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Oper mal ganz anders: Bäder-Ouvertüre und Keller-Arien

Wo man singt, macht einen Unterschied. In Berlin werden Arien in Kellern, Schwimmbädern oder Privatwohnungen geschmettert, gerne auch vor kleinem Publikum - und plötzlich wird die Oper superhip.

Von Anja Lösel

Was? In diesem Keller-Bunker soll eine Oper aufgeführt werden? Irgendwo im hintersten Schöneberg, abseits von Philharmonie und Opernhaus? Ja, tatsächlich, und zwar die kleinste, feinste, lustigste und frechste, die Berlin derzeit zu bieten hat: "Hauen und Stechen".

Dass die Kellerdecke grade mal 1,80 Meter hoch ist und größere Menschen nicht aufrecht stehen können, dass hier Heizungsrohre und kahle Backsteinmauern die Kulissen bilden - egal. Auch dass nur 15 Zuschauer in den Keller passen, stört niemanden. Es tritt auf: der junge Bariton Martin Gehrke. Er singt über die Liebe und leidet wohlklingend an der Liebsten: "Du bist so gemein!"

Klassische Musiker, Tänzer und Opernregisseure haben Berlins Szene-Orte entdeckt - und finden dort ein verblüfftes und begeistertes Publikum. Sie singen, tanzen, geigen und trommeln in alten Schwimmbädern, Techno-Clubs, Flugzeug-Hangars. An all den coolen Orten eben, die Berlin so zu bieten hat. Der Keller-Bunker ist auch so einer.

Regisseurin auf dem Kachelofen

Oben drüber betreibt Thilo Mössner seine kleine "Galerina Steiner", den Keller darunter stellt er ab und zu ein paar Studenten der Musikschule Hanns Eisler für ihre kuriosen Mini-Opern zu Verfügung – selbst produziert, getextet und in Szene gesetzt von Julia Lwowski und Franziska Kronfoth. Low Budget und doch hoch professionell. 15 Minuten dauert der erste Teil, dann ziehen alle weiter, die schmale Holztreppe wieder hoch - an einen noch verrückteren Ort. Quer durch den Hinterhof, vorbei an Gartenzwergen und einer missmutigen Hausmeisterin, in die Wohnung des Malers Edwin Dickman, 84. Schmutziges Geschirr türmt sich in der Spüle, die Wände sind vollgepflastert mit Bildern nackter Nymphen, auf dem Kachelofen räkelt sich wie ein Kätzchen Regisseurin Franziska Kronfoth, und mittendrin sitzt der Maler selbst an der Staffelei. Platz für das Publikum ist nur wenig, aber egal, man arrangiert sich, lehnt im Türrahmen, an der Kommode, am Bett.

Abgang durchs Fenster

Was ist das? Plötzlich trällert eine liebliche Mezzosopranstimme unter der Daunendecke hervor. Eine rassige Schönheit im roten Mantel entsteigt dem Bett und sieht trotz Schweißerbrille aus wie eine Göttin: Amelie Saadia.

Maler Dickman freut sich: "So eine schöne Frau hatte ich lange nicht mehr im Bett."

Kaum hat man sich von der Überraschung erholt, springt durchs offene Fenster ein Mann mit Pferdeschwanz herein: Magnus Jonsson, Tenor aus Island und Eisler-Schüler wie auch die meisten anderen Mitwirkenden. Mit Fellhandschuhen, die wie Katzenkrallen aussehen, schubst er Amelie erst mal aufs Bett. Sie zieht den Mantel aus, steht in sexy schwarzem Spitzen-Top da, hüpft auf dem Bett herum, wirft ihre Schuhe durch den Raum, während er riesige Fetzen Speck von einem Schinken herunterbeißt und dabei die Arie von der holden Rosalinde vorträgt, dem "Täubchen, das entflattert ist". Und ab durchs Fenster.

Amelie Saadia ist 25 und schon ein kleiner Star. Für ihre Berliner Freunde singt sie gratis und "weil ich einfach Lust drauf habe und spontan Performances ausprobieren kann."

Die Spucke des Baritons

Es ist großes Drama im Kammerspiel-Format, und gleichzeitig spürt jeder im Raum, dass es auch darum geht, mit Freunden etwas zu machen, was auf einer großen Bühne nicht möglich wäre. "Das sind alles tolle, spielwütige Sänger", sagt Bariton Martin Gehrke. "Sonst würde der Abend nicht funktionieren." Sieben Jahre lang hat er beim Gesangsstar Thomas Quasthoff studiert. "Für uns ist es ein großer Spaß. Das Geld wird an der Staatsoper verdient." Und vor allem: "So ein Bühnenbild wie diese Wohnung und diesen Keller kann man nicht bauen, das gibt es nur in Berlin", sagt Magnus Jonsson. Die Intimität der kleinen Privatvorstellungen ist einmalig. "So richtig gut ist Oper nur, wenn die Spucke des Baritonsängers dem Zuschauer auf die Backe spritzt."

40 Minuten dauert die Oper, vier Durchgänge gibt es. Geduldig warten alle, bis sie dran sind, trinken Mössners Bier und Wein, betrachten die Bilder an den Wänden seiner Galerie. Warum macht Thilo Mössner das alles mit? Öffnet seinen Keller für ein paar Opernfreaks, schenkt Bier aus, spielt den Entertainer für an die hundert Gäste. Alles gratis, einfach so, ganz ohne Eintritt. "Weil da frische und starke Kräfte heranwachsen, die besser sind als die großen Namen in den wichtigen Häusern", schwärmt er. "Weil es nicht so aufgeblasen ist wie der normale Opernbetrieb. Und überhaupt: weil Oper cool ist."

Nächste Aufführungen: 9. Juni und 2. Juli Galerina Steiner, Kluckstraße 35, 10785 Berlin

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