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Neues Album: Morrisseys römische Rückkehr

Knapp 18 Monate nach seinem letzten Album meldet sich Morrissey zurück. Auf "Ringleader of the Tormentors" singt er von Gott, Leben und Tod, Angst, Hoffnung, Liebe - und von seiner neuen Heimat, der "Ewigen Stadt" Rom.

Eigentlich hätte Morrissey Grund genug, sich zufrieden zurückzulehnen. Sein mit Spannung erwartetes neues Album ist im Kasten, eine bevorstehende Tournee durch Großbritannien seit Wochen ausverkauft. Stattdessen Empörung beim seit zwei Jahrzehnten kultisch verehrten Sänger: Kanada habe Hunderttausende Robbenbabys zur Jagd freigegeben. Bis auf weiteres werde es daher dort keine Konzerte mehr von ihm geben, ließ der bekennende Tierschützer verlauten. Morrisseys neues Album steht trotzdem pünktlich zum 7. April in den Läden - und wird den hohen Erwartungen vollauf gerecht.

Entstanden ist "Ringleader of the Tormentors" in Rom, wo der 46-Jährige in einem Hotel wohnt. Als Produzent stand Tony Visconti hinter den Reglern, unter dessen Regie bereits Alben der Glamrocker T-Rex und von David Bowie entstanden sind. Morrisseys jüngstes Werk klingt trotzdem nur zeitweise so rockig, wie es diese Zusammenarbeit erwarten lassen könnte.

Zusammenarbeit mit Morricone

Statt sägender Gitarren gibt es hier ein Piano, dort Trompeten oder dezente Streicher - bei der Ballade "Dear god please help me" arrangiert vom italienischen Filmkomponisten Ennio Morricone. So meisterlich in Szene gesetzt wie auf Morrisseys mittlerweile achtem Soloalbum wurden seine Songs lange nicht.

Besonders ausgezeichnet hat die Veröffentlichungen des streitbaren Briten ebenso wie die seiner früheren Band The Smiths aber seit jeher etwas anderes: Seine Stimme und die Texte, die er damit zum Besten gab. Das gilt auch für "Ringleader of the Tormentors". Souverän singt er von den großen Dingen: von Gott, Leben und Tod, Angst, Hoffnung und der Liebe - und von seiner neuen Heimat Rom.

In den 90ern sank sein Stern

Bei aller Klasse klang er in der Vergangenheit nicht durchweg so selbstbewusst: In den 90ern war Morisseys Stern selbst in den Augen mancher Fans gesunken, die ihm seit der Smiths-Ära ein Jahrzehnt zuvor treu geblieben waren. In nicht immer brillanten Songs erzählte er Geschichten von skurrilen Typen, die sich als Boxer oder Fensterputzer durchschlagen. Dazu passend stilisierte er sich mit aufgeschminkten Wunden hingebungsvoll zum Opfer widriger Umstände.

Der Tiefpunkt war erreicht, als Morrissey in einem Prozess um viel Geld einem Ex-Bandkollegen unterlag, gegen diesen in einem Song üble Drohungen ausstieß - und wenig später ohne Vertrag bei einer Plattenfirma dastand. Verbittert kehrte er der britischen Heimat den Rücken und verschanzte sich in einer Villa in Los Angeles.

2004 gelang das Comeback

Danach tat sich Jahre lang - von sporadischen Tourneen abgesehen - überhaupt nichts. Auf Fan-Webseiten war zwar regelmäßig von neuen Arbeitgebern zu lesen, die sich aber stets in Luft auflösten. Schließlich wurde er mit dem Label Sanctuary einig, 2004 gelang ihm mit dem grandiosen Album "You are the quarry" ein kaum für möglich gehaltenes Comeback. Dabei konnte er unter anderem seinen ersten Top-Ten-Erfolg in Deutschland feiern.

Selbst öffentliche Tiraden gegen US-Präsident George W. Bush taten Morrisseys neuem Erfolg keinen Abbruch. Das lässt darauf hoffen, dass ihm auch sein militant vorgetragenes Engagement gegen die Robbenjagd, die er übereifrig mit Nazi-Gräueln verglich, keine Fans kostet. Um sein deutsches Publikum kümmert er sich erstmals seit 1999 wieder live: Anfang Juni beim Open-Air-Festivals "Rock am Ring" auf dem Nürburgring und "Rock im Park" in Nürnberg.

Florian Oertel/DPA