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Washington Memo: Mit Hillary auf der Piste

Typisch: Das "Ibiza" ist einer der angesagtesten Tanz-Clubs in Washington D.C., die Party-Location in der US-Hauptstadt. So etwas lässt sich eine Hillary Clinton nicht entgehen, zumal wenn es darum geht, junge, hippe Geldgeber von ihrem Präsidentschaftswahlkampf zu begeistern. stern.de hat den Auftritt beobachtet.

Von Katja Gloger, Washington

Eigentlich passt dieser Ort nicht zum sorgsam gepflegten Image: `Ne Disco hinterm Hauptbahnhof - und dann auch noch mit dem viel versprechenden Namen "Ibiza". Das soll nach ausschweifenden Nächten klingen, nach wilden Parties und anderen Exzessen, mit denen die vielleicht zukünftige Präsidentin der USA eher nicht in Verbindung gebracht werden will. Aber wer kann sich schon dem Ruf der Jugend entziehen - vor allem, wenn der mit einer stattlichen Summe für die Wahlkampfkasse verbunden ist?

Also folgte Senatorin Hillary Rodham Clinton dem Disco-Sound und kam zu einer "Feier zum Ende des Sommers" ins "Ibiza". Der Club gilt im Moment als DIE Party-Location der sonst so bieder-langweiligen Hauptstadt. Im leicht schmuddeligen Nordosten der Stadt, ein bisschen Fabrikatmosphäre, House und Techno, gute DJs, selbst Paul van Dyk aus Eisenhüttenstadt steht auf dem Programm.

100.000 Dollar für Hillarys Erscheinen

Die "Hillblazers" - ungefähr mit "Hillarys Stürmer" zu übersetzen - hatten geladen. Als "Hillblazer" könnte sich bezeichnen, wer Mrs. Clintons Kandidatur (vor allem finanziell) unterstützt und jünger als ungefähr 45 Jahre ist - Generation Zukunft sozusagen. Allerdings eher die von der betuchteren Sorte: denn auch für die jungen Spendeneintreiber gilt ein ebenso ungeschriebenes wie ehernes Gesetz in Hillarys Kampf ums Weiße Haus: nur wer garantieren kann, dass ungefähr 100.000 - einhunderttausend - Spendendollar in die Wahlkampfkasse fließen, darf bei einem "Event" mit höchstpersönlichem Erscheinen der Kandidatin rechnen. Offenbar kein Problem für "Ibiza"-Betreiber Eric Clay und seine 1000 engsten Freunde. Hatte er sich doch allein die Sound-Anlage für seine Disco eine Million Dollar kosten lassen.

Und so folgte auch dieser warme Washingtoner Abend an diesem Dienstag der knallharten Regie der Geldeintreiber, und die überlässt Nichts dem Zufall. Veranstaltungsdauer von 18 bis 20 Uhr. Mindest-Beitrag 50 Dollar, Studenten die Hälfte, man hatte vorab auch online zahlen können. Wer das vergessen hatte? Kein Problem - am Eingang nahmen dauerlächelnde Freiwillige gerne Schecks entgegen - und natürlich alle gängigen Kreditkarten. Für 500 Dollar wurde immerhin schon Zutritt zu einem nicht näher definierten VIP-Bereich gewährt - allerdings weit entfernt von hand-shake mit Hillary. Wer das wollte, und vielleicht auch noch ein höchstprivates Erinnerungsfoto mit ihr, der musste schon zwischen 2300 und 5000 Dollar hinlegen.

"Bundler" schaffen Spendenschecks gleich bündelweise heran

Es ist ja so eine Sache mit den Wahl-Spenden. Bis zu einer Milliarde Dollar könnte dieser Kampf ums Weiße Haus insgesamt kosten. Und jeder ernstzunehmende Kandidat, ob Republikaner oder Demokrat, muss Dutzende Millionen eintreiben, um faktisch zwei Jahre Dauer-Kampagne zu finanzieren. Tausende Helfer überall im Land müssen zumindest ein Taschengeld kriegen, dazu die superteure Fernseh-Werbung, die Reisen im Privatjet, der kostbare Rat all´der hoch bezahlten Politstrategen.

Hillary Clinton kennt dieses Geschäft seit fast 30 Jahren, sie machte schon Wahlkampf, als ihr Mann Bill Gouverneur von Arkansas werden wollte. Und in den vergangenen Jahren knüpfte sie ihr Finanz-Netzwerk, gewann reiche Gönner als "bundler" - die schaffen gleich bündelweise Spenden-Schecks Gleichgesinnter heran. So wie etwa der aus Indien stammende Unternehmer Sant S. Chatwal. Der langjährige Freund der Clintons möchte mindestens fünf Millionen Spendendollar für Hillary eintreiben, vor allem mit Hilfe einer Gruppe gleich gesinnter Landsleute namens "indischstämmige Amerikaner für Clinton". Bei den in Aussicht gestellten Summen mag den sonst so auf jedes Detail versessenen Wahlkampf-Managern entgangen sein, dass gegen Chatwal bis zum Frühjahr dieses Jahres Klagen wegen Steuerproblemen in Millionenhöhe sowie merkwürdiger Bankrott-Verfahren vorlagen - in den USA und Indien.

