VG-Wort Pixel

Exklusiv Lena Meyer-Landrut über das öffentliche Erwachsenwerden, Instagram und ihr Verhältnis zur Presse

Die Sängerin Lena Meyer-Landrut auf einem Stuhl sitzend.
"Ich war lange Zeit kein politischer Mensch" sagt Lena Meyer-Landrut heute
© amillion
Die Zwanziger sind für viele junge Erwachsene eine Phase der Selbstfindung oder des Verlorengehens in der Welt. Lena Meyer-Landrut durchlebte sie vor den Augen von ganz Deutschland. Was kostete die inzwischen 30-Jährige ihr Ruhm? Und wie denkt sie heute über die Presse?

29. Mai 2010, kurz nach Mitternacht. Die Redaktionen in Deutschland schicken quasi unisono folgende Eilmeldung raus: "Lena Meyer-Landrut gewinnt den Eurovision Song Contest". In Lenas Heimatstadt Hannover rasten tausende Menschen beim Public Viewing aus und feiern, als wäre Fußball-WM. Für die in eine Deutschlandfahne gehüllte und Freudentränen überströmte 19-Jährige beginnt in diesem Moment ein neues Leben. Ein Leben in der Öffentlichkeit, das ihr über Jahre viel Kraft abverlangt, weil kaum ein Tag vergeht, an dem sie nicht im Fokus der Medien steht.

Immer häufiger finden sich Wörter wie "zickig" oder "sexy" in Texten, die immer weniger von Lenas Musik handeln. Sie versucht sich gegen den Trubel um ihr Privatleben zu wehren, bricht Interviews ab und zieht 2017 einen Schlussstrich. Lena sagt ihre Tour ab, verwirft ein ganzes Album und zieht sich zurück. Heute gibt die 30-Jährige nur noch selten Interviews. Wenn sie es doch tut, setzt sie ihren Gesprächspartner:innen strikte Grenzen. Lena verteidigt ihr Privatleben konsequenter als früher und hat darum eine Schutzmauer errichtet. Im Interview mit stern-Journalist Lukas Hildebrand blickt sie zurück auf die ersten zehn Jahre ihrer Karriere. Ein Gespräch zweier 90er-Kids über das Ende der Jugend, den Umgang mit der Presse und gelöschte Instagram-Bilder.

Corona hat bei vielen Menschen in unserer Generation das Gefühl ausgelöst, dass die jungen Jahre vorbei sind. Zwischen Lockdowns und Weltschmerz erzählen derzeit viele von dem Gefühl, "endgültig erwachsen geworden zu sein".

Das nehme ich auch wahr, aber das Thema hat in meinem Leben zwei Seiten. Zum einen war ich erst einmal froh über die unverhoffte Pause, als der erste Lockdown begann. Die Umstände meines Lebens vor der Pandemie waren stark belastend für mich. Ich habe sehr, sehr viel gearbeitet und auf mich genommen, dann war plötzlich Ruhe. Hätte sich die Welt einfach normal weiter gedreht, dann wäre auch ich weiter gerannt. Ich verspüre für diese Zwangspause noch immer eine große Dankbarkeit. Auf der anderen Seite ist das, wie du sagst, auch eine Sache des Alters. Das vergangene Jahr war für mich tatsächlich ein Abschied von meiner Jugend.

Inwiefern?

Wenn du 30 Jahre alt wirst, wachst du morgens nicht plötzlich auf, schaust in den Spiegel und erkennst: "Hey ich bin erwachsen geworden." Man sieht schließlich nicht anders aus als vorher. Aber ich habe mich durch Corona anderen Dingen zugewandt – entschleunigenden Dingen, die mir vorher egal waren. Und weißt du was? Die waren mir nur aus einem Grund egal: Weil ich gemerkt habe, dass ich jetzt andere Bedürfnisse habe als mit Anfang Zwanzig.

Was sind das für Sachen?

Ich möchte beispielsweise plötzlich viel Zeit in der Natur verbringen. Und ich muss gestehen, dass mir in meinen Zwanzigern Weltgeschehen und Politik nicht besonders wichtig waren. Das hat sich inzwischen geändert.

Warum sollte ich nicht dazu stehen, dass ich ein unpolitischer Mensch war?

Wie blickst du auf dein lange ausgebliebenes Interesse an Politik heute zurück?

Politik stand auf meiner Prioritätenliste nicht sehr weit oben. Daran lässt sich nichts mehr ändern. Ich könnte mich heute dafür schämen oder es verschweigen, aber wozu? Warum sollte ich nicht dazu stehen, dass ich ein unpolitischer Mensch war? Für manche Veränderungen braucht man Zeit. Heute bin ich ein politischer Mensch, mit anderen Werten und Prioritäten. Es gibt einen Unterschied zwischen der erwachsenen Lena zu Beginn ihrer Karriere und der wirklich erwachsenen Lena heute. Als ich 18 Jahre alt wurde, war das nur eine Zahl, mehr nicht. Ich werde jetzt keine Zeit darauf verschwenden, darüber zu grübeln, warum ich früher so blöd war.

