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Interview

Robbie Williams: "Zucker, Sex, Porno, Internet, Drogen – ich habe diese Dinge aus meinem Leben eliminiert"

Gerade hat er sein neues Album herausgebracht: Mit 42 Jahren will Robbie Williams nicht zum alten Eisen gehören. Im stern-Interview spricht er über seinen Körper, Marihuana und die Frau seines Lebens.

Robbie Williams

Robbie Williams im September in seinem Hotel in Berlin

Mr. Williams, als wir Sie vor vier Jahren trafen, hatten Sie Arme, so aufgepumpt wie Rinderkeulen. Sie sahen aus wie Popeye ...

... oh, ja, ich erinnere mich. Aber das war nicht meine Schuld, sondern die von Rod Stewart.

Wie bitte?

Ich habe dieselbe Masseurin wie Rod. Sie sagte eines Tages zu mir: Du, Robbie, Rod fühlt sich viel härter an als du. Das hat meinen kindlichen Ehrgeiz geweckt. Ich dachte, wenn Rod täglich zwei Stunden ins Fitnessstudio geht, dann werde ich jetzt drei Stunden Gewichte stemmen.

Nun scheinen Sie wieder auf Normalmaß geschrumpft zu sein.

Den Irrsinn mit dem Fitnessstudio habe ich sein lassen. Das lag auch daran, dass ich nach dem Training drei Stunden lang Schokolade in mich reinstopfte, irgendwann mit dem Training aufhörte, mit der Schokolade aber nicht. Also sah ich aus wie ein Ballon. Das hat mir nicht gefallen. Aber diese Geschichte ist schon bezeichnend für mich: Ich bin ein Will-immer-besser-sein-Typ. Ein Suchtcharakter.

Woher kommt dieser Drang?

Aus Scham, Schuld und meinem gewaltigen Minderwertigkeitskomplex. Da bin ich aber nicht allein. Reden Sie mal mit Paul McCartney oder Elton John, die sind auch so. Die wollen auch nicht weniger erfolgreich sein als zuvor. Nichts kränkt einen Künstler so sehr, wie Zweiter zu sein. Die meisten Entertainer sind in ihrem Kern beschädigte, angsterfüllte Persönlichkeiten.

Von Ihnen stammt der Satz: "Um ein Star zu werden, würde ich sogar in Unterhose den Eiffelturm hochklettern und mir auf den Rücken schreiben: ‚Möwen, scheißt auf mich!‘"

Ja, das stimmt, aber ich schaue nicht gern zurück. Es erfüllt mich oft mit Pein und Scham, alte Interviews von mir zu lesen. Ich würde mir auch niemals zu Hause meine alten CDs anhören.

Warum nicht?

Manche meiner alten Songs sind wie Tagebücher. Sie erzählen von einem Typen, der glaubte, er könnte sich mit dem Applaus der Massen selbst heilen.

Das glauben viele, die berühmt werden wollen, heute noch. Wann haben Sie gemerkt, dass es nicht funktioniert?

Das hat lange gedauert. Seit ich meine Frau Ayda und meine zwei Kinder habe, bin ich ein anderer Mensch geworden. Früher war ich 24 Stunden am Tag der Popstar. Ich war immer auf Sendung. Kam nie zur Ruhe. Heute fühle ich mich wie ein Vater, der ab und an zur Arbeit geht und seinen Job als Entertainer macht. Ich habe meinen Lebenssinn als Familienvater gefunden. Meine Frau Ayda ist nicht nur meine große Liebe, sie ist auch mein bester Freund. Ich glaube, das können nicht viele Männer über ihre Frau sagen.

Stimmt es, dass es die Schauspielerin Cameron Diaz war, die Ihre On-und-off-Beziehung mit Ayda rettete?

Ich habe mich dreimal von Ayda getrennt, das letzte Mal 2006, drei Wochen bevor ich einen Entzug wegen meiner Tablettenabhängigkeit begann. Am Abend davor traf ich in einem Hotel in Los Angeles zufällig Cameron Diaz und Drew Barrymore. Ich erzählte von Ayda, wie bitter es war, dass wir nicht zusammengekommen waren. Cameron sagte: Robbie, ich glaube, diese Sache ist noch lange nicht vorbei. Und es war ein - Moment der Klarheit. Das Universum stand still. Ich bin aufgestanden und wollte sofort zu ihr fahren und an die Tür klopfen. Ich musste diese Frau heiraten. Sie war die richtige.

Sie sind jetzt 42. Bei Ihrem Comeback-Konzert in London zogen Sie sich die Hosen runter und zeigten Ihre mit einem Tiger bedruckte Unterhose. Sind Sie nicht zu alt dafür, den Clown-Entertainer zu geben?

Ach, da hat doch nur mein Reißverschluss geklemmt. Und zu meiner Überraschung hatte ich dann diese Tiger-Unterhose an. Aber im Ernst: Ich liebe meinen Job. Wenn es gut läuft, erlebe ich auf der Bühne Momente einer spirituellen Dimension. Nur manchmal gelingt mir diese Figur Robbie Williams nicht, dieser wahnsinnig charismatische, selbstbewusste Entertainer, den ich geschaffen habe. Ich weiß auch nicht, warum. Dann stehe ich plötzlich vor 80.000 Menschen auf der Bühne und fühle mich völlig nackt. Zum Glück passiert mir das aber nur noch sehr selten.

Gibt es einen jungen Künstler, den Sie für Ihren Nachfolger halten?

Das weiß ich nicht, denn ich verfolge die jüngere Popmusik kaum noch. Neulich schaute ich mal in die Charts und suchte nach anderen Künstlern, die über 40 sind. Und wissen Sie was? Da waren nur Green Day, auf Platz 44, die Punkrocker, die sind auch über 40. Das hat mich beruhigt. Ich will natürlich viel, viel weiter oben stehen. Mein Ego ist ja nicht kleiner geworden. Ich bin wie Manchester United. Die haben dreimal die Champions League gewonnen, aber die ruhen sich auch nicht auf ihren Erfolgen aus.

Sie haben einmal gesagt: "Das Leben ohne Drogen ist wie Tanzen mit der Schwester." Woher holen Sie sich heute Ihre Kicks?

Ich habe wieder mit dem Rauchen angefangen, weil ich auf so einer irren Diät war, da musste ich den Hunger mit Zigaretten unterdrücken.

Rauchen Sie noch Marihuana?

Eine Weile habe ich das getan, und ich schließe es für die Zukunft auch nicht aus, aber ich plane es nicht wie früher. Wissen Sie, ich verachte Kokain, aber ich mochte Ecstasy immer sehr gern. Nur bin ich nicht bereit, den Preis dafür zu bezahlen.

Wie hoch war der?

Je älter ich wurde, desto schmaler wurde die Straße meiner Süchte. Zucker, Sex, Porno, Internet, Drogen - ich habe diese Dinge aus meinem Leben eliminiert. Mein Leben ist wie eine Flasche, in der oben klares Wasser ist, unten aber jede Menge Schmutz und Schlamm. Wenn ich irgendeine Droge nehme, wird die Flasche geschüttelt, und mein ganzes Leben wäre sofort wieder eine schmutzige Brühe. Darauf kann ich heute gut verzichten. 

Interview: Hannes Roß und Jochen Siemens