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Robbie Williams - "Rudebox": Alles streng geheim

Robbie Williams hat ein neues Album produziert. Schon wieder? Ja, schon wieder. Unter strengsten Vorkehrungsmaßnahmen durften Journalisten nun in das Werk hineinhören.

Von Claudia Pientka

Irgendwie kann man Robbie Williams ja verstehen: Er sagt über seinen neuesten Song: "Das ist mein Track, und ich liebe ihn bis in den Tod." Die britische Boulevard-Zeitung "The Sun" hingegen findet, es sei "der schlechteste Song aller Zeiten". Kein Wunder also, dass der Popstar den Rest der dazugehörigen Platte der Presse nicht unkontrolliert zum Fraß vorwerfen möchte.

"Rudebox" heißt das Album und wird am 20. Oktober erscheinen. Und wer sich verwundert fragt, warum und womit Robbie denn derzeit gerade tourt: Es ist das letzte neue Album, "Intensive Care", noch kein Jahr alt. Das jedoch hinderte den Popstar nicht daran, schnellstmöglich eine Neuauflage zu produzieren, und die wird derzeit der deutschen Presse vorgestellt. Vorsichtig, in Häppchen und nicht ohne vorherige Leibesvisitation.

Der Song, der von der "Sun" so verrissen wurde, heißt, wie das Album, "Rudebox": "rude" bedeutet so viel wie grob, unhöflich, "box" kann durchaus auch als Container verstanden werden, und so macht der Name auf dem Minibus durchaus wieder Sinn. Denn dieser "Rudebox"-Van tourt derzeit durch Deutschland, um Journalisten das neue Williams-Album vorzuspielen - unter den wachsamen Augen eines Plattenfirma-Abgeordneten. An diesem Dienstag parkt der Van vor dem Hamburger Verlagshaus von "Gruner & Jahr".

"Hast Du ein Handy, Aufnahmegerät oder sonst ein elektronisches Gerät dabei?", fragt der Fahrer der Box, doch ein "Nein" reicht ihm nicht. "Darf ich?", will er weiter wissen, zückt seinen Metalldetektor und scannt mich ab. Vorsichtig und jede Berührung meidend horcht er aufs Piepen. Piep: Metallgürtel, piep: Armbänder, piep: BH-Bügel. Oder vielleicht doch ein Mini-Mikrofon? Egal, Abtasten ginge dann doch zu weit und an eine weibliche Kontroll-Begeleitung scheint die Plattenfirma EMI nicht gedacht zu haben.

Hoffentlich lauschen keine Richtmikrofone

Innen im "Rudebox"-Bus, hinter getönten Scheiben, sitzen bereits drei weitere Redakteure und beobachten amüsiert die Szene. Jeder der teilnehmenden Journalisten musste eine "Vertraulichkeitserklärung" unterschreiben, darauf der Hinweis, das keiner die "Pre-Listening Session" irgendwie aufzeichnen, geschweige denn, hinterher in "unkörperlicher Weise" verbreiten darf. Sprich: Nachsingen ist erlaubt, alles andere kostet mindestens 5001 Euro.

Es gab Zeiten, da verschickten Plattenfirmen die neuen CDs ihrer Interpreten, in der Hoffnung, dass Journalisten sie anhören, für gut befinden und das dann aufschreiben. Doch heutzutage, wo immer weniger Alben verkauft werden und die Plattenfirmen im Internet den Grund allen Übels sehen, muss das Übel so umfassend wie möglich bekämpft werden. Und da Journalisten ein Teil des Übels sind und unter Generalverdacht stehen, unveröffentlichte CDs ins Internet zu stellen, müssen sie sich die Musik jetzt eben im Auto anhören - den Silberling sehen sie nur aus der Ferne. Ein EMI-Mitarbeiter trägt das gute Stück in seiner Brusttasche und ist eigens dafür abkommandiert, die CD einzulegen und weiterzuspulen. Immerhin dürfen die Türen des Busses geöffnet bleiben, "wird schon niemand ein Richtmikrofon aus dem Fenster hängen", bemerkt der Plattenmensch nur halb scherzend.

Robbie versus Justin

Was die Journalisten dann zu hören kriegen, ist die konsequent-gewollte Weiterentwicklung vom Schmuse-Sänger zum Disco-König. Ein bisschen düsterer sollte es diesmal sein, elektronischer, beatlastiger, aber auch experimenteller, authentischer, eben das, was Musiker so machen, wenn sie sich selbst gefunden haben. "Rudebox", der erste, geliebt-geschmähte Titel, beginnt mit einer Rap-Einlage des Popsängers. Wer Robbies Sprechgesang schon bei "Tripping" nicht mochte, wird sich wohl auch von dieser basslastigen Nummer nicht überzeugen lassen.

Ansonsten werden dem Hörer 80 Minuten vor allem elektronische Beats präsentiert - das Album soll demnächst die Tanzflächen erobern -, manche eher eintönig, andere, aufgemotzt mit ein paar R'n'B-Rhythmen, ziemlich tanzbar. Und ist damit unmittelbare Konkurrenz des derzeitigen Herrschers der Dancefloors: Justin Timberlake. Auch der veröffentlicht im Herbst, Anfang September, sein neues Album; ein Umstand, der Robbies Plattenfirma nicht wirklich glücklich macht.

Am besten klingt der "neue" Robbie Williams mit Unterstützung alter Hasen, der Pet Shop Boys. Zwei Stücke haben sie mitproduziert; dabei wird vor allem das Lied "She's Madonna" für reichlich Gesprächsstoff sorgen. Die "Sun" will nämlich herausgefunden haben, dass Williams darin die Trennungsworte von Guy Ritchie, Ehemann von Madonna, zu seiner damaligen Freundin, der niederländischen TV-Moderatorin Tania Strecker, wiedergibt: "Du weißt, ich liebe dich wirklich. Aber sie ist Madonna." Strecker war später mit Robbie Williams liiert. Auch eine Abrechnung mit seiner Ex-Boyband "Take That" kann er sich nicht verkneifen, zu hören in "The 90's".

Das Internet als Erfolgskiller?

Nicht allein hören dürfen, das bedeutet für die anwesenden Journalisten auch Kompromisse schließen müssen: "Weiter?", ist die meistgestellte Frage des Tages. Dabei ist sich zumindest meine kleine Runde erstaunlich einig, zum Bespiel bei der gruseligen Coverversion von Manu Chaos "King of the Bongo".

Ob sich das Prozedere für EMI-Records lohnt, wird sich zeigen. Bisher waren im Internet zwar noch keine Raubkopien des Albums zu finden; die Single "Rudebox", die offiziell am 1. September erscheint, kann man bereits von einschlägigen Dateitauschangeboten downloaden. Das letzte Mal lud die Plattenfirma Journalisten vor einem Jahr auf Rücksitze, damals in weiße Stretch-Limousinen. Vorgespielt wurde die Rolling-Stones-Scheibe "A Bigger Bang". Geholfen hatte es nicht: Schon Wochen vor der Veröffentlichung konnten Songs illegal herunter geladen werden. Dem Erfolg der Platte tat dies übrigens keinen Abbruch: Sie wurde satte 200.000 Mal verkauft und landete auf Platz eins der deutschen Charts.