. Aber sie liebten es."

Vater und Sohn Martin haben im Fundus zudem Edelsteine gefunden, die erst jetzt hörbar werden. Die Soloversion von "While My Guitar Gently Weeps" von George Harrison "haben wir einfach so gelassen, jede Berührung hätte sie kleiner gemacht", sagt Giles Martin, und man erinnert sich an das Mobbing von Lennon/McCartney, denen kaum ein Harrison-Song gut genug war.

Und so wird "Love" zwei Laufbahnen haben. Zum einen in den iPods der Jüngeren - und zum anderen in den endlosen Nächten der alten Fans. Vielleicht werden sie sogar Spiele machen, wer mehr Zitate etwa bei "Strawberry Fields" heraushört.

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