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ESC-Kandidatencheck: Jetzt geht's um die Wurst

Countdown zum ESC: Conchita Wurst aus Österreich trifft auf Elaiza aus Deutschland und die Favoritin aus Schweden. Wer hat die Nase vorn? Alle 26-Finalsongs zum Nachhören im großen Soundcheck.

Von Jens Maier, Kopenhagen

Eine Frau mit Vollbart, griechische Trampolinspringer und verrückte Franzosen: 26 Teilnehmer treten am Samstagabend im großen ESC-Finale in Kopenhagen gegeneinander an. Im stern.de-Soundcheck können Sie vorab alle Lieder anhören. Wer hat die besten Chancen auf den Sieg?

1. Ukraine: Mariya Yaremchuk - "Tick Tock"

Sie räkelt sich am Hamsterrad: Mariya Yaremchuk aus der Ukraine hat das spektakulärste Bühnenbild des diesjährigen Wettbewerbs. In einer überdimensionalen Spirale - die ein Uhrwerk darstellen soll, aber aussieht wie ein Hamsterrad - läuft ein gutaussehender Tänzer auf der Stelle. Dazu singt die 21-Jährige "Tick Tock". Der Song wurde noch vor der Maidan-Revolution für Kopenhagen bestimmt und ist absolut unpolitisch. Yaremchuk singt über ihr Herzrasen, während sie auf den Liebsten wartet. "My Heart goes Boom", wissen eingefleischte ESC-Fans - in ihrem Fall heißt das "Tick, Tock - my Heart is like a Clock". Die Ukrainerin hat gewisse Ähnlichkeit mit Rihanna, das trifft für ihre Stimme leider nicht zu. Die klingt eher nach Kleinmädchenpop von Blümchen. Ungewiss ist, wie viel Sympathiestimmen die Ukraine aus Europa bekommt. So könnte "Tick Tock" am Ende doch noch auf den vorderen Rängen landen.

Siegchancen:

Nichts ist unmöglich

Buchmacher-Ranking:

Platz 7

stern.de-Wertung:

5 Punkte, aber nur fürs Hamsterrad und aus Sympathie für die Ukraine

2. Weißrussland: Teo - "Cheesecake"

Zwei Backe-Backe-Kuchen-Nummern sind in diesem Jahr beim Eurovision Song Contest an den Start gegangen. Während für den Deutschen Jöran Steinhauer, der für Lettland sang, mit seinem "Cake to bake" nach dem Halbfinale Schluss war, schaffte es der "Cheesecake" des Weißrussen Teo ins Finale. Bei ihm geht's aber auch weniger um ein Rezept, als darum, dass er von seiner Freundin nicht mehr Käsekuchen genannt werden will. Ein solcher ist der smarte Weißrusse zumindest optisch nicht. Vielmehr steht er mit einer Truppe von Männern, die in schwarzen Anzügen gekleidet sind, auf der Bühne und präsentiert zu einem unverfänglichen Boygroupsound der 1990er Jahre eine hübsche Choreographie. Das ist ganz hübsch anzusehen, das Lied ist aber sofort wieder aus dem Ohr verschwunden wie der Duft frischgebackenen Käsekuchens beim kurzen Lüften.

Siegchancen:

Mäßig

Buchmacher-Ranking:

Platz 23

stern.de-Wertung:

1 Punkt. Lieder, die die Welt nicht braucht

3. Aserbaidschan: Dilara Kazimova - "Start A Fire"

"Start a fire" singt Dilara Kazimova aus Aserbaidschan. Ein Feuerwerk der guten Laune ist ihr Song allerdings nicht, sondern eine melancholische Ballade. Schön, aber etwas langweilig. Allein die Klänge der landestypischen Duduk-Pfeife sorgen für Abwechslung. Trotzdem darf sich die 29-Jährige Hoffnungen auf eine gute Platzierung machen. Denn erstens schnitt Aserbaidschan noch nie schlechter als Rang acht ab und zweitens stammt das Lied von einem schwedischen Autorenteam, das bereits den Düsseldorf-Sieger "Running Scared" geschrieben hat. Den Rest erledigt Kazimova mit eine Trapezkünstlerin, die sich im Hintergrund räkelt. Turnstunde mit Musik.

