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Portishead-Gründer Geoff Barrow: "Die Musik hat mich umgebracht"

Die Legende lebt, dabei hat kaum noch jemand damit gerechnet: Nach zehn Jahren Pause veröffentlichen Portishead ihr drittes Album "Third". stern.de hat Band-Mastermind Geoff Barrow gefragt, warum es so lange gedauert hat. Und der Ausnahmemusiker hat ein paar gute Ausreden zu bieten.

Von Sophie Albers

Wenn sie überhaupt bereit sind, über sich zu reden, dann gelten sie als bockig, schwierig, verschlossen und wollen sich ausschließlich zu ihrer Musik äußern. Portishead sind als Band wie auch in Einzelteilen eine Legende. Und diese Legende hatten viele bereits abgeschrieben.

Nach der kleinen Pop-Revolution, die das Debüt "Dummy" 1994 durch die Lande schickte - allein in Europa verkaufte sich das Album zwei Millionen Mal - und dem Nachfolger "Portishead" 1997, war 1998 mit der Live-Aufnahme "Roseland NYC" schon wieder Schluss mit der TripHop-Avantgarde. Dabei wurde die Kunst von Mastermind Geoff Barrow, Sängerin Beth Gibbons und Gitarrist Adrian Utley in Zeiten des Britpop-Hype von Fans und Kritikern gleichermaßen gefeiert. Zwar versuchten viele, die verschleppten Beats zum steinerweichenden Gesang zu imitieren, doch das Original blieb unerreicht.

Nach fast zehn Jahren hatten auch die hartnäckigsten Fans mittlerweile die Hoffnung nahezu aufgegeben, dass Portishead den Kopf noch einmal heben werde. Doch nun ist "Third" da: düsterer, härter, konsequenter als zuvor fegt das dritte Studioalbum die Vorgänger geradezu hinweg. Er sei auf der Suche nach "interessanter" Musik, begründet Bandleader Barrow die lange Wartezeit und stellt der verzweifelten Lieblichkeit von Gibbons' Stimme erneut das Ausloten der Sounds gegenüber, deren Aufspüren er sich zur Lebensaufgabe gemacht hat. Es werde so lange geschraubt und gefeilt, bis das Ergebnis dem Gefühl der eigenen Frustrationen entspreche, so der Ton-Tüftler im stern.de-Interview.

Das war übrigens - wie so oft im Leben - ganz anders als erwartet: Das Superhirn der Kultband zeigte sich als lustiger, gut gelaunter Kerl, der sich über Kekse und Berlin freut, bereitwillig und offen Auskunft gibt und - wer hätte das gedacht - sogar zum Scherzen aufgelegt ist. Nur bei Musik, da versteht er eben keinen Spaß.

Zehn Jahr hat der Weg zum neuen Album in Anspruch genommen. Der Druck muss immens gewesen sein.

Wir nehmen mit unserer Musik nie den leichten Weg. Es geht nicht um Geld oder die Industrie, es geht darum, sich zu bemühen, persönlich etwas zu erreichen. Wir haben uns beim Schreiben sehr unter Druck gesetzt. Ich bin mit dem Ergebnis glücklich. Es fühlt sich gut an, weil wir erreicht haben, was wir erreichen wollten. Was die Leute schreiben, steht auf einem anderen Blatt. Wir sind älter geworden und verstehen nun, warum wir etwas so und nicht anders machen.

Und warum ist "Third" so hart geworden?

Weil wir uns selbst und unsere Frustrationen durch die Musik zum Ausdruck bringen. Im Privatleben haben wir ziemliche Probleme. Ich meine jetzt nicht mentaler Art, sondern weil die Menschen eben sind, wie sie sind, weil sie so schrecklich sein können. Die moderne Gesellschaft, die Medien, die Werbung, unsere Lebensbedingungen als solche führen zu einer ziemlich sonderbaren menschlichen Existenz. Wir können einfach nicht miteinander kommunizieren. Musik ist eine Möglichkeit, diese Frustrationen loszuwerden.

Sie haben einmal gesagt, Sie machen elektronische Musik mit einem menschlichen Gesicht. Aber es ist immer ein weinendes.

Ja, warum sind wir nur so verdammt jämmerlich! [lacht] Nein, sind wir nicht. Wir stellen Fragen und sind sauer über bestimmte Dinge. "Dummy" wurde damals zum Soundtrack für Dinnerparties von Reichen. Dabei geht es in "Strangers", "Biscuit" und "Wandering Star" um Trost- und Sinnlosigkeit.

Die Rezeption Ihrer Musik hat Sie wütend gemacht?

