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MTV Video Music Awards: Magdeburger Eingemachtes in Los Angeles

Erfolgreicher Abend in Los Angeles: Die deutsche Band Tokio Hotel gewinnt bei den MTV Video Music Awards einen Preis. Britney Spears feiert ein Comeback, ohne dafür singen zu müssen. Nur Gastgeber Russell Brand fällt mit zotigen Witzen und peinlichen Obama-Wahlaufrufen aus dem Rahmen.

Von Frank Siering, Los Angeles

"Damit haben wir nun wirklich nicht gerechnet", schnaufte Bill Kaulitz ins Mikrofon und wischte sich mit einem Tempo-Taschentuch schnell den Schweiß von der Stirn, als er und seine drei Bandmitglieder den Preis als "Bester neuer Künstler" entgegennehmen durfte. Der Frontman der Magdeburger Kapelle Tokio Hotel freute sich zwar ungemein über die "tolle Auszeichnung", kämpfte aber genauso gegen die Auswirkungen der stehenden Hitze in Los Angeles wie den anderen Stars und Sternchen, die zur 25. Verleihung der Video Music Awards von MTV in die Paramount Studios von Hollywood gekommen waren.

Tokio Hotel hatte schon vor der Live-Show einen starken Auftritt. Auf der Ladefläche eines sogenannten Monster-Trucks war die Band an den Roten Teppich gefahren worden. So gar nicht im "grünen Trend" liegend (weniger Abgase, mehr Hybrid-Motoren), sondern eher martialisch und dem Image des krafttreibenden Germanen in Amerika folgend. Den aufgeregten Jungs aus Germany allerdings war es ziemlich egal. "Wir reißen uns im Moment den Hintern auf, und sind einfach nur happy, dass die amerikanischen Fans so auf uns abfahren", so Kaultiz. Und diesen Spruch beherrscht er mitterweile auch in der englischen Sprache fließend.

Baby, one more time

Ein weiterer Höhepunkt der gestrigen VMAs war das zum Teil etwas zu offensichtlich inszenierte Comeback der verlorenen MTV-Tochter Britney Spears. Die 26-jährige zweifache Mama, die sich in einer mental instabilen Minute auch schon mal den Kopf kahl rasiert und die Kinder mit Feuerzeugen spielen lässt, durfte nicht nur die Jubiläumsveranstaltung mit einem aufgezeichneten gespielten Sketch eröffnen, sie räumte gleichzeitig auch noch ordentlich ab, und musste dafür nicht einmal auf der Bühne herumtanzen. Spears gewann für ihren Song "Piece of Me" in den Kategorien "Bestes Pop Video", "Beste Künstlerin" und auch noch "Video des Jahres". Das wiederum führte zumindest im Reich der Blogger, die diesmal die VMAs das erste Mal zuhauf live begleiten durften, zu großem Unmut. "Unverdient", "Schiebung" und "Mauschelei" waren noch die freundlichsten Worte, die da in Windeseile durch das World Wide Web sausten.

Nett sah sie aus

Und Spears selbst? Nett sah sie aus, in ihrem silbernen kurzen Kleidchen. Wieder schlank und rank. Gesund. Und sehr kurz angebunden. Ganz 20 Sekunden dauerte ihr Live-Auftritt auf der Bühne. Getreu dem Motto: Die Katastrophe vom vergangenen Jahr, als sie einen recht rumpeligen Tanz hingelegt hatte, bloß wieder vergessen machen. Vielleicht eröffnete sie die VMAs auch deshalb wie eine Angestellte im Öffentlichen Dienst beim Verlesen der neuen Gebührenverordnung. Das auf die besseren Besucherplätze von MTV bestellte Publikum gröhlte dennoch. MTV ist Gott. Und Britney is back. Ob die Fans es nun wollen oder nicht. Musikalisch allerdings schickten gleich zwei Auftritte die Pokalflut von Frau Spears ins Abseits. Pink und die alte Nebenbuhlerin Christina Aguilera beeindruckten durch ihre eloquenten und actiongeladenen Gesangseinlagen. Und auch Aguilera scheint das Mamadasein sehr gut zu bekommen. Mehrfach raunte das Publikum wohlwohllend, als die außergewöhnliche Künstlerin auf der Bühne ihre Brötchen verdiente.

Der Gastgeber - ein Fehlgriff

Ein Fehlgriff bei den VMAs war wohl die Besetzung des Gastgebers. Der in den USA recht unbekannte britische Komiker Russell Brand fiel vor allem durch seine offensiven politischen Attacken ("Bush ist ein behinderter Cowboy") und seine übertriebenen sexgeladenen Witze ("ein bisschen Sex hat noch keinem wehgetan") negativ auf. Das ein oder andere Mal herrschte ernüchternde Stille im Saal, als Brand zum Verbalumschlag ausholte und die Amerikaner aufforderte "Obama zu wählen" oder über die Bedeutung von Feuchtigkeitscremes im Zusammenhang mit seinem Penis sprach. Insgesamt allerdings waren die 25. VMA-Awards eine runde Veranstaltung, die in diesem Jahr - sieht man einmal von den Kommentaren Brands ab - ohne große Pannen und Schockmomente ablief. Ob das offensichtlich von MTV angepeilte Ziel, die Karriere von Spears wiederzubeleben, mit der Vergabe der drei Trophäen Erfolg hat, bleibt abzuwarten. Eine Gruppe darf auf jeden Fall schon heute als neuer "german export" gefeiert werden. Tokio Hotel hat mit ihrem Sieg Nena und die Scorpions als bekanntestes deutsches Liedgut jenseits des Atlantiks endgültig abgelöst.