Siegchancen:

Nichts ist unmöglich

Buchmacher-Ranking:

Platz 12

stern.de-Wertung:

3 Punkte, singen kann sie, aber der Song ist sooooo langweilig

4. Island: Pollapönk - "No Prejudice"

Erinnern Sie sich noch an Ba-Ba-Ba-Ba-Ba-Banküberfall von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung? Dann sind sie bei Pollapönk genau richtig. Bei den vier verrückten Lehrern aus Island und ihrem Song "No Prejudice" gibt es ebenfalls einen Ba-Ba-Ba-Ba-Ba-Ba-Refrain, wenn auch mit einer tiefgründigeren Botschaft. Denn wie der Titel schon verrät, geht es bei dem Song nicht um Zahlungsverkehr, sondern um Toleranz. "Lasst uns Vorurteile abbauen, nicht mehr diskriminieren, denn Toleranz ist Trumpf", heißt es übersetzt in einer der Zeilen. Bravo, damit sind die Jungs beim diesjährigen Wettbewerb die einzigen mit einem politischen Statement (wenn man von Conchitas Bart absieht). Im Video zu der spaßigen Punkrocknummer schwenken "Pollapönk" die Regenbogenfahne - das Symbol der Schwulen- und Lesbenbewegung. Da dies jedoch auf der ESC-Bühne verboten ist (Regel: keine politischen Zeichen), treten die Isländer in bunten Jogginganzügen mit den gleichen Farben auf. Putin wird das gar nicht gefallen. Ba-Ba-Ba-Ba-Ba-Ba!

Siegchancen:

Ausgeschlossen

Buchmacher-Ranking:

Platz 19

stern.de-Wertung:

7 Punkte - so cool waren Kindergärtner noch nie

5. Norwegen: Carl Espen - Silent Storm

Groß, stark, mit Bart und Tattoos: So sollen Norweger sein. Sänger Carl Espen Thorbjørnsen hat die Gestalt eines Wikingers, aber die Stimme einer Elfe. Dass derart zerbrechliche Töne aus dem Mann kommen, der einst als Türsteher in Bergen arbeitete, ist ihm nicht anzusehen. Sein Song "Silent Storm" ist das, was eine Gänsehautballade genannt wird. Sie plätschert zwar ein wenig vor sich hin, doch die Interpretation des 31-Jährigen ist so einfühlsam, dass er im norwegischen Vorentscheid mit Standing Ovations gefeiert wurde. Thorbjørnsens Stimme ähnelt der von Rufus Wainwright, ebenfalls ein Meister der leisen Töne. Doch wenn der Norweger mit geschlossenen Augen auf der Bühne steht und den einsamen Liebenden gibt, den er in seinem Lied beschreibt, polarisiert das auch. Männer, die in hohen Tönen über Herzschmerz singen, sind nicht jedermanns Sache. Vor allem dann nicht, wenn der Kerl eigentlich aussieht wie ein Bär.

Siegchancen:

Außenseiter mit Aussicht auf die Top 5

Buchmacher-Ranking:

Platz 10

stern.de-Wertung:

