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stern-Gespräch

Star-DJ: Paul van Dyk spricht über seinen fast tödlichen Bühnen-Sturz - wie hat ihn das verändert?

Paul van Dyk ist der erfolgreichste deutsche DJ der Welt. Letztes Jahr stürzte er von der Bühne, wäre fast gestorben.

Paul van Dyk nach Unfall: "Ich bin noch nicht wieder derselbe"

Paul van Dyk bei der Arbeit. Mit seinen Auftritten füllt er Stadien

Während des "A State of Trance"-Festivals in Utrecht im Februar vergangenen Jahres fielen Sie von einer hohen Bühne. Woran können Sie sich noch erinnern?

Ich sollte eine Show spielen und wollte über die Bühne zum Pult laufen, ich sah aus dem Augenwinkel das Publikum, die Lichter. Ich freute mich. Dann reißt meine Erinnerung plötzlich ab.

Sie stürzten.

Das schwarze Molton riss, dieser Stoff, mit dem man Bühnen abdeckt, ich fiel ungebremst in die Tiefe. Ein Freund von mir fand mich als Erstes, ich hing kopfüber und bewusstlos in einer der Trassen unter der Bühne. Alles war voller Blut. Ich wurde sofort in die Spezialklinik nach Utrecht gebracht.

Diagnose?

Doppelter Bruch der Wirbelsäule. Dazu ein Schädel-Hirn-Trauma und mehrere Blutungen im Gehirn. Eine der Blutungen drückte auf mein Sprachzentrum. Das Kreativzentrum ist nicht weit davon entfernt; deshalb gab es die Befürchtung, ich könnte nie wieder Musik machen. Ich bekam davon nichts mit, ich lag im künstlichen Koma. Der Arzt sagte meiner Mutter einen Tag nach dem Sturz, dass wir froh sein könnten, dass alle lebenswichtigen Organe noch funktionierten. Es fehlten nur wenige Millimeter, und ich wäre querschnittsgelähmt gewesen.

Glauben Sie an eine höhere Macht, die Sie beschützt hat?

Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube, dass es etwas wie eine Seele gibt und dass meine Seele mit meiner damaligen Freundin Margarita, die heute meine Frau ist, verbunden war. Als ich noch nicht bei Bewusstsein war, gab sie mir ihre Hand, und ich habe zugedrückt. Ich erinnere mich noch an einen Moment, in dem Wärme durch meinen Körper floss.

Ihre Liebe hat Sie gerettet?

Ja. Ich verdanke Margarita mein Leben. Ihre Liebe und die meiner Mutter haben mich angespornt, nicht aufzugeben. Als ich aufwachte, konnte ich weder sprechen noch laufen. Es war unklar, ob ich für immer ein Pflegefall bleiben würde. Ich musste alles neu lernen. Ich machte jeden Tag Fortschritte. Die Ärzte nannten mich ein medizinisches Wunder. Später wechselte ich dann von der Intensivstation auf ein normales Krankenzimmer. In dem Zimmer hatte Margarita überall Sachen aufgehängt, die mich an mich und meine Vergangenheit erinnerten. Meine ersten Platten, aber auch mein Borussia-Dortmund-Trikot. Ich fing an zu weinen.

Sie sehen wieder genauso aus wie vor dem Sturz.

Das täuscht. Ich bin noch lange nicht wieder derselbe. Es sind noch nicht mal 50 Prozent laut der Ärzte. Ich gehe immer noch zum Logopäden und habe Schmerzen.

Wo haben Sie gerade Schmerzen?

Meine Beine fühlen sich so an, als würde ich in eiskaltem Wasser sitzen. Meine Füße brennen wie Feuer. Ein Nervenschaden. Das ist der Grundschmerz, mit dem ich 24 Stunden am Tag klarkommen muss. Zudem ist mein Arbeitsgedächtnis angeknackst. Das ist schwer zu erklären. Meine Festplatte funktioniert zwar wieder, aber der USB-Stick noch nicht. Aber ich will mich nicht beschweren. Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich noch lebe.

Paul van Dyk malt seine Musik: Welche Farbe hat eigentlich Elektro?

Wie war der Moment, als Sie das erste Mal wieder hinter Ihren Musikgeräten standen?

Davor hatte ich unbeschreibliche Angst. Lange habe ich mich gedrückt, dann musste ich es tun. Ich stand da, und mein Herz schlug heftig. Ich fing an, drehte die Regler, es war wie nach Hause kommen. Es war alles wieder da.

Was hätten Sie getan, wenn der DJ Paul von Dyk kein DJ mehr hätte sein können?

Auf jeden Fall hätte ich versucht, nicht aufzugeben. Auch wenn mir ein Leben ohne Musik unvorstellbar erscheint.

Sie machen Trance-Musik. Wie würden Sie einem Laien erklären, was das ist?

Ich will es versuchen: Trance ist eine schnellere, energetischere Unterart der elektronischen Musik. Musikalisch und kompositorisch viel komplexer als zum Beispiel Techno. Trance ist fast philosophisch: Du kannst die ganze positive Energie der Musik füllen mit Weite, Gedanken, Tanz, Gefühlen. Trance ist nicht, wie viele meinen, dieser schwupsige Klick-Klack-Sound, zu dem du ein bisschen nebenbei im Club wippst.

