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Newcomer Milow im Interview: "Verwirrung gefällt mir"

"Ayo Technology", die Single des belgischen Newcomers Milow, hält sich seit Wochen ganz oben in den Charts. Wer ist der Senkrechtstarter, der so kongenial 50 Cent covert und in Kürze die Bühne mit Bruce Springsteen teilt?

Von Monika Wesseling

Ihre Version von "Ayo Technology" ist ein Hit. Stört Sie die Brutalität und das Pornografische in dem Lied nicht? Geht Ihnen das "she is always ready, when you want it" - im Gegensatz zu Ihren eigenen reflektierten Stücken - leicht von den Lippen?
Die meisten realisieren gar nicht, was ich da singe. Sie denken, ich singe ein romantisches Lied. Ich sehe es als abgemilderte Parodie. Es ist satirisch. Ich verspotte das Lied nicht, aber ich gebe ihm neue Bedeutung. Die Worte, die im Hiphop frauenfeindlich sind, kommen, so wie ich sie betone, als Reflektion über Einsamkeit und die traurige Abwesenheit von Gefühlen daher. Der Song ist über Voyeurismus und Cybersex, und ich habe keine Lust, mich auf das klassische Singer-Songwriter Répertoire zu beschränken. 50 Cent und ich bilden extreme Gegensätze. Niemand würde uns jemals miteinander in Verbindung bringen, und plötzlich fallen unsere Namen andauernd in einem Satz.

Hat 50 Cent sich schon bei Ihnen gemeldet?
Bisher noch nicht. Das Youtube-Video hat aber inzwischen zehn Millionen Klicks, und das kann ihm nicht entgehen. Vielleicht findet er es auch blöd, dass ich das Stück gecovert habe. Aber ich mag es, dass im Jahre 2009 alles möglich ist. Dass man zwei so unterschiedliche Genres einfach mischen kann, und es kommt was komplett Neues dabei raus, neue Ebenen werden sichtbar, und die Leute entdecken neue Bedeutungen in dem Lied.

Plötzlich klingt Porno nach Romanze?


Ja, sobald du eine akustische Gitarre in der Hand hältst, denken die Leute, du singst ernste oder Liebeslieder. Ich spiele das Stück zur Primetime im Fernsehen und keiner schnallt, was ich da gerade von mir gebe. Keiner reagiert. Die Verwirrung gefällt mir. Die Zuhörer kommen nicht auf die Idee, dass ich in dem Moment etwas Pornografisches spiele. Ich muss eigentlich lachen, wenn ich "I'll be in this bitch until the club close…" singe.

Wie fühlt sich das an, wenn sich plötzlich "die Großen der Branche" auf einen stürzen?
Das ist immer noch unglaublich. Ich habe sechs Monate lang E-Mails an sämtliche Labels geschickt, und es hat sich nicht mal jemand die Mühe gemacht, zu antworten. Die haben gedacht, es wäre Spam: "Hello, I am a Singer/Songwriter from Belgium..." Sie haben mir offensichtlich nicht geglaubt. Aber als ich dann den Nummer eins-Hit in Holland hatte, kamen die Anrufe. Auch zwei große deutsche Labels waren interessiert. Und ich dachte "Wieso nicht?".

Sie singen auf Ihrem Album davon, dass Ihre Generation alles unter Kontrolle haben will. Wie meinen Sie das?


Ich wollte was über mich und meine Freunde schreiben, die Leute in meinem Alter. Meistens ist das eher so eine Marketing Sache: die Generation X, die Generation Y, alle werden über einen Kamm geschoren, und ich wollte sagen, das eine Generation besteht aus ganz vielen Individuen, die total unterschiedlich sind. Aber ich hab versucht, heraus zu finden, was meine Generation verbindet. Es gibt eine Sache, die teilen wir und das ist, dass wir alle versuchen, unser Leben unter Kontrolle zu haben. Und wenn etwas passiert, das wir nicht kontrollieren können, dann sind wir hilflos und wissen nicht mehr weiter. Wenn jemand stirbt oder wir unseren Job verlieren. Ich hab das Lied geschrieben, als ich 23 Jahre alt war und es war einfach mein Versuch, etwas Allgemeingültiges über meine Generation zu sagen. Am Anfang hast du große Hoffnungen und Enthusiasmus und nach und nach gehst du Kompromisse ein. Ich bewerte das nicht, ich beobachte das nur.

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