8 Punkte für einmal Gänsehaut

6. Rumänien: Paula Seling & Ovi - "Miracle"

Ein Klavier, ein Klavier: Sie sind zwei alte Bekannte beim ESC: Paula Seling & Ovi gingen bereits 2010 in Oslo an den Start und erreichten damals mit "Playing with Fire" überraschend den dritten Platz - die bis dato beste Platzierung für Rumänien. In diesem Jahr wollen sie nichts weniger als den Sieg. Dafür hat Sänger und Songwriter Ovidiu "Ovi" Cernăuțeanu die Eurodancenummer "Miracle" komponiert. Der mit Beats und Drums überladene Sound erinnert an Hits von David Guetta oder der Swedish House Mafia. Bemerkenswert ist eine Stelle am Schluss, bei der Kollegin Paula über 18 Sekunden einen hohen Ton halten muss - der Vampir-Rumäne aus dem vergangen Jahr lässt grüßen. Auf der Bühne steht Ovi dazu in einem kreisrunden Klavier. Das ergibt keinen Sinn und sieht eigentlich ziemlich albern aus. Doch als einziges Duett im Wettbewerb dürfte für die beiden trotzdem eine Top-Ten-Platzierung drin sein - für einen ersten Platz bräuchte es allerdings wirklich ein "Miracle".

Siegchancen:

Nein, Wunder gibt es bei dem Song nicht

Buchmacher-Ranking:

Platz 15

stern.de-Wertung:

2 Punkte, haben sich ins Aus geklimpert

7. Armenien: Aram MP3 - "Not Alone"

Er gilt als Favorit und soll den ESC zum ersten Mal nach Armenien holen: Aram Sargisyan - oder kurz Aram MP3. Sein Song ist zum Glück origineller als sein Künstlername. "Not Alone" fängt als klassische Ballade an und endet mit einer dicken Überraschung. Wenn in der zweiten Minute die Streicherklänge dramatisch anschwellen und den Zuhörer in den Glauben versetzen, dramatischer könne es nicht mehr werden, kommt es: Eine Orgie aus Synthesizern, Beats und Drums setzt ein, exzessiv und pathetisch, wie die Musik aus einem Roland-Emmerich-Film. Held des Spektakels ist Aram. Der 30-Jährige ist in seiner Heimat ein gefeierter Stand-up-Comedian und hat den Song selbst geschrieben. Ein Tausendsassa wie Stefan Raab also, der vor 14 Jahren mit "Wadde hadde dudde da" auf dem fünften Platz landete. Ähnlich nuschelig klingt auch das Englisch von Aram. Aber wie bei einem Hollywoodactionkracher die Dialoge, ist der Text bei "Not Alone" eher zweitrangig. Hauptsache es kracht - und das wird es bei Aram auf der Bühne ganz gewaltig.

Siegchancen:

Eben noch Favorit, inzwischen abgerutscht

Buchmacher-Ranking:

Platz 4

stern.de-Wertung:

6 Punkte, zu viel gewollt

8. Montenegro: Sergej Ćetković - "Moj Svijet"

Nur wenige Beiträge werden nicht auf Englisch, sondern in der Landessprache gesungen. Der aus Frankreich zum Beispiel, der aus Israel teilweise – und auch der Song aus Montenegro gehört dazu. Er heißt "Moj Sviet", was so viel bedeutet wie "Meine Welt". Sänger Sergej Ćetković, der auf dem Balkan zu den großen Popstars gehört, hat sich angeblich nicht ganz freiwillig für die montenigrinische Version entscheiden. Es heißt, sein Englisch sei zu schlecht. Seiner Ballade schadet das nicht. Denn die wird nicht vom Refrain, sondern von der Kaval, einer auf dem Balkan typischen Flöte, getragen. Das gleiche Ding scheint übrigens auch Celine Dion für die ersten Töne von „My heart will go on“ benutzt zu haben. Plagiat hin oder her: Montenegro hat sich damit zum ersten Mal ins Finale gedudelt. Zweck erfüllt. Didudeldi? Didudeldö!

