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Punk-Album Madsen: "Humor und Wut sind eine gute Kombination"

Madsen
Niko Maurer und die drei Brüder Sebastian, Johannes Madsen und Sascha Madsen (v.l.n.r.) bilden die Band Madsen
© Dennis Dirksen
Madsen veröffentlichen ein Punk-Album. Im Interview mit NEON sprechen Sänger Sebastian Madsen und sein Bruder Sascha, Schlagzeuger der Band, über Protest, das Erwachsenwerden und ihre Klage gegen die NPD.

Manche haben in der Corona-Zeit Brot gebacken, gestrickt oder Serien geschaut. Madsen haben ein neues Album geschrieben und aufgenommen – und dabei auch noch die Musikrichtung geändert. Die Band aus dem Wendland, die bisher auf der Grenze zwischen Gitarrenrock und -pop balancierte, macht plötzlich Punk.

Ideen dafür zu finden, sei nicht schwer gewesen, sagt Sänger und Texter Sebastian Madsen zu NEON: "Man muss nur die Nachrichten schauen." Auf der neuen Platte "Na gut dann nicht" präsentieren sich Madsen rotzfrech, laut und politisch. Von Quarantäne bis Polizeigewalt werden so ziemlich alle aktuellen Themen der Zeit angerissen. 

Im Interview mit NEON sprechen Sebastian Madsen und sein Bruder Sascha, Schlagzeuger der Band, über Protest, Wut, das Erwachsenwerden und ihre Klage gegen die NPD.

Punk-Album von Madsen: "Es wird nur noch so wenig gelacht"

Was bedeutet Punk denn für euch?
Sebastian Madsen:
Für uns ist das eine Art positive Narrenfreiheit, die viel mit Humor und in erster Linie natürlich auch mit Musik zu tun hat. Das hat uns als Teenies daran begeistert. Dadurch haben wir erst gemerkt, dass es noch etwas abseits des Radiomainstreams gibt. So war auch die Herangehensweise bei dem Album: Einfach machen!

Eure Musik ist ab und an schon etwas lauter, im Punk hätte man euch bisher aber eher nicht einsortiert. Woher kommt die Verbindung dazu bei euch?
Sascha Madsen:
Bei Punk waren wir uns immer einig. Wir sind auch alle mal in andere Richtungen gegangen, Singer-Songwriter, Pop oder Metal, aber Punk konnten wir immer zusammen hören.

Sebastian: In der Geschichte von Madsen haben wir viel rumprobiert und waren auch dem Pop nie verschlossen. Wir hatten immer mal Lust auf große, hymnische Melodien und Texte, die jeder versteht. Eigentlich hatten wir eine fertig vorproduzierte und geschriebene Platte, die wir aufnehmen wollten – aber irgendwie haben wir das nicht mehr so gefühlt. Und dann gab es irgendwann bei mir diesen Geistesblitz: Punk!

Warum war es jetzt Zeit für diese Art von Musik?
Sascha:
Ich habe das Gefühl, dass sie gut in die Zeit passt. Es wird nur noch so wenig gelacht gerade. Ich finde, dass man sich gerade jetzt auch Humor bewahren muss, trotz Lockdown, Trump, Verschwörungstheorien und Moria.

Humor ist aber nur die eine Seite. Es ist auch viel Wut dabei.
Sascha:
Humor und Wut sind eine gute Kombination. Es sind ja gerade alle etwas angepisst wegen dieser Dinge. Bei uns musste auf jeden Fall auch was raus.

Ihr sprecht viele aktuelle Themen an in euren neuen Songs, von Verschwörungstheoretikern über Polizeigewalt bis zu "alten weißen Männern". Welches Thema bewegt euch gerade besonders?
Sebastian:
Ich bin sehr zufrieden mit dem Text von "Protest ist cool, aber anstrengend". Wir hatten mit einem alten Kumpel, der wie Sascha auch Kinder hat, eine Unterhaltung über Fridays For Future. Die Kinder sagen einem: "Wir müssen da hin", und wir sagen: "Wir müssen aber auch noch was im Haushalt erledigen." Da bringt es aber nichts, nur mit dem Finger auf andere zu zeigen. Man muss sich auch selbst hinterfragen.

Auf und neben der Bühne engagiert und positioniert ihr euch schon lange politisch – in euren Songs war das aber so gut wie nie Thema. Warum nicht?
Sascha:
Wir haben das in den Texten immer ein bisschen versteckt, weil wir nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen wollten. Mit dieser Musik und auch in dieser Zeit ist es einfacher, sich zu positionieren.

