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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit "November Rain": Wie mir die legendäre Rock-Hymne durch den Corona-Herbst hilft

November Rain von Guns n' Roses
"November Rain" von Guns n' Roses hat einen Ehrenplatz in Frank Behrendts Plattensammlung
© privat
Als NRW-Ministerpräsident Armin Laschet kürzlich davon sprach, dass der November im Zeitalter von Corona "der Monat der Entscheidung" wird, da drang aus der Tiefe meines Inneren Musik in meine Ohren. Ein Song, ach was, eine Hymne der Rockgeschichte aus den legendären 90er Jahren: "November Rain" von Guns n`Roses. Seitdem höre ich sie jeden Tag mindestens ein Mal. Mir tut sie gut.

Der November war noch nie ein Monat zum Verlieben. Eher trist, bevorzugt in Grau gewandet, meist ein stürmisches Lied auf den rauen Lippen. Nass ist sein zweiter Vorname. Während der Oktober oft als goldener Herbst tituliert wird und bunte Blätterbilder malt, ist sein Nachfolger eher das Warm-up für erwartete heimelige Weihnachtstage im Dezember. "Ich wünschte, ich wäre im Frühling geboren worden, das ist meine Zeit", sagte mein Vater oft, wenn sein Geburtstag im November nahte.

Für mich ist dieser Monat seit 28 Jahren mit einem Song verbunden. Damals, 1992, veröffentlichte die Rockband Guns n'Roses den Track "November Rain". Frontman Axl Rose sang ihn und der unglaubliche Gitarren-Virtuose "Slash" griff dazu unnachahmlich in die Saiten. Das Liebeslied zog mich damals sofort in den Bann, und ich kaufte direkt zwei CDs: Eine lief täglich in meinem Player im Auto auf dem Weg ins Büro, eine zweite hatte ich an der Stereo-Anlage im heimischen Wohnzimmer deponiert. Smartphones gab es nicht und die heutigen Möglichkeiten digitaler Verfügbarkeit von Musik existierten noch nicht in den Köpfen der innovativsten Vorausdenker.

Genauso wie Sound und Text von "November Rain" begeisterte mich das dazugehörige aufwendig produzierte Musikvideo. Der legendäre Clip knackte übrigens als erster aus den 90er Jahren die magische 1-Milliarde-Views-Marke bei Youtube. Im November nimmt die Zahl der täglichen Klicks dieses Songs immer rasant zu, über 40 Prozent mehr im Vergleich zum Tagesdurchschnitt des restlichen Jahres. Die Hauptfigur im Video ist neben der Band eine zauberhafte Braut in Weiß, ein modernes Schneewittchen: Stephanie Seymour, Topmodel und damalige Freundin des langhaarigen Guns n` Roses Frontmanns Axl Rose.

Meine Ehefrau war seinerzeit als 20-Jährige besonders verzückt von Stephanies grandiosem Schleier, den sie in dem Clip trägt. Genau so einen wollte sie einmal selbst zu ihrer eigenen Hochzeit haben. Sie fand ihn und sah fantastisch damit aus. Das Video wurde mit einem Budget von 1,5 Millionen Dollar realisiert und gehört damit zu den teuersten Musikvideos aller Zeiten. Am Anfang sieht man Axl Rose wie er zu Bett geht und Tabletten einnimmt. Dann kommen Sequenzen aus einem Live-Auftritt der Band, die fortan immer wieder auftauchen. Anschließend beginnt die Geschichte mit der Hochzeit von Axl und Stephanie. Klampfen-Chaot "Slash" bemerkt, dass er die Eheringe vergessen hat, aber Bandkollege Duff McKagan hat zum Glück daran gedacht.

Der zottelige "Slash" verlässt als erster in lässiger Cowboy-Manier die märchenhafte Hochzeit, sein Auszug erinnert mich immer an die erhabene Lässigkeit von Gary Cooper in dem Western-Klassiker "High Noon". "Slash" spielt vor der Kirche, die in einer gottverlassenen Steppenlandschaft steht, sein erstes Solo. Eine irre Szene. Der wilde Typ, der die Haare meist vorm Gesicht trägt, braucht die Saiten seines Instruments nicht zu sehen, er spürt sie. Ein begnadeter Verrückter, ich war und bin sein Fan.

Alles geht vorbei

Plötzlich zieht ein heftiger Regen auf und alle versuchen sich zu retten, einer springt sogar durch den Hochzeitskuchen und alles endet im Chaos. In der Schlussszene sieht man trauernde Gäste mit dem tief betrübten Bräutigam an einem offenen Sarg, in dem die einst zauberhafte Braut liegt. In der über neunminütigen Langversion des Clips wird am Schluss eingeblendet, dass dieses Video auf der Geschichte "Without You" vom Autor Del James basiert. Sie handelt von einem Rockstar, der einer Partnerin hinterhertrauert, welche sich mit einem Kopfschuss das Leben nahm, nachdem sie ihn beim Fremdgehen erwischte... Zum Glück sind die beiden Hauptdarsteller aus dem bemerkenswerten Video beide noch am Leben, auch wenn ihre Beziehung im realen Leben in die Brüche ging. Meine Lieblings-Text-Passage in dem Song ist immer noch:

"So never mind the darkness

We still can find a way

'Cause nothin' lasts forever

Even cold November rain…"

Ich finde, die Zeilen haben etwas Mut machendes, Hoffnungsvolles. Gerade in diesen Zeiten tut ein Blick nach vorne gut, die Aussicht, dass graue Corona-Zeiten mit vielen Einschränkungen des vertrauten Lebens vorbeigehen. Dass der Regen der negativen Nachrichten verschwindet und die Sonne des unbeschwerten Lebens wieder scheint. Weil dieser November ein besonderer wird, habe ich mir als persönliche Freude das Album, auf dem auch meine November-Hymne drauf ist, als Vinyl-Platte gekauft. Meine Frau hatte mir vor zwei Jahren einen Plattenspieler geschenkt, eigentlich, damit ich meine Winnetou-Schallplatten aus Kindertagen wieder hören konnte.

Als die feine Nadel auf der goldenen Greatest-Hits-Platte aufsetzte und ein leichtes Knacken ertönte, hatte das etwas von einer Zeitreise. Ich drehte den Regler auf und der satte Sound wummerte aus den Boxen. Meine Kinder waren etwas verwirrt, sie kannten das Lied nicht. Ich erklärte es ihnen und mein Teenie-Sohn fand das Musikvideo immerhin "ganz abgefahren", vor allem den Hechtsprung in die Torte. Meine Tochter merkte süffisant an, dass ich wohl im nächsten Monat auch passende Musik von früher hören würde und hielt ihrer Mutter triumphierend ein altes Weihnachtswerk des Kinder-Liedermachers Rolf Zuckowski entgegen, das sie in meiner CD-Sammlung entdeckt hatte: "Dezemberträume" lautet der Titel der Scheibe.


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