Siegchancen:

Sehr gering, letzter Platz nicht ausgeschlossen

Buchmacher-Ranking:

Platz 24

stern.de-Wertung:

1 Punkt, Fahrstuhlmusik

9. Polen: Donatan & Cleo - "My Słowianie"

Wenn ein polnisches Video bei Youtube über 40 Millionen Klicks erreicht, kann es sich nur um einen Hit handeln. Und genau das ist "My Słowianie" (Wir sind Slawen) von Donatan & Cleo auch in Polen. Musikalisch handelt es sich dabei um ein Crossover-Stück aus Rap und Volksmusik. Ein Grund für den Erfolg kann aber auch die Freizügigkeit sein, derer sich das Video bedient, denn es werden etliche tiefe Einblicke in üppige weibliche Decolletés gewährt. Das polnische Fernsehen qualifizierte "My Słowianie" direkt und ohne Vorentscheid für den ESC und setzte das Video weitgehend auch auf der Bühne um: Gezwängt in bunte Trachten geben sich zwei mit sehr weiblichen Formen gesegnete Frauen Mühe beim Wäschewaschen und beim Schlagen von Butter. Dass auch noch gesungen wird, geht dabei fast unter. Macht auch nichts, denn der Song ist zwar originell, aber nicht besonders eingänglich. Fraglich bleibt, ob die männlichen Zuschauer bei allen optischen Reizen überhaupt noch an das Anrufen denken?

Siegchancen:

Nichts ist unmöglich

Buchmacher-Ranking:

Platz 20

stern.de-Wertung:

Niet. Wenn's wenigstens lustig wäre

10. Griechenland: Freaky Fortune feat. Risky Kidd - "Rise Up"

Willkommen beim "Aktuellen Sportstudio" aus Kopenhagen. Heute: Trampolinspringen mit Griechenland. Hellas feiert wie bereits in den Vorjahren gegen die Krise an. Der Songtitel kann dabei als Prophezeiung gedeutet werden: "Rise up" - steige auf, singen Freaky Fortune feat. Risky Kidd. Die beiden griechischen Sänger und der deutsch-jamaikanische Rapper schaffen es, Clubatmosphäre auf der Bühne zu verbreiten, ohne dass dabei der typische Griechenlandsound verloren geht. Das liegt vor allem an den Trompeten, die nicht nur am Anfang, sondern permanent zum Einsatz kommen. Auf Youtube haben die drei damit bereits eine Million User begeistert. Auf der Bühne von Kopenhagen hüpfen sie außerdem beim Singen auf einem Trampolin und könnten damit locker den Sprung in die Top 10 schaffen.

Siegchancen:

Unwahrscheinlich, aber Top Ten ist drin

Buchmacher-Ranking:

Platz 9

stern.de-Wertung:

8 Punkte, wir wollen hüpfen, hüpfen, hüpfen

11. Österreich: Conchita Wurst - "Rise Like A Phoenix"

Diese Frau trägt Damenbart: Als Conchita Wurst wird der aus dem Salzkammergut stammende Sänger Tom Neuwirth Österreich beim ESC vertreten. Sein Erscheinungsbild polarisiert. Mit Dana International hatte der ESC zwar bereits 1998 seine erste transsexuelle Siegerin, ein schwuler Travestiekünstler, der als Frau mit Perücke und Bart auftritt, scheint viele jedoch auch 2014 noch zu überfordern. Conchitas Gegner haben auf Facebook eine "Nein zu Conchita Wurst"-Seite gegründet, in der Ukraine läuft eine Online-Petition gegen sie. Doch die 25-Jährige lässt sich davon nicht beirren. "Wer eine bärtige Frau sein möchte, darf das", sagt sie. Mit ihren liberalen Statements ist sie vor allem bei den vielen schwulen ESC-Fans beliebt und könnte die Heldin von Kopenhagen werden. Dass ihr Song "Rise like a Phoenix" wie ein James-Bond-Song klingt und zu den besten Balladen des Wettbewerbs zählt, gerät da fast zur Nebensache. Man könnte auch sagen: ist Wurst. Conchita Wurst.

Siegchancen:

Die Kaiserin! Sie ist einer der beiden Top-Favoritinnen.

