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Operndebüt: Buhrufe für Eichingers "Parsifal"

Für seinen Ausflug in die Opernwelt hatte Filmproduzent Bernd Eichinger sich einiges vorgenommen. Doch wie schon beim Bayreuther "Parsifal" ein Jahr zuvor kochten die Wagnerianer auch in Berlin schnell vor Wut.

Es war kein Untergang, aber ein Triumph sieht anders aus: Mit seiner "Parsifal"-Inszenierung hat Operndebütant Bernd Eichinger in Berlin heftige Ablehnung einstecken müssen. Der Regisseur und Filmproduzent ("Der Untergang") ertrug am Samstagabend stoisch die Buhrufe vieler Premierenzuschauer an der Staatsoper Unter den Linden. Demonstrativ holte Chefdirigent und Publikumsliebling Daniel Barenboim den Regisseur vor den Vorhang und übte den Schulterschluss mit dem angegriffenen Kollegen.

Wütende Wagnerianer

Für seinen Ausflug in die Opernwelt hatte sich Eichinger einiges vorgenommen. Das "Bühnenweihfestspiel" ist Richard Wagners wohl sperrigste Oper. Mit seiner Geschichte um die Gralsritter, den leidenden Gralskönig Amfortas und den "edlen Tor" Parsifal, der ihn von seinem Schmerz erlösen soll, zimmerte sich Wagner eine Privatreligion mit vielen Bezügen zu Kulturgeschichte und Theologie zusammen. Im vergangenen Jahr hatte Skandalregisseur Christoph Schlingensief bei seinem Bayreuther "Parsifal" mit Voodoo-Zauber und schrägen Gestalten Wagner-Fans in Rage gebracht. Auch in Berlin kocht die Wut der Wagnerianer schnell hoch: "Provinztheater, Rampentheater" riefen einige noch während der Aufführung.

Kinomann Eichinger setzt bei seiner Produktion auf bewegte Bilder. Während im Orchestergraben Barenboims Staatskapelle zum satten Wagner-Klang anhebt, laufen die ersten Filmschnipsel: Wie im Planetarium funkeln die Sterne, die blaue Erde kreist am Firmament. Im Graben wummern Trompeten und Posaunen, auf der Leinwand sieht es aus wie in Stanley Kubricks Kultfilm "Odyssee im Weltraum". Als sich der Vorhang hebt, kommt ein dunkler, germanischer Wald zum Vorschein (Bühnenbild: Jens Kilian).

Doch bald schiebt sich eine Flut von Feuerfontänen und Explosionen, Stürmen und Erbeben vor die Szene. Es sind Bilder von untergehenden Zivilisationen, einstürzenden Hochbauten und Palästen. Zu jedem Seelenzustand zeigt Eichinger Videos und degradiert Wagners Musik zum Soundtrack. Als die listige Kundry (Michaela Schuster) Parsifal (Burkard Fritz) vom rechten Weg abbringen will, leuchtet es farbenfroh. Mit einer Kamerafahrt durch einen Tunnel bebildert Eichinger Wagners metaphysischen Schlüsselsatz "Zum Raum wird hier die Zeit". Amfortas haucht sein Leben aus - auf der Leinwand klopft ein Herz in Zeitlupe.

Ansingen gegen die Bilderflut

Eichinger lässt Wagners Musik nicht auf das Bühnengeschehen überspringen. Die stimmlich fabelhaften Darsteller müssen gegen eine Bilderflut ansingen. Am besten gelingt das René Pape als Gurnemanz und Hanno Müller-Brachmann als Amfortas. Doch auch Jochen Schmeckenbecher (Klingsor) und Michaela Schuster erweisen sich als Idealbesetzung.

Am Ende landen Gurnemanz und Kundry als Obdachlose im Central Park. Es schneit und glückliche Familien spazieren vor New Yorks Stadtbild. Die einst so stolzen Gralsritter lungern als Rocker und Punks auf einer Tribüne. Sie pöbeln den siechenden Amfortas an, schwingen Baseballschläger. Erst als Parsifal ihn mit seinem Speer vom Leid erlöst, beruhigt sich die Gang. Dann buhen viele Zuschauer aus voller Kehle. Begeisterung gilt nur Barenboims Orchester, dem Chor und den Sängern.

Esteban Engel/DPA / DPA