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Radiohead: Die fantastischen Fünf

Das neue Album der britischen Erfolgsband Radiohead, "Hail To The Thief" erzählt ein Märchen mit düsteren, aber glänzenden Popsongs.

Kürzlich geschahen seltsame Dinge in der ostenglischen Kleinstadt Bungay. Auf der Gemeindewiese fand ein Spaziergänger den noch streng geheim gehaltenen fünften Harry-Potter-Band. Große Aufregung. Doch statt auf dem Schwarzmarkt Geld zu machen, gab der Mann das Buch zurück.

Hätte auf der gleichen Stelle das noch unveröffentlichte Radiohead-Album "Hail To The Thief" gelegen, die Fans hätten es kaum beachtet - obwohl die Band aus Oxford mindestens genauso treue und enthusiastische Anhänger hat wie der Zauberlehrling und in ihren oft kryptischen Songs genauso fantastische Geschichten zu erzählen weiß. Denn bereits Ende März, mehr als zwei Monate vor der Veröffentlichung am 10. Juni, tauchten sämtliche Songs des neuen Albums im Internet auf.

Doch die fünf Jungs von Radiohead reagierten gelassen: Sie wissen, dass ihre Fans die Original-CD mit der gewohnt opulenten Ausstattung haben wollen. "Hail" kommt diesmal daher wie ein faltbarer Stadtplan, dessen Straßennetz aus Sprachfetzen und Satztrümmern besteht, die den Nachrichten der Zeit nach dem 11. September entnommen sind.

Der Titel des Albums stammt aus der Anti-Bush-Bewegung, die nach den Unregelmäßigkeiten der letzten Wahlen den US-Präsidenten als Stimmen-Dieb brandmarkte. Trotzdem machen Radiohead kein Agitprop, sondern nehmen nur die Stimmung der Zeit auf. "Mein Gefühl ist, dass hier dunkle Kräfte am Werk sind", schreibt der Sänger Thom Yorke. Und so wähnt man sich in den Songs inmitten von Königen, Monstern und weißen Elefanten in einem magischen Märchen irgendwo zwischen "Der Herr der Ringe" und eben Harry Potter.

Aber keine Angst vor Depression: Es gibt fast normale, Duschbad-taugliche Songs mit Strophe und Refrain. Dazu viel Klavier, aber auch das von den Vorgängerplatten "Kid A" und "Amnesiac" vertraute elektronische Störfeuer. Alles in allem 14 stimmige Songs, auf Hochglanz poliert, ohne Anzeichen von Schwäche. Da muss sich Harry ganz schön ranhalten.

Matthias Schmidt

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