Buchmacher-Ranking:

Platz 2

stern.de-Wertung:

12 Punkte, das sind Geschichten, die nur der ESC erzählen kann

12. Deutschland: Elaiza - "Is it right"

Drei Mädels für Deutschland: Beim Vorentscheid in Köln war die Newcomerband Elaiza der Liebling des Publikums. Völlig überraschend setzten sich Sängerin Ela Steinmetz, Akkordeonspielerin Yvonne Grünwald und Bassistin Natalie Plöger gegen Unheilig durch. Doch können die drei auch in Kopenhagen Favoritenschreck sein? Ihr Song "Is it right" schwimmt stilistisch auf der angesagten Neo-Folk-Welle und geht schon beim ersten Hören ins Ohr. Sängerin Steinmetz, die in der Ukraine geboren wurde und eine polnische Mutter hat, darf außerdem auf Sympathiepunkte aus dem Osten hoffen. Trotzdem liegt das Lied bei den englischen Buchmachern weit abgeschlagen hinten. Warum, beantwortet die britische Tageszeitung "Daily Mirror" so: "Es ist nicht fantastisch, aber es ist auch nicht schrecklich." Der Song polarisiert – man liebt oder man hasst ihn. So gibt es auf die Liedzeile "Is it right or is it wrong?" wohl erst im Finale am 10. Mai eine Antwort. Doch es gibt Hoffnung: Ela ist im Saarland aufgewachsen – wie Nicole. Die wurde 1982, auch völlig überraschend, Erste. Wenn das kein gutes Omen ist.

Siegchancen:

Leider nein

Buchmacher-Ranking:

Platz 22

stern.de-Wertung:

10 Punkte, der Song ist gut, dei Mädels spitze, leider hat er in Kopenhagen nicht gezündet. Aber vielleicht gibt's eine Überraschung?

13. Schweden: Sanna Nielsen - "Undo"

Sieben Mal musste sie beim schwedischen Vorentscheid "Melodifestivalen" antreten, bis es geklappt hat: Sanna Nielsen gehört mit 29 Jahren zu den Veteranen des schwedischen Popgeschäfts. Acht Alben hat sie bereits veröffentlicht, von denen es drei in die Top Ten der nationalen Charts schafften. Doch die Teilnahme am ESC blieb ihr bislang verwehrt. Das liegt zum einem an ihrem Image als Schlagerqueen - als schwedische Helene Fischer. Zum anderem an ihrem biederen Look. "Sie ist 29 und nicht 49", frotzelten einige Zeitungen über Kleidungsstil und Frisur der Sängerin. Doch Haare hin oder her - mit ihrem Herzschmerz-Song "Undo", geschrieben von Erfolgskomponist Fredrik Kempe, gilt sie seit dem ersten Semifinale als große Favoritin. Ihre Ballade "Undo" gleicht typischen Liebeschmachtfetzen à la "My Heart will go on". Doch fehlende Originalität machen die Schweden mit einer bombastischen Inszenierung wett. Nielsen wird in einem Lichtspektakel aus 18 Scheinwerfern auf der Bühne stehen - eine Fleisch gewordene Santa Lucia. Und vielleicht die Siegerin des ESC 2014.

Siegchancen:

Zwischen ihr und dem Sieg steht nur Conchita Wurst

Buchmacher-Ranking:

Platz 1

stern.de-Wertung:

10 Punkte, klasse gesungen, sympathische Interpretin, wenn nur der Song origineller wäre

14: Frankreich: Twin Twin - "Moustache"

Conchita Wurst trägt ihn, die Franzosen besingen ihn: Bart ist angesagt beim ESC. Der Song "Moustache" ist eine fröhlich-schräge Hommage an den Schnurrbart. In Deutschland als Rotzbremse geschmäht, ist diese Art der Gesichtsbehaarung in Frankreich en vogue - zumindest bei der Band Twin Twin. Die drei Jungs singen von einem Mann, der alles hat: Autos, Geld und Frauen, nur ein Schnauzer fehlt ihm zu seinem Glück. Die Melodie erinnert an Songs des Belgiers Stromae. Als eine der wenigen modernen Popsongs wird er es im Finale trotzdem schwer haben. Der Grund: Twin Twin sind zwar crazy, aber für den Grand Prix nicht crazy genug. Dafür müssten sie schon Plätzchen backen (Russland 2012, 2. Platz) oder "Sieben, sieben eilulu" grölen (Ukraine 2007, 2. Platz). Spaß machen sie trotzdem.

