Dass beim Eurovision Song Contest alles passieren kann, ist spätestens seit dem Sensations-Sieg der finnischen Hardrock-Formation Lordi im Jahr 2006 klar. Jetzt ertönt ihr damaliger Siegertitel ganz neu und anders – dargeboten von Johnny Logan, der umgekehrt auch von Lordi gecovert wird. Neues und Hörenswertes gibt es außerdem von Ikkimel und Drake.
Johnny Logan & Lordi – Hard Rock Hallelujah & Hold Me Now
Auf der einen Seite ein dreifacher ESC-Gewinner (zweimal als Sänger, einmal als Komponist), der den Gesangswettbewerb verkörpert wie kaum jemand sonst. Auf der anderen ein einmaliger Gewinner-Act, dessen Sieg auch 20 Jahre später noch verblüfft: Johnny Logan und Lordi schrieben für sich jeweils ESC-Geschichte. Hier der irische Schmusepop-Sänger mit dem Perfekter-Schwiegersohn-Image, dort die finnischen Hardrock-Monster mit den brettharten Gitarrenriffs. Künstlerisch trennen sie Welten. Aber in den magischen Wochen rund um den ESC kann ja alles passieren ...
Was jetzt passiert ist, kurz vor dem Finale des diesjährigen Eurovision Song Contests (Samstag, 16. Mai in Wien): eine musikalische Kooperation zwischen Logan und Lordi. "Zwei ESC-Legenden, zwei Klassiker, ein Projekt", ist die eigenwillige Crossover-Zusammenarbeit überschrieben, bei der die jeweils bekanntesten Songs der anderen Seite gecovert wurden. Heißt: Johnny Logan hat eine neue Version des Krachers "Hard Rock Hallelujah" aufgenommen, mit dem Lordi 2006 den ESC-Sieg holten. Und Lordi hat gemeinsam mit der Sängerin Noora Louhimo alias Mother Beast den Titel "Hold Me Now" neu eingespielt, Johnny Logans Siegertitel von 1987. Die Idee für den Song-Switch sei spontan bei einem Telefonat entstanden, erklärt Logan. "Ich wusste sofort: Das will ich machen!"
Ikkimel – Poppstar
Wer erinnert sich noch an die Empörung vor ein paar Jahren, als Shirin David und kurz darauf Katja Krasavice mit freizügigem Supersize-Boss-Bitch-Pop die Charts eroberten? Als Leute Sachen sagten wie "Wenn die Kids von heute solche Sachen hören, dann gute Nacht"? Nun, was David und Krasavice angestellt haben und immer noch anstellen, erscheint beinahe langweilig im Vergleich damit, was Ikkimel macht. Ihre Outfits: kaum vorzeigbar, wo auch ein U18-Publikum hinsieht. Ihre Lyrics: bis auf wenige Ausnahmen nicht rezitierbar. Ihre Kunst, mit der sie zuletzt immer größere Erfolge feierte: voll auf Provokation und Überreizung ausgelegt. Mit Ikkimels zweitem Album "Poppstar" (ja, mit zwei "p") erreicht der Krawallpop jetzt eine neue Eskalationsstufe.
Melina Gaby Strauß alias Ikkimel aus Berlin-Tempelhof, Jahrgang 1997, Abitur auf dem Beethoven-Gymnasium, mag es in der Musik hart, schnell und dreckig. Mit den Gefühlen hat sie es eher nicht so. 14 Songs stopft sie in hyperaktive 30 Minuten, die sich eher anfühlen wie 15. Sehr unterhaltsam, wenn man denn darüber lachen kann, in jedem Fall aber umwerfend ungeniert und radikal. Immer wieder staunt man: Soso, es geht also doch noch doller. Ikkimel singt über hässliche Männer und Taschentücher, übers Dübel-Reinschieben, über Liebe am Strand und Liebe im Mondschein – wobei sie dazu, man kann es sich denken, nie "Liebe" sagt. Ikkimel möchte die Stadt abbrennen, alles einreißen. "Und dann baue ich mir 'ne fette, fette Villa in den Dreck!"
Drake – Iceman / Habibti / Maid Of Honour
Drake gegen Kendrick Lamar: Das war in den letzten drei Jahren der wohl größte Beef der Rap-Szene, und zuletzt sah es aus, als hätte Lamar den Streit "gewonnen". Sein Disstrack "Not Like Us", in dem er schwere Anschuldigungen gegen Drake erhob und diesem diverse Straftaten vorwarf, gewann fünf Grammys. Es war der Höhe- und vorläufige Schlusspunkt einer ganzen Serie von Songs, mit denen die beiden Rap-Giganten sich gegenseitig diffamiert hatten. Vor allem Drakes Image litt dabei stark. Nach zweijähriger Ruhe schlägt er nun zurück.
Vor einigen Monaten schon hatte Drake das neue Album "Iceman" angekündigt – eine Veröffentlichung, der die gesamte HipHop-Szene mit Spannung entgegenfieberte. Jetzt aber gibt es noch viel mehr zu hören und zu analysieren als irgendjemand erwartet hätte: Zeitgleich mit "Iceman" hat Drake direkt zwei weitere Alben veröffentlicht, "Habibti" und "Maid Of Honour". Insgesamt kommen die neuen Releases auf 43 Songs. Eines der großen Themen, wenig überraschend, ist wieder der Streit mit Kendrick Lamar. Nach Versöhnung klingt die Musik eher nicht. Mit dem Zerpflücken und genauen Durchleuchten der einzelnen Tracks wird die Rap-Community aber sicher noch einige Wochen beschäftigt sein.