Wie kamen Sie zur Trance-Musik?

Im Osten hatte ich eine Ausbildung zum Nachrichtentechniker gemacht, die wurde im Westen allerdings nicht anerkannt, also begann ich in Berlin eine Lehre als Tischler. Nebenbei habe ich immer Musik gemacht. Ich wusste schnell, wie die Musik klingt, die ich mag, es gab diese Musik aber noch nicht. Also habe ich sie selbst geschaffen. Irgendwann ging beides zusammen nicht mehr. Ich setzte mich mit meinem Chef zusammen und erklärte ihm mein Problem. Mein Chef erzählte mir von seinem Traum, mal ein berühmter Skifahrer zu werden. Dann sagte er: Junge, brich die Ausbildung ab. Versuch das mit deiner Musik.

Ihr erster Auftritt als DJ war im "Tresor". Wie muss man sich die Partyszene im Berlin der 90er Jahre vorstellen?

Die ganzen Ostberliner Firmen sind ja nach der Wende pleitegegangen, deshalb gab es so viel Freiraum. Wir haben Plattenspieler auf leere Bierkästen gestellt und einfach angefangen. Aber man darf das auch nicht überromantisieren: Berlin war schon immer eine kreative Stadt, auch vor dem Mauerfall. Nicht umsonst haben David Bowie und Depeche Mode ihre Alben hier aufgenommen.

Im Vergleich zu vielen anderen DJs aus Deutschland sind Sie sehr schnell international erfolgreich geworden. Wie kam es dazu?

Eigentlich aus Zufall. Eine Zigarettenmarke veranstaltete eine deutsche Nacht auf einer New Yorker Musikmesse. Der eigentliche DJ fiel plötzlich aus, ich rutschte nach. Nach meinem Auftritt wurde ich Gast-DJ in der legendären Partyreihe "Disco 2000" in New York. So fasste ich in den USA Fuß, bevor ich überhaupt in Deutschland bekannt wurde.

Sie hatten mal das zweitgrößte Lufthansa-Meilenkonto der Welt, so viel waren Sie unterwegs.

Das hat sich geändert. Ich bin immer noch viel unterwegs, gerade für mein neues Album, aber ich gönne mir und meinem Körper seit dem Sturz jetzt mehr Pausen.

Sie haben der AfD untersagt, Ihr Lied "Wir sind wir" auf ihren Veranstaltungen zu spielen. Dabei waren Sie mal der Meinung, "eine starke Demokratie müsste es aushalten, wenn auch mal Populisten in ihr herumschreien".

Ja, aber bitte nicht mit meinem geistigen Eigentum. Vor allem wenn meine Werte einfach rein gar nichts mit denen der AfD zu tun haben. Ich glaube fest an Weltoffenheit, Toleranz, und dafür steht die AfD nun mal nicht. Außerdem will ich nicht, dass man meine Lieder als Auftrittsmusik für so geistig fehlgeleitete Menschen wie Björn Höcke missbraucht.

Verraten Sie uns, wen Sie gewählt haben bei der Bundestagswahl?

Ich bin bekennender Sozialdemokrat.

Sie haben mal Werbung für den BER, den ewig unfertigen Berliner Flughafen, gemacht. Bereuen Sie das?

Nein. Die Werbung bestand aus mehreren Motiven: Willy Brandt mit Barack Obama, mit einer süßen Oma und mit mir. Da war ich schon in schlechterer Gesellschaft. Dass dieses Großprojekt völlig in die Hose ging, ist nicht meine Schuld. Über einen neuen Flughafen würde ich mich immer noch freuen.

Was zieht Sie immer wieder zurück in die Hauptstadt?

Wir haben eine Zeit in Los Angeles gelebt, aber wenn ich mit Margarita darüber rede, wo wir jetzt Wurzeln schlagen wollen, fällt uns das schwer. Irgendwas fehlt uns eigentlich immer irgendwo: Mal ist es die Weitläufigkeit von L. A., dann die Coolness von Buenos Aires, mal dieses Exotische, was man zum Beispiel in Peking findet. Deshalb ist Berlin unsere Basis geblieben.

Wie viele Leute auf Ihren Auftritten nehmen Drogen?

Heute sind Drogen doch zum Glück gar nicht mehr so verknüpft mit einer bestimmten Musikrichtung. Früher hieß es immer, bei Trance sind alle auf Teilen. Jedes Interview in den Neunzigern begann mit einer Drogenfrage. Klar, manche Leute nehmen illegale Substanzen, manche besaufen sich, wieder andere trinken nur Cola. Das muss jeder selbst entscheiden. Ich für mich kann nur sagen: Ich könnte Trance nicht druff hören. Es wäre mir zu stressig.

Wie klingt Glück, Herr van Dyk?

Wenn ich meine Musik mache, dann klingt das für mich nach Glück.

Das Interview mit Paul van Dyk ist dem aktuellen stern entnommen:




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