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Ohrbooten: Im flauschigen Gute-Laune-Kosmos

Sommer-Sonnen-Laune in Endlosschleife: Wie die Berliner Band Ohrbooten den Sound von der Straße auf die Bühne bringt - und das Publikum mächtig ins Schwitzen. Eben noch als Geheimtipp gehandelt, sind sie jetzt auf dem Weg nach ganz oben.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Irgendwas ist doch immer. Bartstoppeln im Waschbecken, Stau auf der Autobahn, Kollege ohne Deodorant, Freundin mit Quasselstrippen-Freibrief. Auch die Berliner Band Ohrbooten singt über das deutsche "Ich-meckere-bis-der-Notarzt-kommt"-Syndrom: "Zu viele Billiglöhne, Handys und Klingeltöne." Und weiter im Text: "Die Party ist doch Standard und sorgt für Depries aufn Samstag." Depries ist die Abkürzung für Depressionen. Eigentlich ein Wort, das im flauschigen Gute-Laune-Kosmos der Ohrbooten nichts verloren hat. Denn, Mann, hey, krempel die Ärmel hoch, wirf die Krawatte in die Ecke, deine Hemmungen gleich hinterher und lass die Sau raus, hab Spaß.

Ab, los, eintauchen in die Ohrbooten-Schallwellen: Reggae, Funk, Pop, Hip Hop, Rock, Dancehall. Die Stile, die Beats, alles kreuz und quer und durcheinander. Nicht ohne Nebenwirkungen: "Die Leute sollen verdammt noch mal schwitzen. Wir wollen die dahin kriegen, dass sie komplett durchdrehen", sagt Sänger Ben kurz bevor er beim "Sonnenrot"-Festival in Geretsried bei München ins Mikrofon rappt. Und was macht das Publikum? Hüpft wie ein Gummiball auf und ab - eine Stunde lang, ohne Pause. "Urlaubsstimmung", jubelt Jan, 21 Jahre alt, verschwitzt, glücklich.

Passanten in Partywütige verwandeln

Kapiert? Trübsal blasen war gestern. Fast regt sich der Verdacht, als hätten die "Ohrbooten" von Fußballgott Franz Beckenbauer höchstpersönlich den Auftrag erhalten, an die schwarz-rot-goldene WM-Euphorie anzuknüpfen. Der wachsende Erfolg der Vier-Mann-Band, die lange als Geheimtipp galt, legt auf jeden Fall den Schluss nahe, dass die Deutschen Sehnsucht haben nach der unerträglichen Leichtigkeit des Seins. Aber hatten sie das nicht schon immer? Vor allem Jugendliche, die mit einem moralisch-philosophischen Herbert Grönemeyer oder mit der Kapitulationserklärung von Tocotronic nichts anfangen können, feiern heftig mit, wenn die Ohrbooten auf der Bühne stehen - oder auf der Straße.

Da kommen sie nämlich her, dort sind sie entstanden, "born auf dem Bordstein", wie es in ihrem Song "Ich fahre hier mit dem Boot rum" heißt. Sänger Ben und Gitarrist Matze zogen fünf Jahre durch die Fußgängerzonen der Republik. Stammplatz: am Boxhagener Platz im Berliner Stadtteil Friedrichshain, sonntags, bei Flohmarkt-Betrieb. Okay, ein paar Verfahren gab es zwar wegen Ruhestörung, aber wegen unerlaubter Spaßverbreitung hat sie noch niemand vor den Kadi geschleppt. Die Jungs hatten den Dreh raus, wie man Passanten in Partywütige verwandelt. Ab Oktober 2003 kamen Schlagzeuger Onkel und Keyboarder Noodt mit dazu. Plötzlich stand der erste Bühnenauftritt ins Haus, ein Name musste her. Vorschläge wie "Tanzkappelle haudrauf" und "Anderstatement" – "weil wir anders sind" - versickerten gleich. Aber "Ohrbooten", hey, warum nicht. Matze wandte noch ein: "Das wird doch mit einem "O" geschrieben."

Konsumkritik mit Witz

Jetzt also mit zwei "O" nach oben: Plattenvertrag bei dem Label der Band Die Toten Hosen, Mitte 2005 die erste Platte "Spieltrieb", rund 200 Konzerte in zwei Jahren, unter anderem beim "Chiemsee Reggae Summer", bei "Rock am Ring" und "Rock im Park", 2006 ausgezeichnet mit dem deutschen Weltmusikpreises "RUTH" in der Kategorie "Newcomer". Und nun das zweite Album: "Babylon bei Boot".

Wer vergleicht, stellt schnell fest, dass die Band inzwischen nicht mehr ganz so leichtfüßig daherkommt. "10 kleine Menschlein" dreht sich um Glaubensfragen, "Kaufrausch" übt Konsumkritik. "Aber den Zeigefinger lassen wir mal schön drin", sagt Matze. "Wir schleichen uns über den Witz rein und dann macht es plötzlich "Bumm"." Quasi derselbe Effekt, der eintritt, wenn einer Wasser trinken will und stattdessen Wodka erwischt. Täuschungsmanöver, auch als Überlebensprinzip: "Nützt doch nichts, wenn wir heulend durch die Welt laufen", sagt Onkel, zündet sich eine Zigarette an, lacht. Reggae-Groove plus kritische Texte - kein Zufall, dass einem da Bob Marley einfällt.

Die Straße als Proberaum

Runter von der Straße sind die Ohrbooten aber noch lange nicht. "Wir wollen nicht nur Red Bull trinken und mit Backstage-Pässen rumlaufen“, sagt Matze, der erklärte Spaßvogel der Truppe. Außerdem habe die Straße einen entscheidenden Vorteil: Sie eigne sich hervorragend als Experimentierfeld. Bevor die Jungs mit Produzent Moses Schneider ins Studio marschierten, haben sie 80 bis 90 Prozent der Stücke live getestet. Wie kommt was an? Worauf fahren die Leute ab?

Anders als im Studio wird viel improvisiert. Noodt benutzt auf der Straße zwei Umhänge-Keyboards, Onkel spielt lediglich Cajon, Shaker und Schellenstab. "Wir müssen Songs und Ausrüstung auf ein Minimum reduzieren", sagt Noodt. "Dadurch stellen wir fest, worauf es uns wirklich ankommt." Auch fremde Musiker sind willkommen. Vergangenen Sommer, im Englischen Garten in München, standen sie plötzlich zu achtzehnt da, darunter viele Kubaner, und feierten eine Jam-Session.

Kosmopolitische Klänge

Einige Musikkritiker werfen den Ohrbooten vor, dass sie sich nicht auf ein Genre festlegen wollen: Nicht Fisch, nicht Fleisch. "Unsere Vielfalt steht uns mächtig im Weg", sagt Ben. Er, der Nachdenklichste und Spirituellste unter den Vieren, legt seine Stirn in Falten, hustet, er ist ein bisschen angeschlagen, Grippe. Doch die Band will an ihrem Stilmix- Sound festhalten. Gyp Hop - diesen Namen haben sie sich selbst ausgedacht, um beide Elemente zu beschreiben, die in ihre Musik einfließen: Gyp steht für Gypsies, Reisende, die durch die Welt ziehen, am liebsten unter freiem Himmel, Hop beschreibt das urbane Element der kosmopolitischen Klänge.

Sicher, das Rad völlig neu erfinden können auch die Ohrbooten nicht: Musik von der Straße, damit erspielte sich unter anderem Bob Dylan seinen großen Namen. Doch zeigen die Ohrbooten wie Bands eigentlich gemacht werden: nicht in irgendwelchen blutleeren TV-Castingshows. Leidenschaft ist ihr Motor, wie abgedroschen das auch klingen mag. Deshalb verzeiht man ihnen auch Plattitüden wie "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es" oder und Banalitäten wie "Heißer Sand und ein Bombentag, meine Süße, sie trägt kein Kleid." Und mag dem einen oder anderen die Sommer-Sonne-Laune in Endlosschleife auf den Senkel gehen, sollte man noch darauf verweisen: während Politiker für mehr Bewegung bei Teenagern kämpfen, haben die Ohrbooten es längst geschafft. Die vielen Jungs und Mädchen, die sich auf ihren Konzerten tummeln, hüpfen wie ein Gummiball auf und ab. Stundenlang, ohne Pause.

  • Sylvie-Sophie Schindler