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Rufus Wainwright: Wie ein Traum von Berlin

Auf seinem neuen Album "Release The Stars" liefert der Singer/Songwriter Rufus Wainwright die gewohnt elegischen Songs. Aber das Jammern auf hohem musikalischem Niveau hat der Amerikaner hinter sich gelassen - und dafür seine Liebe zu Berlin entdeckt.

Rufus Wainwright tanzte schon als Kind lieber zu Opernmusik als zu Disco-Platten. Noch heute diktiert er gern seinen Interviewpartnern in das Aufnahmegerät: "Pop lag mir nie so. Mein Herz schlug schon immer eher für Opern von Giuseppe Verdi und Musicals mit Fred Astaire." 1997 wurde der Singer/Songwriter mit dem Hang zur Dramatik von einem Talentsucher des Dreamworks-Labels entdeckt. Seitdem hat er vier Alben mit einem Stilmix herausgebracht, den die Kritiker je nach Sichtwinkel herablassend oder bewundernd als Barockpop oder Popera bezeichnen: "Rufus Wainwright", "Poses", "Want One" und "Want Two".

Der Musiker, der als einer der wenigen US-Künstler offen mit seiner Homosexualität umgeht und in seiner Heimat auch schon mit Songs wie "Gay Messiah" aneckte, gilt als einer der talentiertesten Newcomer der letzten Dekade. Er hat Songs für diverse Soundtracks geliefert, unter anderem für "Moulin Rouge!", "I Am Sam" und den Oscar-Gewinner "Brokeback Mountain".

"Release the Stars" in Berlin-Köpenick aufgenommen

Seine ersten Erfahrungen als Schauspieler hat er auch schon hinter sich. Er war in kleinen Rollen in Filmen wie "The Aviator" und "Heights" zu sehen. Am Freitag erscheint nun Rufus Wainwrights fünftes Werk "Release The Stars" (Universal), das er in den ehemaligen DDR-Rundfunkstudios in Köpenick aufnahm und selbst produzierte, mit ein bisschen Hilfe von seinem guten Freund und Kollegen Neil Tennant. Der Pet Shop Boy firmiert zwar als Executive Producer, war wohl aber eher als väterlicher Berater beteiligt.

Parallel zu "Release The Stars" kommt bei der Deutschen Grammophon die Klassik-Compilation "Yellow Lounge compiled by Rufus Wainwright" heraus, die der vielseitige Künstler aus einem Teil seiner Lieblingswerke zusammengestellt hat. Auf dem Album befinden sich auch zwei neue Fassungen seiner Songs, die das Fauré Quartett einspielte. Rufus Wainwright kam am 22. Juli 1973 in Rhinebeck, New York, zur Welt. Aber nachdem sich seine Mutter, die Folk Musikerin Kate McGarrigle, von Rufus' Vater, dem Singer/Songwriter Loudon Wainwright getrennt hatte, zog die restliche Familie nach Montreal um. Dort wuchs Rufus auf. Und er sieht darin große Vorteile: "Wenn du als englischsprachiger Mensch in Québec aufwächst, das ja französischsprachig ist, bist du eine Minderheit innerhalb einer Minderheit innerhalb einer Minderheit."

Er sieht sich als typisches Künstlerkind

Seine Identität verteidigen zu müssen sei gut für die Kreativität, meint er. Rufus sieht sich als typisches Künstlerkind. Das ist sicher nicht immer unbedingt angenehm. So hieß einer der Songs, die Loudon Wainwright seinem Sohn im Säuglingsalter widmete, "Rufus is a Tit Man." Rufus selbst übergeht diese eher unliebsame Komponente seiner Kindheit und rühmt lieber die positive Seite des "genetischen Dschungels, der mich umgibt. Mein Dad ist eines der wichtigsten überlebenden Exemplare der Troubadour-Songwriter-Spezies aus den 70er Jahren." Trotzdem holte er sich nicht etwa den Vater zur Hilfe, als er Gitarristen-Verstärkung für sein neues Album "Release The Stars" brauchte. Er heuerte lieber dessen Kollegen Richard Thompson an, "weil der ein Meister seines Faches ist".

Die aktuellen Kompositionen klingen immer noch elegisch, aber etwas positiver gestimmt und straffer als die letzten CDs. "Es geht um Aufbruch. Schluss mit dem Lamentieren. Es ist Zeit, aktiv zu werden. Das ist das Grundthema", sagt Rufus. Es sollte also Schluss sein mit dem gepflegten Jammern, mit dem er in seinen früheren Werken hier und da auch Wohlgesonnenen auf den Nerv ging. Nach überwundener Abhängigkeit von diversen Substanzen - die er Anfang des Jahrtausends unter anderem mit Hilfe seines guten Freundes Elton John bekämpfte - hat er jetzt neue Energie gefunden.

Wie ein Traum von Berlin

"Release The Stars" reflektiert auch das unstete Leben, das der 33-Jährige in der letzten Zeit geführt hat - oft im Tourbus unterwegs in den Metropolen dieser Welt. So heißen seine Songs "Leaving For Paris", "Tulsa" oder "Sancoussi". "Ich bin in all diesen Städten gewesen" erklärt er. "Und all diese Songs haben ihren Ursprung in Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe. Aber wenn ich über Berlin singe, dann ist das mehr eine Fantasie. Songs wie 'Sanssouci' und 'Tiergarten' sind semi-allegorisch. Sie sind eher wie eine animierte Sicht der jeweiligen Stadt. Wie ein Traum von dieser Stadt", sagt er.

"In 'Leaving For Paris No.2' dagegen gebe ich eher eine historische Sicht von Paris wieder. Eine sehr altmodische Sicht. Fast schon impressionistisch." Dem neuen Werk merkt man auch an, dass der 33-Jährige in den letzten Jahren viel Zeit in Deutschland verbracht hat. Das Motiv auf dem Cover hat er im Pergamonmuseum fotografiert. Und auch die Titel "Sanssouci" und "Tiergarten" weisen darauf hin. Kein Wunder: Sein neuer Lebenspartner ist Deutscher. Er hat aber inzwischen seinen Job an der Staatsoper aufgegeben und ist zu Rufus nach New York gezogen. Wainwright wird Berlin als seiner zweitliebsten Stadt trotzdem treu bleiben. Anfang Mai legte er dort sogar im Rahmen der "Yellow Lounge" Veranstaltungs-Serie im "Cookies" Klassik-Platten auf.

Christiane Rebmann/AP / AP