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"The Masked Singer" Tränen bei Sonja Zietlow – und die schiefsten Töne des Jahres

Ein singendes Nilpferd auf der Bühne: Die neue Staffel der ProSieben-Show "The Masked Singer" ist gestartet
Ein singendes Nilpferd auf der Bühne ist ein klares Zeichen: Die neue Staffel der ProSieben-Show "The Masked Singer" ist gestartet
© Willi Weber / ProSieben / DPA
Der große Erfolg der zweiten Staffel, dazu jene Corona-Zeiten, in denen der Mensch nach Ablenkung lechzt: ProSieben legt zügig mit der dritten Staffel von "Masked Singer" nach. Am Ende von Folge eins scheidet direkt ein Big Name aus. Und womit? Mit Recht.
Von Ingo Scheel

Wir erinnern uns: Der erste Corona-Lockdown hatte das Land fest im Griff, reihenweise purzelten die kulturellen Veranstaltungen. Neben RTLs "Let’s Dance" war es auch die ProSieben-Show "The Masked Singer", die im Frühjahr für ein wenig Ablenkung sorgte. Kein Publikum, keine Umarmungen, aber einiges an Entertainment, der zweifache Gewinner des Deutschen Fernsehpreises – in den Kategorien "Beste Show" und "Beste Ausstattung" – bot durchweg good clean Fun. Kein Wunder also, dass noch in diesem Jahr, genauer gesagt, am Vorabend bereits der Auftakt zur dritten Staffel vom Stapel lief.

"Eigentlich könnte die Sendung hier schon zu Ende sein"

Das Prinzip ist das gewohnte, die Jury dagegen hat man komplett rausgespült, stattdessen ein um Enthusiasmus bemühtes, die Betriebstemperatur aber nur selten erreichendes Ersatz-Triple installiert: Den Drittplatzierten der ersten Staffel, Comedian Bülent Ceylan, dazu Sonja Zietlow, die Ex-Häsin, und als Gastjuror das Ex-Chamäleon, Dieter Hallervorden, beide aus der zweiten Staffel.

Zehn Vermummte traten unter ihren Augen an und sangen sich mehr als drei Stunden lang um Kopf und künstlichen Kragen. Im ersten Duell bekam es das weibliche Erdmännchen mit dem Alpaka zu tun. Während das langhälsige Quasi-Kamel sich mit "Say So" zumindest einen "Bemüht"-Stempelchen im Zeugnis verdiente, bekam das Erdfrollein überraschend Verstärkung von einem Erdmännchen. Zwischen "Hungry Eyes" und "Time Of My Life" ließ insbesondere das herzig-dirndleske Outfit zunächst an Enie van de Meiklokjes denken, mit zunehmendem Duettieren – und vor dem Hintergrund der Indizien Kiosk, Nachrichten, Fernseher – kann die Lösung jedoch nur Linda Zervakis lauten, womöglich im Tandem mit Tagesschau-Kollege Jens Riewa. Klingt erst einmal exotisch, aber besser, das hier einfach schon mal für spätere Beweisführung festgehalten zu haben.

Im anschließenden Zweikampf trat Anubis, der altägyptische Gott der Totenriten und der Mumifizierung – ist das religiöse Aneignung oder kann das weg? – gegen ein Nilpferd an, oder anders gesagt: Michael Jackson gegen Whitney Houston, "They don’t care about us" versus "I Wanna Dance With Somebody", letztere Version so frei intoniert, der armen Whitney wäre vor Schreck das Crackpfeifchen in die Badewanne gefallen. Das Jacko-Cover hingegen ließ den Best Ager in der Runde, den guten Didi Hallervorden, gefühlt Veitstänze aufführen. "Den Anubis sehe ich im Finale. Eigentlich könnte die Sendung hier schon zu Ende sein", das vorschnelle Fazit des einstigen Nonstop-Nonsens-Narrens.

Ganz so schnell geht es jedoch nicht, es sollten ja noch einige der aufwändig Kostümierten sich hier ihre Gage verdienen. Das Alien – "das unbekannte Flauschobjekt", so Ceylan – gegen den Hummer, der "sich immer am Hintern kratzt", wie Sonja Zietlow aufmerksam beobachtete, während Didi, der Doppelgänger, mehr auf das achtete, was "anatomisch wichtig" ist, "ein langer Schwanz" nämlich. Hätten wir das also auch geklärt. Im Duell Katze gegen Biene hieß es schließlich Adele versus Axl, "Someone Like You" gegen "Sweet Child O'Mine" von den Guns N'Roses. Während die Katze Sonja Zietlow zu Tränen rührte – und sie auf Marianne Rosenberg tippen ließ – geriet "Schief Child O'Mine" zur wohl danebensten Coverversion mindestens dieses Jahres. Sollte Axl Rose das zufällig gehört haben, dauert es bis zum nächsten Album bestimmt noch einmal zehn Jahre.

"Ich dachte, da steckt was Junges im Kostüm"

Aber sei es drum, es gibt ja noch den Frosch und das Skelett. Der quakende Gesell zappelte sich erst als grüner Bademeister durch Froggy-Tänze und verschüttet gehoffte Crazy-Frog-Erinnerungen, im Anschluss bewies das Skelett in seinem in 800 Stunden erschufteten Kostüm, dass man alle 17 Jahren ruhig mal einen Song von Evanescence hören kann. Die Version von "Bring Me To Life" war durchweg jenes thevoicige Material, von dem es in der zweiten Staffel, so man das denn überhaupt schon konstatieren darf, deutlich mehr zu hören gab.

Zwischendurch verstieg sich Ceylan in einem Wust an Mutmaßungen, wer unter dem jeweiligen Kostüm stecken könnte, ließ Namen von Conchita Wurst und Lorielle London über Steffen Henssler und Daniel Brühl bis Jette Joop und Nelson Müller aufs Jurypult bröckeln. Wähnte Sonja Zietlow einen Moment lang Heidi Klum im Skelett-Kostüm, O-Ton: "Passt ja, Gerippe und so", und stärkte sich Herr Hallervorden an warmen Getränken und kleinen Happen, um die fast dreieinhalb Stunden gut durchzustehen.

Am Ende die Fragen aller Fragen: Wer fliegt? Antwort: Die Biene. Und wer isses nun? Antwort: Veronica Ferres. "Ich dachte, da steckt was Junges im Kostüm", entfuhr es Sonja Zietlow ganz spontan. So ein bisschen Strafe für diese atonale Coverversion muss halt sein. Oder um noch einmal Didi Hallervorden zu zitieren: Von mir aus könnte die Show hier zu Ende sein. Fortsetzung folgt. Mit einigermaßen Luft nach oben.


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