Die Zwanziger sind für viele Menschen eine Phase der Selbstfindung oder des Verlorengehens in der Welt, voller Backpack-Reisen, WG-Partys und abgebrochener Studiengänge. Seit deinem 19. Lebensjahr stehst du im Rampenlicht und musstest diese Zeit vor den Augen aller durchstehen.

(Lacht) Ich finde das Wort "durchstehen" gut gewählt. Wahrscheinlich war es rückblickend genau das – denn ich musste tatsächlich teilweise vor den Augen der Öffentlichkeit erwachsen werden. Das war nicht immer leicht. Aber ich hatte nie das Gefühl, in etwas hineingezogen worden zu sein. Mir war immer klar: Ich kann das alles stoppen und ausbrechen. Gleichzeitig habe ich die Überzeugung, dass ich es ganz gut geschafft habe, mir meinen privaten Raum zu nehmen, in dem ich während meinen 20ern sein konnte wie ich wollte und Konflikte mit mir selbst verarbeitet habe.

Was hast du verpasst, das andere junge Menschen machen können?

Ich habe nie besoffen auf Homepartys in die Ecke gekotzt – das war definitiv nicht möglich. Ich hätte auch gerne studiert. Diese Übergangsphase nach der Schule, in der man so Pseudo-Verantwortung gegenüber seinem Leben verspürt, rumgammelt und einfach alles macht, worauf man Bock hat – diese Phase musste ich auslassen. Manchmal macht mich das nachdenklich. Ich durfte dafür andere sehr große Dinge erleben. Würdest du mich jetzt fragen, ob ich diese Dinge gegen meine ausgelassenen Erfahrungen eintauschen würde, dann wäre meine Antwort ganz klar "nein". Ich bin zufrieden damit wie es bis hierhin lief.

Auf deinem letzten Album hast du deine Bereitschaft zur Selbstkritik gezeigt. Nach monatelanger Produktion hast du es komplett verworfen. Wie viel Selbstkritik erlaubst du dir?

Ich hab auf jeden Fall ein Ding mit mir selbst am Laufen, dass ich alles immer zu perfekt machen möchte. Ich habe mir deshalb inzwischen angewöhnt, einen Schritt weg von einer Sache zu machen und zu versuchen, sie von außen zu betrachten. Fühlt sich etwas in diesem Moment des Entstehens gut an, dann wird es das auf Ewigkeit bleiben. Vieles, was ich in den letzten Jahren verworfen habe, hat sich nicht gut angefühlt. Mit meinem letzten Album wäre ich niemals zufrieden gewesen, wie es zwischenzeitlich war.

Man könnte meinen, du hast die letzten zehn Jahre in der Musiklandschaft das Allermeiste gesehen. Ist da wirklich noch immer eine Versagensangst bei dir?

Ja. Es wird noch lange dauern, bis mir die Bewertung und Verurteilung anderer egal sein werden. Ich habe bislang nur zwei Musiker getroffen, bei denen ich merke, dass ihnen die Meinung anderer tatsächlich egal ist. Davor habe ich einen riesigen Respekt. Es ist nicht so, dass ich täglich an Selbstzweifeln vergehe, aber ich bin nicht so standfest, wie viele meinen. Auf einer Skala der Selbstsicherheit wäre ich vielleicht eine sieben von zehn.

Die Sängerin Billie Eilish hat vergangenen Monat ein Album herausgebracht. Es trägt den Titel "Happier than ever". Sie erzählt darin von dem Gefühl, sich daran gewöhnt zu haben, dass vor ihrer Tür Fans stehen und sie damit inzwischen glücklicher denn je ist. Hat sich bei dir irgendwann ein ähnliches Gefühl eingestellt?

An ungerechte, gefährliche und illegale Sachen, die mir passieren, nur weil ich in der Öffentlichkeit stehe, werde ich mich nie gewöhnen. Ich akzeptiere nicht, dass das zum Leben in der Öffentlichkeit dazugehört. Aber ich gehe heute natürlich lockerer damit um, wenn ich durch Presse oder Fans vor Augen gerufen bekomme, wie sehr mein Name in der Öffentlichkeit steht. In meiner Anfangszeit sind mir Dinge passiert, die mich kalt erwischt haben – heute halte ich das besser aus. Ich habe dazugelernt. Normal empfinde ich das alles aber noch immer nicht!

"Wenn ich nicht in eure Schubladen passe, könnt ihr mich von euren Listen streichen", heißt es in deinem neuen Song "strip". Was steckt dahinter?