Und sicher war es Hillarys Buchhaltern auch durchgerutscht, dass gegen den New Yorker Unternehmer Norman Hsu, auch er ein großer Spender, im fernen Kalifornien 15 Jahre lang ein Haftbefehl wegen "Diebstahl in großem Stil" vorlag. Hsu hatte 23000 Dollar persönlich gespendet und rund 100000 "gebündelte" Spendendollar beigebracht. Nach einer Veröffentlichung im konservativen Wall Street Journal stellte sich Hsu in der vergangenen Woche den Behörden - er blieb gegen eine Kaution von zwei Millionen Dollar vorläufig auf freiem Fuß. Die 23.000 Dollar wurden umgehend weitergespendet - für wohltätige Zwecke. Auch andere demokratische Kandidaten wie John Edwards und Barack Obama haben anrüchige Spenden an Wohltätigkeitsorganisationen überwiesen.

Hillary - "Die größte Entertainerin aller Zeiten"

In Washingtons "Ibiza" drängten sich an diesem Dienstag rund 1000 Fans begeisterte auf der Tanzfläche. Die meisten gut betuchte College-Kids von den reichen Privatuniversitäten der Stadt, knappe Designer-Kleider, hohe Absätze, ihre männlichen Begleiter in Anzug und Krawatte, man nippte cool an Margaritas. Keine Presse, keine Fernsehkameras, man war, sozusagen, unter sich. "Sie ist der bessere Mann", jubelte ein Student. "Sie ist stark und machtbewusst", lobte eine Studentin.

Um punkt 18.45 Uhr kam Clintons Wagenkolonne vorgefahren. Exakt 15 Minuten waren für den "private Event" hinter verschlossenen Türen vorgesehen, dann wummerte Diana Ross´ Ohrwurm " I´m coming out", und dann hüpfte ein gewisser Terry McAuliffe auf der Bühne hin und her. Der enge Hillary-Freund war einst Vorsitzender der Demokratischen Partei. Er organisierte die bislang erfolgreichste Spenden-Kampagne in der Geschichte der Partei. Jetzt kündigte er die "zukünftige Präsidentin der Vereinigten Staaten" an, die "größte Entertainerin aller Zeiten", wie er begeistert rief.

Eloquent von "applause-line" zu "applause-line"

Na ja. Aber sie machte schon eine gute Figur, hellgraues Jackett, dunkle Hose, perfektes Haar, Diamantenglitzern an den Ohren, und sie strahlte aus ganz jungem Gesicht. Schnappte sich das Mikrofon und arbeitete sich exakt 15 Minuten ohne einen einzigen Versprecher an ihren "applause-lines" entlang, jenen griffigen Sätzen, nach denen gewöhnlich ordentlich Jubel und Applaus folgt. Forderte den Abzug der Truppen aus dem Irak (sagte nur nicht, wann) und hakte dann die aufs junge Publikum zugeschnittenen Themen wie Studien-Kredite, Krankenversicherung für alle und den Kampf gegen Global Warming ab. So eloquent und locker, als ob es wirklich unvermeidlich sei, dass sie im Januar 2009 Jahr ins Weiße Haus umzieht. "Ich mache mir keine Illusionen, wie viel Arbeit auf mich wartet", rief sie und beschwor dann eine Art Kennedy-Moment: "Wir müssen jetzt Alle die Ärmel hochkrempeln und die Probleme anpacken. Denn wir sind ein gutes Land mit guten Menschen." Auch das eine "applause-line".

Sie machte ihre Sache gut. Sie habe Sprech-Unterricht genommen, heißt es, habe geübt, lockerer zu sein. Und wirklich: je länger der Wahlkampf dauert, umso entspannter wirkt sie, umso natürlicher ihre Gestik, umso menschlicher scheint sie, wärmer, gar nicht mehr eiskalt. "Ich muss mir jede Stimme einzeln erarbeiten", hatte sie einmal gesagt - und an diesem Dienstag zumindest sah es aus, als mache es ihr wirklich Spaß.

Nach fünf Minuten "Fleisch drücken" war dann alles vorbei

Doch Hillary Clinton wäre nicht Hillary Clinton, wenn sie nicht eisern auf immer wieder die Versatzstücke ihrer Reden recyceln würde, egal, was passiert. Denn längst hat sie das Prinzip des "permanenten Wahlkampfs" verinnerlicht, in dem man dem Wahlvolk gnadenlos freundlich seine wenigen Botschaften einhämmert, immer und immer wieder. Dieser knallharten Strategie war vor ihr schon ein Anderer gefolgt: George W. Bush, geleitet von seinem "Architekten" Karl Rove.

Um 19.25 Uhr war es vorbei. Sie hatte noch fünf Minuten "Fleisch gedrückt", wie man den Körper-Kontakt zum Wähler nennt, hatte Hände geschüttelt, in die Kameras gelächelt, ein paar Mal "Thank You" gerufen, dann war sie weg. Denn um 20 Uhr würde die nächste Spendenveranstaltung beginnen, diesmal ganz exquisit, in ihrem Haus an der eleganten Whitehaven-Street. Für die dort vorfahrenden Luxus-Limousinen wurde ein bewachter Parkplatz eingerichtet. Gegen Gebühr, versteht sich.

P.S.: Und der Schwarm der Jugend, er, Barack Obama, einer der erfolgreichsten Spendensammler in der Geschichte der USA? Den "Hillblazers" stellt er "Generation O." entgegen - "friendraising" statt "fundraising", heißt es, und "Countdown für Veränderung" lautet der Slogan dazu. Obama lädt am 18. September zum Open Air-Ereignis nach Downtown Washington. Das Studenten-Spendenticket kostet 15 Dollar. Und natürlich kann man mit allen gängigen Kreditkarten zahlen.