Sebastian: Ich hatte immer ein bisschen Schiss davor, politische Lieder zu schreiben. Jetzt bin ich überrascht, wie einfach das ist. Die politische Haltung zu zeigen ist überhaupt nicht schwer, denn das sind ja auch wir. Unseren Song "Du schreibst Geschichte" haben wir gewissermaßen aus der Not zu einem politischen Lied gemacht.

Die NPD hatte das Lied einmal auf einer ihrer Veranstaltungen gespielt ...
Sebastian:
Da haben wir sofort einen Anwalt eingeschaltet, das dürfen sie jetzt nicht mehr. Aber dieses Lied ist so weit interpretierbar, dass wir seitdem bei jedem Konzert eine politische Ansage dazu machen, die sich eindeutig gegen Rechts positioniert.

Einer euren neuen Songs heißt "Quarantäne für immer". Habt ihr die soziale Isolation so genossen?
Sebastian:
Wir haben zumindest versucht, das Beste daraus zu machen. Neulich ist eine Diskussion aufgekommen, weil jemand meinte, wir machen uns damit über Leute lustig, die alle Maßnahmen befolgen – aber das tun wir selbst auch aus voller Überzeugung. Es gab auch im Lockdown ein paar Sachen, die mir ganz gut gefallen haben. Ich bin zur Ruhe gekommen, wir konnten den Probenraum aufräumen, ich brauchte keine Entschuldigung, wenn ich irgendwo nicht hinwollte. Abgesehen von den vielen schrecklichen Schicksalen, die es gibt, auch bei uns in der Kulturszene, war das nicht nur schlecht.

Wie schwierig war es, in dieser Situation kreativ zu sein und sich gleichzeitig zu strukturieren?
Sascha:
Ich war dankbar für die Aufgabe. Das war wichtig für uns, positiv und gar nicht schwer. Alles ist innerhalb von zwei Wochen passiert ...

Sebastian: Es war mit das Leichteste, was wir als Band gemacht haben. Ich hatte vorher ehrlich gesagt nicht so richtig gute Ideen gehabt. Und in diesen zwei Wochen platzte plötzlich alles raus bei uns. Wir haben zum ersten Mal zusammen geschrieben, das war richtig erfrischend.

Wie funktioniert eigentlich eine Band im Lockdown? Habt ihr euch auch nur noch am Bildschirm gesehen?
Sebastian:
Sascha und ich haben uns erst im Juni nach einem halben Jahr wieder gesehen. Wir waren auch bei unseren Eltern erst mal total vorsichtig. Ich habe meinen Eltern aus fünf Metern Entfernung an der Tür Hallo gesagt, obwohl wir uns auch monatelang nicht gesehen hatten. Dann habe ich eine Woche gewartet, ob es mir gut geht, und mich dann erst mit ihnen an den Tisch gesetzt. Wir waren da sehr vorsichtig.

Wann war euer letztes Konzert?
Sascha:
Am 29. November 2019 in Hamburg.

Das sind elf Monate. Wie ist es, so lange nicht auf der Bühne zu stehen?
Sascha:
So eine lange Pause gab es in der Bandgeschichte noch nicht. Ich freue mich darauf, endlich wieder abendfüllende Konzerte spielen zu können. Das fehlt mir langsam so richtig – vor allem der Austausch mit dem Publikum. Wenn das richtig funktioniert, ist es das Beste, was es gibt. Jetzt kann ich im Internet Kommentare lesen.

Im vergangenen Jahr habt ihr euer 15-jähriges Jubiläum gefeiert. Ist man als Band damit richtig erwachsen oder schon alt?
Sebastian:
Zumindest fühlt sich das Wort "erwachsen" nicht mehr wie ein Fremdkörper an. 

Sascha: Die Teenieprobleme, dass man so komische Sachen macht, das ist man schon los. 

Sebastian: Aber gerade dieses Album fühlt sich noch überhaupt nicht nach letzter Station an. Ich habe das Gefühl, wir können uns und die Leute noch überraschen. 

Welche Ziele und Träume habt ihr noch als Band?
Sascha:
Erst mal steht im Fokus, bald hoffentlich wieder auf Tour gehen zu können. Und dann? Ich weiß nicht. Bisher sind wir immer ganz gesund gewachsen: Auf der ersten Tour waren 500 Leute da, das Highlight waren bisher 7000, und die Tour, die wir zweimal verschoben haben, wäre wieder unsere größte gewesen. Wenn es auf dem Level bleibt oder weiter gesund wächst, sind wir glücklich.


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