Siegchancen:

Nur wenn Conchita sich rasiert

Buchmacher-Ranking:

Platz 21

stern.de-Wertung:

7 Punkte, so viel Spaß macht kaum ein anderer Song

15. Russland: Tolmachevy Sisters - "Shine"

Zwillinge haben eine lange Tradition beim Eurovision Song Contest. 1959 waren die deutschen Kessler-Schwestern dabei, vor zwei Jahren Jedward aus Irland. 2014 versuchen die Russen ihr Glück mit einem Zwillingsduo. Das werden Anastasiya and Maria Tolmacheva (kurz: The Tolmachevy Twins) auch brauchen. Nicht nur weil Russland bei der derzeitigen politischen Situation nur auf wenige Sympathiestimmen aus dem Westen hoffen kann - im Semifinale wurden sie sogar ausgebuht. Sondern auch weil ihr Song "Shine" eine eher mittelprächtige Popnummer ist. Sie plätschert ohne erkennbaren Höhepunkt dahin und bietet kaum Wiedererkennungswert. Da rufen wohl nur eingefleischte Putin-Fans an.

Siegchancen:

In diesem Jahr gibt's für Russland nichts zu holen

Buchmacher-Ranking:

Platz 18

stern.de-Wertung:

Gibt's auch Minuspunkte?

16. Italien: Emma Marrone - "La Mia Città"

"Sie sieht aus wie Michelle Hunziker und singt wie Gianna Nannini - besser als umgekehrt", frotzelte Barbara Schöneberger über die italienische Teilnehmerin 2014. Emma Marrone ist eine Rockröhre, entsprechend hart ist ihr Song. "La mia città” (Meine Stadt) klingt wie eine Kriegserklärung an alle Balladen im Wettbewerb. Der von der Florentinerin selbst geschriebene Titel reiht in schneller Abfolge Silben aneinander, als würde sie die Wutrede von Giovanni Trapattoni auf Italienisch wiederholen. Doch statt sich damit wohltuend vom restlichen Harmoniebrei abzuheben, nervt das ziemlich schnell. "La mia città” bietet wenig Abwechslung und klingt immer gleich. Ein Mitgröl-Song ist es leider auch nicht. Das verheißt nichts Gutes für die italienische Punktewertung: "Wie eine Flasche leer."

Siegchancen:

Nach Rom geht's nächstes Jahr nicht

Buchmacher-Ranking:

Platz 17

stern.de-Wertung:

3 Punkte, zu unharmonisch

17. Slowenien: Tinkara Kovač - "Round And Round"

Die Flöte hat im letzten Jahr der Dänin Emmelie de Forest den Sieg gebracht. In diesem Jahr versucht die versierte slowenische Musikerin Tinkara Kovač mit dem Instrument auf Stimmenfang zu gehen. Ihr Problem: Der Song beginnt zwar wie "Only Teardrops" mit einem Flötenintro, nach kann er sich aber zwischen Balkan-Folk und Softpop nicht richtig entscheiden. Dass Tinkara dann auch noch die Sprachen wild durcheinanderhaut und teilweise auf Slowenisch sowie teilweise auf Englisch singt, macht den Gesamteindruck nicht runder. Da auch ihr dunkelblaues Fräulein Rottenmeier Outfit nicht besonders ansprechend ist, kann ihre Qualifikation eigentlich nur zwei Gründe haben: die sehr hilfreiche später Startnummer im Halbfinale und dass andere Titel noch weniger Zuspruch gefunden haben. Im Finale vermutlich eine Kandidatin für einen der letzten fünf Plätze.