Ich wurde über die Jahre in viele Schubladen gesteckt. Da draußen gibt es tausende Adjektive, die Menschen mit meiner Person in Verbindung gebracht haben. Die harmloseren sind sicher sowas wie arrogant, zickig, eingebildet oder abgehoben. Ich wusste, dass viele sowas über mich sicher schon einmal gelesen hatten. Wenn ich zu Beginn meiner Karriere neue Leute kennengelernt habe, war es mir deshalb wichtig, dass sie mich super nett finden. Ich wollte einfach nicht, dass jemand sich in seinen Vorurteilen bestätigt fühlt. Es klingt total blöd, wenn man sowas über sich selbst sagt, aber ich denke, dass ich eigentlich schon ganz in Ordnung bin. Heute ist mir egal, was jemand über mich gehört hat. Ich begegne Menschen nicht mehr so wie früher. Mein Bedürfnis, Erwartungen gerecht zu werden lässt immer mehr nach. Mit dieser Haltung geht es mir viel besser.

Ohne Namen zu nennen, habe ich über die Jahre schon gemerkt, dass es Journalist:innen und Verlage gibt, mit denen ich nicht mehr spreche.

Es wirkt, als ob du nicht gerne mit der Presse über persönliche Themen sprichst. Private Themen klammerst du aus. Was für ein Bild von der Presse hast du nach all den Jahren und Schlagzeilen?

Die Presse ist für mich nicht ohne ihre Konsument:innen bewertbar. Wenn ich mich in der Vergangenheit ungerecht behandelt gefühlt habe, dann habe ich keinen einzelnen Menschen gesucht, den ich zum Schuldigen gemacht habe. Das Unrecht, das mir teilweise widerfahren ist, war immer ein Zusammenspiel aus gesellschaftlicher Sensationsgeilheit, der Presse und deren Leser:innen. Es hat mich aber geärgert, wenn Moral und Ethik komplett hinten angestellt wurden, um diese Sensationsgeilheit zu bedienen. Ohne Namen zu nennen, habe ich über die Jahre schon gemerkt, dass es Journalist:innen und Verlage gibt, mit denen ich nicht mehr spreche. Ich sehe die Verantwortung da auch bei ihnen, auch wenn ich weiß, dass die Konsument:innen dieser Zeitungen diese unschöne Form des Journalismus verlangen.

Wann hat sich dein Bild von der Presse so nachhaltig verschlechtert?

Das war erst relativ spät. Ungefähr drei bis vier Jahre nach dem Gewinn des ESC habe ich angefangen, die ersten Jahre meiner Karriere Revue passieren zu lassen. Ich habe mich damals mit meiner Beziehung zur Presse auseinandergesetzt und beschlossen, wie ich mit ihr in Zukunft umgehen möchte.

Gefällt dir der Gedanke, dass jeder in Deutschland Lena Meyer-Landrut kennt, aber keiner weiß, wer du privat wirklich bist?

Manche kennen den Menschen Lena schon in all seinen Facetten (lacht). Es ist schön, dass man mir heute Professionalität zuschreibt. Ich persönlich finde aber nicht, dass ich meinen Fans und der deutschen Öffentlichkeit gegenüber keinen offenen und ehrlichen Einblick in meine Gedankenwelt gebe. Die Schauspielerin Tilda Swinton hat in einem Interview einmal gesagt: "Du musst dein Fach so sehr professionalisieren, dass du ohne nachzudenken improvisieren kannst und das Ergebnis dennoch gut wird". Diese Sicherheit habe ich heute in Interviews, weil ich zu spüren bekam, was passierte, als ich diese noch nicht hatte.

In deiner Musik übst du Kritik an Social Media Plattformen, die jungen Frauen ihre Schönheitsideale vorschreiben. Gleichzeitig hast du vier Millionen Follower auf Instagram. Wie empfindest du diese Form der Öffentlichkeit?

Ich finde Instagram total super. Wobei ich manchmal die ganze Idee hinter Social Media infrage stelle. Instagram war mal ein Tool zur Fotobearbeitung. Heute ist die App wahnsinnig vielschichtig und hat sich von ihrem ursprünglichen Sinn völlig gelöst. Die Öffentlichkeit dort ist für mich aber keine unangenehme.

Dennoch hast du alle deine Bilder zu Beginn des Jahres von deinem Instagram Profil gelöscht. Warum?

Ich nutze Instagram heute anders als früher. Ich möchte Geschichten erzählen, die gerade in meinem Leben passieren, aber auch nur, wenn ich mich danach fühle. Wie beispielsweise zu neuen Projekten oder neuen Alben. Dann möchte ich meine Community an meinen Gedanken teilhaben lassen. Trotzdem auch mit einer für mich gesunden Frequenz − ich habe nicht mehr den Posting-Druck, den ich früher einmal hatte. Mein letzter Post ist inzwischen schon wieder drei Wochen her, aber da ist nicht mehr so sehr mein Fokus drauf − ich bin damit viel entspannter geworden.

Du reist zehn Jahre zurück und triffst die 19 Jahre alte Lena kurz nach ihrem Sieg beim ESC. Was sagst du ihr?

Ich beobachte sie einfach und sage ihr nichts. Wenn ich ihr einen Ratschlag geben würde, der einen ihrer Fehler in Zukunft vermeidet, dann würde das meinen Weg vielleicht verändern und ich würde nicht dort ankommen, wo ich heute bin. Es ist alles OK so, wie es war. Im Hier und Jetzt bin ich glücklich.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker