Mercury Rev Klangwelten im Geiste Disneys und Pink Floyds


Auf ihrem neuen Album präsentiert die amerikanische Band Mercury Rev opulenten Psychedelic-Pop voller weichgezeichneter Klanglandschaften.

Der Himmel voller Geigen, der Kopf in den Wolken, die Mundwinkel voller Schokolade, die Hand am Verzerrer - bei Mercury Rev vertragen sich Kitsch und Rock erstaunlich gut. Auch auf ihrem neuen Album "The Secret Migration" versuchen sich Jonathan Donahue (Gesang, Gitarre) und seine Mitstreiter wieder an einer aktuellen Version von Psychedelic-Pop, die auf versponnene Momente nicht verzichtet, aber insgesamt verpielte Ornamentik, flüchtige Flügelschlagsounds und weichgezeichnete Klanglandschaften in den Vordergrund stellt.

Feiner Art-Rock

Auch wenn an manchen Stellen der Liebreiz etwas zu überdosiert und überdimensioniert wirkt, ist "The Secret Migration" ein feines Art-Rock-Album geworden, dessen musikalische Weitsicht gefällt und das seine Süße immer wieder zügelt, bevor sie klebrig wird. Mercury-Rev-Mastermind Jonathan Donahue mag's opulent. Deshalb ist für ihn "Art-Rock" auch kein Schimpfwort, auch wenn es schon seit Punk-Tagen in vielen Kreisen ein Synonym ist für bräsigen Altherren-Pomp ist. "Art-Rock? Kunst-Rock? Was soll daran schlimm sein?", fragt Donahue rhetorisch. "Rock ist eine Form künstlerischen Ausdrucks. Also ist eigentlich jede Art von Rock Art-Rock. Natürlich habe ich als Kind lieber Punk gehört als Yes oder etwas in der Art. Aber es ist doch nur eine andere Weise des Ausdruck, eine andere Sprache - ob du mit verzerrten Gitarren arbeitest oder mit Flöten; was du damit sagen willst, ist doch meist das gleiche."

Mercury Rev jedenfalls setzen lieber auf die Flöten, wenn sie ihre Version von Popmusik zelebrieren. Aber nicht nur. Seit der ihrer Gründung in Buffalo im US-Staat New York im Jahr 1988 bemüht sich die Band, einen Kontrapunkt zu setzen zu der im Rock niemals so richtig aus der Mode kommenden Schlagzeug-Bass-Gitarre-Ästhetik. Von Anfang an setzten Mercury Rev auf die Kraft der opulenten Klangwelten, experimentierten mit Bläsern, Streichern, altmodischen Synthesizern und singenden Sägen.

Harmonien im Sound, Dissonanzen im Bandgefüge

Während in der Bandgeschichten zumeist Dissonanzen vorherrschten, die bis zu Schlägereien ausarten konnten und dazu führten, dass mittlerweile Jonathan Donahue als einziges verbliebenes Gründungsmitglied fast allein das Sagen hat, kommen die musikalischen Einflüsse von Mercury Rev zumeist aus der harmonischen Ecke des Pop-Spektrums. Sie heißen Pink Floyd, Beach Boys oder stammen von den Soundtracks diverser Filme. Donahue erklärt: "Soundtracks sind schon ein großer Einfluss für mich. Vor allem die Soundtracks von alten Disney-Filmen bewegen mich seit meiner Kindheit. Unsere Alben sind zwar nicht als Soundtracks konzipiert, aber die Klänge sollen schon Bilder in den Köpfen der Zuhörer entstehen lassen."

Den Einwand, dies sei ein ebenso beliebte wie inhaltsleere Floskel, die zu jeder Musik passt, will Donahue nicht gelten lassen. Er will keinen inhaltslosen Klangteppich produzieren, den jeder mit eigenen Erinnerungen bedeutungstechnisch aufladen kann. Er will mit seinen Sounds tiefer bohren. Richtung Carl Gustav Jung. "Es gibt in meinen Augen ein paar Archetypen, die sehr universal sind, die über alle Kulturen hin eine Bedeutung haben", erläutert Donahue: "Unsere Musik soll im Idealfall eine ähnliche Qualität haben. Wenn man sieht, wieviel die eigenen Träume gemeinhaben mit den Träumen aller anderen Menschen, erkennt man, dass wir irgendwie alle miteinander verbunden sind. Auf dieser Ebene soll auch die Musik von Mercury Rev zu den Menschen sprechen."

Markus Schwarz/AP AP

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