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Interview

Neues Album "Only Love, L": "Es gab immer Leute, die es mir nicht gegönnt haben" - Lena äußert sich zu Hatern

Auf ihrem neuen Album zeigt sich Lena Meyer-Landrut von einer sehr persönlichen Seite. Warum ihr das wichtig war und wieso sie trotzdem Angst vor der Veröffentlichung hat, erzählt die Sängerin im stern-Interview.

Lena Meyer-Landrut

Das neue Album von Lena Meyer-Landrut "Only Love, L" erscheint am 5.4.

Lena, das neue Album "Only Love, L" erscheint nach einer Zeit mit vielen Tiefen. Sie haben den Erscheinungstermin immer wieder verschoben, sagten, Sie hätten kein gutes Bauchgefühl. Wie hat Sie dieser Schaffensprozess beeinflusst?

Ich habe die Tour verschoben, das Album abgebrochen und habe mir eine Auszeit gegönnt. Ich bin auf keine Events gegangen und habe alle Außengeräusche runtergedimmt. Dazu gehörte auch Social Media. Ich musste gucken, wer ich eigentlich bin und was ich will. Was macht mich so unsicher, so traurig? Die Zeit war super wichtig, weil ich mich gezwungen habe, diese Fragen ehrlich zu beantworten. Daraus ist das neue Album entstanden.

Und zu welchem Schluss sind Sie gekommen – was hat Sie gehemmt?

Es war das Gefühl, dass es keinen Grund gab, das Album zu machen. Das letzte Album war halt fertig und dann macht man eben das nächste. Aber das war in meinen Augen nicht Grund genug. Es gab keinen roten Faden und es hatte für mich keine Daseinsberechtigung. Indem ich mich damit beschäftigt habe, konnte ich eine authentische Ebene finden. Und zwar, indem ich über meine Gefühle und meine Ängste spreche und schreibe.

In Ihrer bisherigen Karriere haben Sie es geschafft, Nähe zu Ihren Fans aufzubauen und doch Ihr Privatleben zu schützen. Die neuen Songs wirken sehr viel persönlicher und intimer. Wie kommt‘s?

Ich bin am allerglücklichsten, wenn ich authentisch bin. Wenn ich ehrlich bin, mich nicht verstelle und nicht so eine große Angst vor Feedback habe. Ich habe Todesangst davor, die ganzen Songs zu veröffentlichen! Das ist ein großer Schritt, weil ich total viel preisgebe. Aber ich bin auch ganz dankbar, dass ich das mit der Musik machen kann. Ich würde das nicht in einem Interview tun, sondern kann diese Gefühle mit der Kunst vereinbaren. Die Worte stimmen genau, der Sound passt dazu – genauso möchte ich es ausdrücken. Das hat mir die Kunst ermöglicht. Und so behalte ich die Kontrolle über die Themen.

Was genau macht Ihnen da die größte Angst?

Es geht darum, dass man sich in gewisser Weise entblößt. Dass man Gefühle und ehrliche Worte von sich preisgibt und sich pur zeigt. Das bietet eine große Angriffsfläche.

Ihr erster Song auf dem Album, "Dear L", ist ein Brief an Sie selbst. Es geht ums Zweifeln, um die Intuition, um Ambitionen – an welche Lena ist der Brief gerichtet?

Es ist ein Brief an mein 19-jähriges Ich. Für die Vorbereitung auf diese Zeit. Ich habe mich im Nachhinein gefragt, ob ich den Brief überhaupt abschicken würde. Und ich glaube nicht, dass ich es tun würde. So wie es damals passiert ist, hatte es alles schon seine Richtigkeit und ich würde nichts verändern wollen. Aber es geht darum, dass einem jemand zuspricht und Mut macht. Sagt, dass es okay ist, wenn man mal verkackt. Dass man mal hinfällt und dann wieder aufsteht. Es ist erlaubt, Ambitionen zu haben und an sich zu glauben. Das ist für mich ein deutsches Phänomen. Man bekommt das Gefühl, man müsse immer tiefstapeln.

Gerade bei jungen Frauen wird Ehrgeiz oft als was Schlechtes ausgelegt.

Genau. Warum dürfen wir keine großen Visionen und Ambitionen haben? Es heißt immer: "Jaja, mach jetzt mal erstmal das und dann sehen wir weiter." Nur wenn man große Ziele hat kann man große Dinge erreichen. Die Menschen, die die größten Veränderungen auf der Welt vollbracht haben, hatten auch die größten Visionen. Nur mit so einer Einstellung kann man es schaffen. Das heißt jetzt nicht, dass ich im großen Stile die Welt verändern will – obwohl ich da auch nichts gegen hätte -, aber es ist schön, sich selbst diese Ambitionen und Träume zu erlauben.

Gab es in den Anfängen Ihrer Karriere Menschen, die Sie kleinhalten wollten?

