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Neil Young: Bilder aus der amerikanischen Provinz

Ein Polizistenmord lieferte Neil Young die Idee für sein neues Album. Als die Musik stand, war er nicht mehr zu bremsen und drehte einen Film. Jetzt bringt er beides nach Deutschland.

Der massige Mann im Holzfällerhemd meint es ernst - auch wenn das Publikum im Konzerthus in Oslo am Anfang noch lacht. Neil Young erzählt und singt die ersten eineinhalb Stunden seines Konzerts nur von Greendale, einem fiktiven 25.000-Einwohner-Kaff in der amerikanischen Provinz. Keine bekannten Songs, nur Material vom kommenden Album und dem dazu gedrehten Film "Greendale". In Skandinavien begann Young seine Solo-Akustik-Europatournee, danach gastiert die Songwriter-Legende für wenige Auftritte in Deutschland.

Neil Youngs kommendes Werk ist ein Konzeptalbum, wie es in den 60er und 70er Jahren beliebt war, von der Form her also alles andere als zeitgemäß. Doch um den Geschmack des Publikums hat sich Young in seiner bald 40-jährigen Karriere nie gekümmert - und gerade deswegen lieben ihn seine Fans.

Zeitungsmeldung... Album... Film...

Am Anfang von Greendale stand eine Zeitungsmeldung über einen jungen Mann, der in Panik einen Polizisten erschoss. Young las die Meldung, schrieb dazu einen Song, entwickelte neue Charaktere und eine Handlung, schrieb weitere Songs. "Als er das Album fertig hatte, konnte Neil einfach nicht aufhören und begann zu filmen", erklärt sein Manager Elliot Roberts.

Die Stücke, die im Film mit Unterstützung zweier Mitglieder seiner Band Crazy Horse eingespielt wurden, sind auf der Bühne in der akustischen Solo-Darbietung nicht weniger eindringlich. Der 57-Jährige überzeugt musikalisch, versenkt sich in sein brillantes Gitarrenspiel, und auch in sein markanter, bei Live-Auftritten nicht immer überzeugender Gesang ist diesmal glasklar. Freundlich und für seine Verhältnisse äußerst gut gelaunt brummt und nuschelt der Mann mit dem Aussehen eines Truckfahrers zwischen den Songs. "Vertraut mir, ich mache den Job hier seit Jahren", ermuntert er seine geduldigen Zuhörer angesichts der Menge des völlig unbekannten Materials.

Erst die Entwässerungskur, dann der Kuchen

Nach der Präsentation des kommenden Albums und einer zehnminütigen Pause spielt Young einige seiner alten Hits, wie "Lotta Love", "The Loner" oder "Old Man". "Die ersten eineinhalb Stunden sind wie eine Entwässerungskur, der Rest ist dagegen wie ein Stück Kuchen", sagt Young nach dem Konzert beim Abendessen mit Journalisten. Doch gerade bei jenem Kuchen zeigt Young die einzigen Schwächen des Abends: Sein Klavierspiel ist unsauber, das Instrument verstimmt und auch der Gesang hat nicht mehr die bestechende Reinheit des ersten Teils.

Der Irakkrieg spielt nur in verbalen und musikalischen Anspielungen eine Rolle. Direkt will er sich zur Politik nicht äußern - weder auf der Bühne noch im Interview. "Lasst meine Lieder für sich selbst sprechen. Ich habe zu jedem Thema zwei bis drei Meinungen. Mich da festzunageln, wäre, wie wenn man nur eine isolierte Zeile aus einem Song zitieren würde", sagt er nach dem Konzert. So spielt er das eher unbekannte "War Of Man" über das Schicksal der Tiere im Krieg, eine Parabel.

Stephan Köhnlein
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