HOME

Neues Album von Guns N'Roses: "Chinese Democracy" - jetzt aber wirklich!

Wenn nichts dazwischen kommt, passiert am Wochenende etwas, womit kaum noch jemand gerechnet hat: "Chinese Democracy", seit 15 Jahren verschobenes Album der Guns N'Roses, erblickt nun doch das Licht der Welt. Schade eigentlich.

Von Ingo Scheel

Eine Ära geht zu Ende. Die Ära des Wartens. Des Spöttelns. Des Ankündigens und Verwerfens. Apropos Warten: Hat denn überhaupt noch jemand gewartet oder gar damit gerechnet – mit dem Phantom-Album der letzten zwei Dekaden? Bestand der viel größere Spaß nicht darin, sich die Losung "Chinese Democracy" zuzuraunen und ein abschätziges "Vergiss es" als Antwort zu bekommen? Vorbei. Alles vorbei. Über kein anderes Album wurde soviel spekuliert und gerätselt, gelästert und gelacht - und dass es je erscheinen würde, mochte niemand mehr so recht glauben.

Und doch - das Phantom nimmt nun endgültig Gestalt an. Nachdem im Sommer schon einige Songs den Weg ins Internet gefunden hatten, gibt es jetzt - Tusch! - die tatsächliche Veröffentlichung des neuen Album von Guns N'Roses bzw. des einzig verbliebenen Restmitglieds Axl Rose. Der größte Running Gag der Rockgeschichte findet am 22. November 2008 seine Pointe und schon beim Anhören des Titeltracks, der ersten Single-Auskopplung, meint man, auf den Lacher am Ende verzichten zu können. Auf fast eine Minute Gemurmel folgen Riffs, die verdächtig nach "Rock You Like a Hurricane" klingen und eröffnen den Reigen von 14 Songs.

Und bleiben wir gleich bei den Zahlen: An diesen 14 Songs haben über 30 Produzenten, Engineers, Mixer und Assistants satte 15 Jahre geschraubt. Allein acht Personen haben sich um die Produktionssoftware Protools gekümmert, aufgenommen wurde in New York und Las Vegas, Los Angeles und London. Additional Production. Initial Production. Pre, Post, Extra und Final Mixing - allein beim Lesen der Album-Credits wird man so irre wie Mr. Rose selbst über die letzten anderthalb Dekaden. Auch die meterlangen Danksagungen lassen erahnen, wie kurvenreich und zerschossen die Entstehungsgeschichte, nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch auf der anderen Seite der Studiomauern gewesen sein muss. Viagra und Jesus Christus, Ghetto Metal und Diamond Bottlenecks, Metallica und Helmet, circa 30 verschiedenen Tonstudios and everyone who was or is a Starfucker - allen gebührt der Dank der Gunners.

Am wenigsten überrascht dabei jedoch, dass der überlebensgroße Mythos "Chinese Democracy" binnen etwas mehr als 70 Minuten Spielzeit auf Normalmaß schrumpft. Die Gitarren oft unhörbar zu komprimiertem Matsch verdichtet, krude Vocal-Effekte zwischen Cher und Happy Hardcore ("Street of Dreams"), mit Samples, Schnipseln und Stimmen überfrachtete Soundcollagen ("Madagascar") und nur wenige Songs, die die letzten anderthalb Jahrzehnte unbeschadet überstanden haben ("Catcher in the Rye") - das Fazit fällt nicht eben rosig aus. Der Spaß, den wir alle mit dem endlosen, dem fast absurden Warten auf "Chinese Democracy" hatten, ist nun endgültig vorbei. Und jetzt? Where do we go now? Schauen wir noch einmal auf den Anfang der Platte. Wie heißt es da im Auftaktsong: "It don’t really matter". Ganz genau. Ist auch egal. Darauf einen Dr. Pepper.

Themen in diesem Artikel