Von Anfang an gehörte Jürgen Habermas zu meinem politischen Leben dazu. Er war der prägende Denker der jungen Bundesrepublik, in deren Debatten und Konflikte ich als Jugendlicher seit Mitte der siebziger Jahre hineinwuchs. Und Habermas blieb für viele Jahrzehnte lang prägend – letztlich bis zu seinem Tod am vergangenen Samstag.
Sein Tod bedeutet für mich den Verlust der intellektuellen und moralischen Instanz, die mir zeit meines politischen Lebens wie keine andere immer wieder dabei geholfen hat, mein Denken über meine Zeit und über mein Land, über Europa und über die Welt zu sortieren.
Habermas gehörte der Generation an, die als Kind den Nationalsozialismus noch leibhaftig miterlebt hatte. Ich dagegen wuchs ausschließlich in einer demokratischen westdeutschen Republik auf, die – ruckelig und mit Rückschlägen, aber insgesamt erfolgreich – den Versuch unternahm, aus den schrecklichen Irrwegen der deutschen Vergangenheit die richtigen Lehren zu ziehen. Hierzu gehörte die „vorbehaltlose Öffnung“ (Habermas) gegenüber der politischen Kultur des Westens, hierzu gehörte Deutschlands Hinwendung nach Europa.
In der praktischen Politik war es für mich zunächst vor allem Willy Brandt, der diese Möglichkeit des Aufbruchs in ein „besseres Deutschland“ verkörperte. Später kam Helmut Schmidt hinzu. In intellektueller Hinsicht war Jürgen Habermas von Anfang an mein Leitstern auf diesem Weg.
Ich erinnere mich noch gut an meinen Hamburger Gymnasiallehrer, der mir empfahl und zutraute, Habermas‘ Studie zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ zu lesen. Seine frühe Ermutigung beflügelte mich. Und die Lektüre dieses wegweisenden Werks hat mich für alle Zeit beeinflusst. Ich verdanke ihr eine Grundüberzeugung (oder doch jedenfalls Hoffnung), die mir in den fünf Jahrzehnten politischer Arbeit niemals abhandengekommen ist: Dass die rationale Verständigung einer demokratischen Gesellschaft über ihre Ziele und über ihre Mittel möglich sein muss.
Es bleibt richtig, auf das zu beharren, was Habermas den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ nannte: dass wir in der Demokratie immer wieder aufs Neue über den richtigen Weg streiten müssen; dass sich dabei Vernunft und das bessere Argument durchsetzen sollen; und dass so getroffene Entscheidungen von allen Beteiligten als legitim anerkannt werden müssen. Nur so wird Fortschritt möglich, nur so bleibt Demokratie als Lebensform lebendig.
Voraussetzung für beides ist Habermas zufolge, dass sich Bürgerinnen und Bürger bei aller Unterschiedlichkeit gegenseitig als grundsätzlich Gleiche anerkennen. Mein eigenes Plädoyer für eine „Gesellschaft des Respekts“ als Bedingung gelingender Demokratie geht nicht zuletzt auf diese Überlegungen Habermas‘ zurück. Nur wenn wir unser Land so organisieren, dass niemand auf andere herabschaut, weil er sie für weniger gebildet, weniger wohlhabend oder weniger „erfolgreich“ hält, wird unsere Demokratie überdauern.
Vernunft und Freiheit, Gerechtigkeit und Emanzipation – diese Bestandteile machten für Jürgen Habermas das „Projekt der Moderne“ aus. Er hat es stets als „unvollendet“ betrachtet, an der Zielmarke aber standhaft festgehalten.
In seinen allerletzten Lebensjahren kam ihm die Hoffnung immer mehr abhanden. Er verzweifelte an Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine – an Putins brutalem Neo-Imperialismus ebenso wie an der verbreiteten strategischen Unbesonnenheit im Westen. Ihn bestürzte die fortschreitende Zerstörung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in den Vereinigten Staaten. Er verlor das Vertrauen in die Fähigkeit der Europäischen Union, neuen Herausforderungen einig und handlungsfähig entgegenzutreten. Zugleich verfolgte Habermas mit zunehmendem Pessimismus, wie Digitalisierung, Kommerzialisierung und neuer Nationalismus überall im Westen die Bedingungen vernünftiger demokratischer Debattenkultur untergruben.
Alle diese Sorgen waren und bleiben berechtigt. Alle diese Fehlentwicklungen setzen sich fort. Als Demokraten aber haben wir allen Grund, ihnen energisch entgegenzutreten. Das sind wir uns selbst und auch Jürgen Habermas schuldig. Seine klugen Bücher und Aufsätze bleiben uns als Leitfaden erhalten. Für alle, die an den Werten der Vernunft, Aufklärung und Demokratie festhalten, wird Jürgen Habermas‘ Werk noch in vielen Jahrzehnten ein unverzichtbarer Kompass sein. Ich bin mir sicher: Nicht nur ich werde ihn vermissen.