Ja, ohne Ende. Es gab immer Leute, die es mir nicht gegönnt haben. Oder die mich kleingehalten haben. Kommentare wie "Das ist ja alles nur aus Glück passiert" habe ich oft gehört. Da gab es viele Beispiele und Situationen. Und ich glaube nicht, dass ich da die Einzige bin. Das ist an der Tagesordnung. Und es stimmt tatsächlich, dass es besonders Frauen trifft.

Am Ende des Videos zu "Don't Lie To Me" übergeben Sie sich über einer Toilette. Heraus kommt Glitzer. Wofür steht der Glitzer sinnbildlich?

Die Szene hat drei Ebenen. Natürlich steht der Glitzer für die Glitzerwelt auf Instagram. Aber "Don't Lie To Me" bedeutet auch: Man soll sich mal auskotzen. Die ehrliche Meinung sagen. Und außerdem ist es eine Anspielung auf die immer wiederkehrenden Magersuchtsgerüchte.

Also Ihre endgültige Antwort auf die Gerüchte?

Ich glaube nicht, dass es endgültig war. Das habe ich leider nicht selbst in der Hand, was geschrieben wird. Aber ich habe es als Mittel benutzt. Wenn es das damit jetzt war, thank God!

Bodyshaming - auch etwas, womit sich vor allem Künstlerinnen immer wieder beschäftigen müssen. Da ist Instagram nicht ganz unschuldig. Die Plattform wird in Ihrem Musikvideo zum Symbol für Verdrängung. Können Sie beschreiben, inwiefern die sozialen Netzwerke uns beeinflussen?

Es ist gefährlich, mit Halbwissen um sich zu werfen. Aber ohne, dass das jetzt auf die Goldwaage gelegt wird: Es gibt eine Inszenierung auf Instagram und es geht darum, ästhetische Bilder zu posten und zu konsumieren. Das, was den meisten gefällt, bekommt die größte Aufmerksamkeit. Und viele Menschen sind dankbar für diesen leichten, seichten Konsum, um sich abzulenken. Die gucken sich lieber irgendwelche Palmenbilder an oder Fotos vom gesellschaftlichen Bild des vermeintlich perfekten weiblichen Körpers.

Es gibt ein ganz gutes Beispiel: Ich war letztens auf einem Shooting, wo wir Haartrockner aus den 90ern hatten. Da hab ich mich drunter gesetzt. Und ich hatte noch Makeup vom Shooting drauf und die Haare gestylt. So haben wir das Bild für Instagram inszeniert. Nachdem ich das gepostet hatte, haben direkt Leute geschrieben: "Als ob du dir so die Haare föhnst." Aber das ist ein inszeniertes Foto, nicht die Realität. Da muss man Grenzen ziehen, aber das ist schwierig. Mich lässt das auch nicht kalt.

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Waiting for my hair to get dry in the 70ies Pic by @huettehuette

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Es gibt Künstler und Promis, die auf Instagram und Co. extrem viel auf solche Kommentare antworten. Manchmal rechtfertigen sie sich, manchmal motzen sie zurück, manche tun das hingegen gar nicht. Wie stehen Sie dazu?

Es gibt keine übergreifende Taktik. Ich mache das immer relativ spontan. Kommentare wie "Boah, bist du hässlich" sind mir egal. Denen kann ich keine Aufmerksamkeit schenken, das ist mir zu doof und berührt mich auch nicht. Wenn ich etwas sage, dann, weil ich mich missverstanden oder ungerecht behandelt fühle. Es gab mal ein Foto, auf dem ich vor einer Wand stehe, mit einem Glas in der Hand und da war ein Strohhalm drin. Auf dem Bild war ich bauchfrei, woraufhin ungefähr 100 Leute geschrieben haben, ich solle mal etwas essen. Das ist mir piepegal. Aber ein Mädchen hat kommentiert, ich sei ein Vorbild und dass ich ein Bild mit Strohhalm poste, sei asozial. Man müsste auch an die Umwelt denken. Das war eine Situation, in der ich mich ungerecht behandelt gefühlt habe. Umweltschutz ist ein Thema, für das ich mich einsetze und stark mache. Und auf so etwas antworte ich dann schon einmal.

Könnten Sie sich vorstellen, die App mal zu löschen?

Das habe ich im vergangenen Jahr gemacht. Aber für mich macht Instagram Sinn und macht mir Spaß. Ich könnte mir vorstellen, die App zu löschen, wenn es mir mal zu blöd wird. Da bin ich auch rigoros und sage, das wars, ciao. Aber momentan nicht.

Auf "Only Love, L" singen Sie auch viel über die Liebe. Gibt es einen neuen Mann in Ihrem Leben?

Über das Thema rede ich nicht. Das war ja immer schon so. Aber Fragen kostet ja nichts!

Lenas neues Album "Only Love,l" erscheint am 5. April.

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