Total! Natürlich können die Leute damit machen, was sie wollen. Ich bin kein Musik-Polizist, der den Leuten sagt: "So kannst du das nicht hören". Aber es war für uns ziemlich schwierig. Wir waren die wohl unentspanntesten Menschen auf diesem Planeten, und dann wurde unsere Platte zur Entspannungsmusik erklärt.

Ist der Ärger von damals mit Grund dafür, dass "Third" so düster geraten ist?

Wahrscheinlich ja. Es ist ziemlich dunkel, aber ich empfinde es nicht als depressiv. Es gibt ein paar wirklich leichte Momente! Das ist sehr schwer zu erklären, schließlich haben wir selbst Jahre gebraucht, um an diesen Punkt zu gelangen. Jedes Mal, wenn ich interviewt werde, habe ich das Gefühl, beim Psychologen auf der Couch zu liegen: Warum sind Sie eigentlich so depressiv? Oh Mann!

Und, sind Sie's

Ja, bin ich's? Keine Ahnung. Gute Güte! [grinst]

"Machine Gun" ist die erste Single...

Ja, es hat die meiste Wucht.

Hat der Song eine Geschichte?

Nicht wirklich. Wir sind vom Sound her an das Stück heran gegangen. Es ist der reinste Song. Es scheint das reine Gefühl zu sein, das die Menschen packt, wenn sie es hören. Der Frau eines Kollegen wird immer schlecht, wenn sie es hört. Ich denke, genau das will ich bezwecken: Wenn wir Songs schreiben, wollen wir eine emotionale Reaktion beim Hörer auslösen - egal ob gut oder schlecht. Keine Reaktion wäre schlecht.

Ist Ihnen selbst schon mal von Musik übel geworden?

Ehrlich gesagt ja, und das seltsamerweise als ich vor vielen Jahren mit Massive Attack gearbeitet habe. Ich habe damals an diesem Beat für ein Stück gesessen, und allen ist beim Hören schlecht geworden. Wir haben ihn dann nicht verwendet.

Sie sind nach dem großen Erfolg von Portishead einfach ausgestiegen.

Ich habe sieben Jahre lang durchgearbeitet, zwei Jahre lang waren wir auf Tour. Selbst wenn ich Urlaub hatte, hatte ich keinen Urlaub, weil mein Hirn immer weiter gemacht hat. Nach dem Ende der Tour habe ich mich scheiden lassen, und dann habe ich mit der Musik aufgehört. Ich wollte nichts mehr damit zu tun haben.

Hat das funktioniert?

Ja, es war großartig, denn die Musik hat mich umgebracht. Sie war alles, was ich hatte. Ich musste dem ein Ende setzen, um mein Leben wieder aufzubauen. Und jetzt ist es wirklich gut.

Sie haben also den Stecker gezogen.

Ich habe die Musik einfach nicht mehr angefasst. Ich bin in ein Flugzeug gestiegen und nach Australien geflogen. Dort kannte ich niemanden.

Wo haben Sie denn gelebt?

In Sydney. Ich habe mich für zwei Monate in ein Hotel eingemietet und bin durch die Stadt gelaufen. Ich habe dort sehr nette Freunde gefunden. Jetzt arbeite ich dort auch. Es ging darum, einfach alles hinter sich zu lassen. Ich meine: Du tourst mit den Leuten, all die Jahre, und meine Ex-Frau kam manchmal mit, es war fürchterlich. Ich war 19, als wir angefangen haben.

Als "Dummy" 1994 erschien, war das musikalisches Neuland, der Beginn eines neuen Stils. Bekommt man diese Revolution als Musiker eigentlich mit?

Nein. Uns hat der Erfolg eigentlich immer kalt gelassen. Es ist toll, wenn du Musik schreiben kannst und sie die Leute auch erreicht. Aber wir wussten nicht, wie wir darauf reagieren sollen. Und das ist jetzt keine Arroganz. Es hat mich nie so umgehauen, weil ich mir immer Gedanken über das nächste Projekt gemacht habe. Wir managen uns selbst, gehen selbst in die Labelmeetings, deshalb können wir uns das leisten.

...und sind nicht wirklich Teil der Maschine geworden.

Naja, wir werden schon einbezogen. Aber sie schlucken uns nicht einfach. Weil wir erfolgreich sind, erlaubt man uns einen gewissen Freiraum.

Aber nochmal: In der Popgeschichte gibt es die Zeit vor und die Zeit nach Portishead...

Du bist, wer du bist, und du machst eben, was du machst. Wenn ich da wirklich drüber nachdenken würde, würde es mir zu Kopf steigen.

Also besser nicht.

Ja, besser nicht drüber nachdenken!

Das Portishead-Album "Third" erscheint am 25. April bei Universal.

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