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Placebo: Nieder mit Elektro, es lebe der Rock

Punk-Girlies brechen zusammen, Banker toben, Rocker weinen und Sänger Brian Molko lässt sie alle nicht los: Placebo infiziert unheilbar seine Fans. Bei einem Konzert in Hamburg zeigt die Band, dass sie wieder bei ihren Wurzeln ist - zum Glück.

Von Andreas Klatt

"Musik vereint die Massen" ist an diesem Abend kein leerer Schlachtruf mehr: Die Jungs von Placebo rocken die Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg und wer nicht wüsste, welche Band gleich ihr neues Album vorstellt, fände im Publikum kaum Anhaltspunkte: Der bekennende St. Pauli-Fan mit Seemannsbart steht neben dem Nadelstreifenhemdträger, der sein Sakko noch schnell am Eingang abgegeben hat. Zugegeben: Die Begeisterung findet verschiedene Kanäle, aber auch im hintersten Winkel der bis auf den letzten Platz ausverkauften Halle wippt jeder spätestens in der zweiten Hälfte des Konzerts zu den bekannten Klassikern "Every you, every me", "Special needs" und "Bitter end" mit, Tausende reißen ihre Arme in die Höhe und entfliehen für einige Zeit dem Hamburger Wintergrau.

Danach hatte es zu Beginn des Konzerts nicht unbedingt ausgesehen: Vor allem die Lieder des neuen Albums "Meds" waren noch zu unbekannt, um mitgesungen zu werden. Aber es dauerte nicht lange, dann war klar: Die Besinnung auf die Wurzeln kommt bei den Fans an.

Besinnung auf Wurzeln

Die Frischzellenkur, die sich Placebo nach einem rekordverdächtigen Tourneemarathon im Jahre 2005 verordnet hatten, hat gefruchtet. Bei vielen Bands ist nach einigen Jahren die Luft raus, selbst der Aha-Effekt des schrägsten Sounds ist nach einigen Alben verpufft. Bei Placebo ist das unerklärlicherweise anders. Eigentlich sollte die Zusammenarbeit mit dem befreundeten Produzenten Dimitri Tikovoi an die in den letzten Alben unternommenen Elektro-Versuche anknüpfen, aber dann überraschte sich die Band selbst: "Statt möglichst dick aufzutragen, machten wir alles so simpel wie möglich und verzichteten auf Effekthascherei", sagt Sänger Brian Molko in einem Pressetext.

Dementsprechend stehen viele Lieder die Band wieder unter den Generalverdacht des "Britrock", obwohl sich Placebo gegen diese Etikettierung so vehement zur Wehr setzten. Anderes erinnert an R.E.M., wobei dieser Eindruck wohl auch der äußerlichen Neuerung von Frontmann Brian Molko geschuldet ist: Mit seinem neuen Igelhaarschnitt hat er einen Teil seines androgynen Wesens abgelegt und könnte nun fast als Zwillingsbruder von Michael Stipe durchgehen, auch die nach wie vor unter die Haut gehende sonore Stimme ist nicht ganz weit von Stipe entfernt. Der in Luxemburg zur Schule gegangene Molko kündigt ein Lied auf Deutsch an, ansonsten begnügt er sich in den Pausen zwischen den Liedern mit einem Griff zur Zigarette. Etwas unterkühlt, aber das verzeiht man Molko bei seiner Ausstrahlung gerne.

Indische Schönheiten und zuckende Frauenbrüste

Eine große Rockband ist Placebo schon seit langem, das beweist auch die durchgestylte Bühnenshow: Auf zwölf riesigen Leinwänden flimmern wilde Assoziationen durch die Halle: Eine indische Schönheit zwinkert mit den Augen, eine Mutter tröstet ihr weinendes Baby, dazwischen zuckende Frauenbrüste. Szenen aus dem Leben, die auch Placebo mit seinen Texten erzählen will. Die Texte des neuen Albums sind mehr aus dem Leben gegriffen, die subtile Spur darunter zeigt, dass die Poesie von Brian Molko gereift ist.

Einen Wermutstropfen gab es dann allerdings doch: Drummer Steve Hewitt und drei weitere Begleitmusiker waren hinter dem dominierenden Duo Molko/Olsdal kaum zu erspähen. Erst nach knapp zwei Stunden und drei Zugaben tritt die gesamte Band ins Rampenlicht und verabschiedet sich von frenetisch jubelnden Fans. In dieser Verfassung kann Placebo gerne bald wiederkommen.