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TV-Kritik

Neue Castingshow: "Queen of Drags": Glitzer, Glamour, Bratwürste – aber Heidi hält sich im Hintergrund auf

Aufatmen: Der Auftakt der neuen Castingshow "Queen of Drags" erfüllt nicht die befürchteten Klischees. Heidi Klum reagierte sogar auf die Kritik – und überließ ihren Mitjuroren Conchita Wurst und Olivia Jones überraschend die erste Reihe.

ProSieben Queen of Drags Kandidaten

"Wenn ich ehrlich bin, habe ich vor Heidi ein bisschen Angst" – der Satz fällt, da haben zehn aufgeregte Männer gerade mit gefühlt 85 Koffern und großer Mühe die Treppe einer Protz-Villa in den Hügeln L.A.‘s erklommen.

In den Koffern: Kiloweise Fummel, Haarteile, High Heels, falsche Wimpern: "Das ist natürlich schon Arbeit, so auszusehen", sagt Candy Crash, eine von insgesamt zehn Männern, die gern in Frauenkleidern auftreten und die hier um den Titel "Queen of Drags" kämpfen.

"Queen of Drags": Nur üble Klischees?

Viel ist vorab geschrieben worden über die neue Casting-Show auf ProSieben. Dass mit Heidi Klum ausgerechnet eine weiße Heterofrau eine deutsche Abwandlung von "Ru Pauls Drag Race" moderieren würde, störte vor allem die Community: Eine von zwei Berliner Drag Queens initiierte Online-Petition unterschrieben bis heute mehr als 27.000 Menschen. Klum, so die Befürchtung, gehe es um "die bloße Zurschaustellung übelster Klischees". Zudem bereichere sich mit der 45-Jährigen ausgerechnet jemand an der Subkultur, der bei "Germanys Next Top Model" seit Jahren rigide Geschlechternormen predige – also das genaue Gegenteil für die Vielfalt, für die Drag steht. Auch Désirée Nick moserte: "Heidi ist von 'Diversity' so weit entfernt wie Alexander Gauland vom Berghain!"

Bill Kaulitz, Heidi Klum, Olivia Jones und Conchita Wurst (v.l.) bei der Auftaktsendung zu "Queen of Drags"

Flotte Sprüche, extravagante Outfits: Bill Kaulitz, Heidi Klum, Olivia Jones und Conchita Wurst (v.l.) bei der Auftaktsendung zu "Queen of Drags"

DPA

Die Kritik schien nicht spurlos an Heidi Klum vorbei gegangen zu sein: Ungewohnt unsicher mischte sie sich in der Auftaktfolge unter die Kandidaten und ging sogar direkt auf die Vorwürfe ein – dankenswerterweise im typisch holprigem Klum-Denglisch: "Ich bin offen und tolerant für alle Menschen", sagte sie. Es sei "total gemein", dass man das anzweifele. Sie bewundere die Drag-Kunst seit Jahren: "Wir wollen ihr die Bühne geben, die sie verdient", sagte sie.

Der eigentliche Star ist nicht Heidi Klum, sondern Conchita Wurst

Was nicht unbedingt zu erwarten war: Klum selbst drängt sich dabei nicht in den Vordergrund. Der eigentliche Star ist Mitjurorin Conchita Wurst. Die österreichische ESC-Gewinnerin von 2014 ("Rise Like A Phoenix") führt als Off-Stimme durch die Show, in persönlichen Gesprächen stellt sie die Kandidaten vor und sie fungiert gewissermaßen als Übersetzer zwischen Mainstream und Drag-Szene. Wenn Tom Neuwirth, so Wursts bürgerlicher Name, den Satz sagt "Die Magie an Drag ist, dass es dich größer werden lässt als das Leben" dann hat ProSieben schon viel von seinem nicht vorhandenen Bildungsauftrag erfüllt.

Man darf nicht vergessen: Das, was im Nachtleben von deutschen Großstädten schon total normal ist, sorgt andernorts noch immer für Ablehnung: "Viele finden das ekelhaft", sagt Drag Queen Bambi Mercury. "Wir sind da! Es ist immer noch wichtig, dass darüber gesprochen wird." Deshalb nutzte er seinen Auftritt für ein politisches Statement, ging mit Regenbogen- und Trans-Flagge auf die Bühne. "Woran hast du gedacht?", fragt ihn Jurymitglied Bill Kaulitz, sichtlich gerührt: "An meine Jugend", sagt Mercury mit Tränen in den Augen.

Signalwirkung zu besten Sendezeit

Dass jetzt bei einem großen Privatsender eine Show mit und über Drag Queens zur besten Sendezeit läuft, so etwas gab es vorher noch nicht im deutschen Fernsehen. Man sollte die Signalwirkung trotz der nachvollziehbaren Kritik nicht unterschätzen.

Irgendwo da draußen kann jetzt ein 15-Jähriger im elterlichen Wohnzimmer sehen, wie ein 48-jähriger schwarzer Mann sich in eine Diva namens Catherrine Leclery verwandelt und inbrünstig "I will survive" von Gloria Gaynor schmettert. Das ist allen Unkenrufen zum Trotz eine gute Nachricht. Universal auch ihre Message: "Don‘t hate me, celebrate me!"

Olivia Jones klopft Sprüche

Apropos Sätze, die man sich in sein Notizbuch für coole Sätze kritzeln kann. Solche prasselten im Minutentakt von Gastjurorin Olivia Jones nieder. Deutschlands bekanntester Drag Queen ist nach eigenen Angaben "eine sehr strenge Mutti".

Die Auftritte des Nachwuchses, die unter dem Motto "The Art of Drag" standen, kommentierte sie mit herrlicher Hamburger Schnoddrigkeit: "Das war so DDR-Fernsehballett-mäßig", sagte sie zu einer hölzernen Performance. "Geisterbahn goes Muppetshow" lautet das Urteil zum Outfit einer Drag Queen. Das Zeug zum Klassiker hatte: "Wir sagen immer: ein Kitzler wie eine Bratwurst", mit dem Jones den Versuch kommentierte, ein primäres männliches Geschlechtsteil abzubinden. Auch selten gehört im deutschen TV: "Augenbrauen sind die Nippel des Gesichts". Der Spruch kam ausnahmsweise nicht von Olivia Jones kam, sondern von Drag Queen Aria Addams.

Die zoffte sich dann auch noch ein bisschen mit einer gewissen Katy Bähm, die ohnehin auf Krawall gebürstet scheint. Der Stein des Anstoßes aber, er schimmerte: "Ihr streitet euch jetzt nicht wirklich um Glitzer?!", griff Candy Crash fassungslos ins Geschehen ein. Da dürfte es auch dem Letzten vordem TV gedämmert haben: "Drag Queens sind Menschen wie du und ich", hatte einer der Kandidaten anfangs mit eine breiten Lächeln gesagt; "nur mit ein bisschen mehr Make-Up."

  • Simone Deckner