Siegchancen:

Nie und nimmer

Buchmacher-Ranking:

Platz 23

stern.de-Wertung:

Null Punkte, gähn!

18. Finnland: Softengine - "Something Better"

Hard Rock, Hallelujah! Die Finnen schicken in diesem Jahr erneut eine Rocknummer zum ESC. Doch keine Sorge, die Band Softengine ist keine billige Kopie der Monsterrocker Lordi. Im Gegenteil. Die fünf jungen finnischen Musiker um Frontmann Topi Latukka erinnern eher an Coldplay oder Placebo. Ihr Song "Something Better", den sie selbst geschrieben haben, ist eingängiger und moderner Poprock, der vor allem durch seine hohen Töne im Refrain heraussticht. Ob Topi die alle trifft? Den jungen Anruferinnen und schwulen Fans wird's vermutlich egal sein. Denn Softengine sehen auch "something better" aus als viele ihrer männlichen Konkurrenten. Süß! Ihre Vornamen sind außerdem eine Steilvorlage für Trendeltern: Topi, Ossi, Eero, Henri, Oskár und Tuomo.

Siegchancen:

Dafür reicht es nicht

Buchmacher-Ranking:

Platz 13

stern.de-Wertung:

8 Punkte, sympathische Burschis mit einem tollen Song

19. Spanien: Ruht Lorenzo - "Dancing In The Rain"

Es ist mittlerweile ganze 45 Jahre her, dass Spanien den ESC zuletzt gewann. Auch in 2014 wird sich an der langen Durststrecke vermutlich nicht viel ändern. Und das obwohl mit Ruth Lorenzo eine respektable Sängerin an den Start geht. Die 32-Jährige wurde 2008 Fünfte in der britischen Castingshow "X-Factor" und hat sich seitdem vor allem in ihrer spanischen Heimat einen Namen gemacht. In Kopenhagen wird sie den selbst geschriebenen Song "Dancing In The Rain" präsentieren. Eine Ballade mit viel Gefühl - leider zu viel. Der Song ist überproduziert und verfehlt seine Wirkung auch deshalb, weil Lorenzo wie festgetackert auf der Bühne steht, während im Hintergrund der Regen danieder geht. Ein kleiner Trost bleibt ihr: viel schlechter als im vergangenen Jahr, als Spanien vorletzter wurde, wird sie wohl nicht abschneiden.

Siegchancen:

Außenseiterchance

Buchmacher-Ranking:

Platz 11

stern.de-Wertung:

5 Punkte, der Refrain ist zu nervig

20. Schweiz: Sebalter - "Hunter Of Stars"

Sie haben sich ins Finale gepfiffen: Sänger Sebastiano Paù-Lessi stammt aus dem italienisch sprechenden Teil der Schweiz. Genauer gesagt aus dem Tessin. Wie es dem Klischee entspricht, ist es um sein Englisch nicht zum Besten bestellt. Vielleicht ist er deshalb auf die Idee gekommen, große Teile seines Songs "Hunter Of Stars" zu pfeifen. Ilse Werner wäre jedenfalls stolz auf ihn. Gute Laune verbreitet er damit jedenfalls. Aber ob das schon ausreicht, um Zuschauer zum Anrufen zu bewegen? Die sind ja schon mit Mitklatschen beschäftigt.

Siegchancen:

Drauf gepfiffen

Buchmacher-Ranking:

Platz 16

stern.de-Wertung:

7 Punkte, D-A-CH müssen zusammenhalten

21. Ungarn: András Kállay-Saunders - "Running"

Über Umweltverschmutzung, kostenlosen Alkohol und Aprikosenkerne wurde beim Eurovision Song Contest bereits gesungen, doch noch nie über Kindesmissbrauch. Ungarn wagt sich in diesem Jahr an dieses heikle Thema. Sänger András Kállay-Saunders, der in New York geboren wurde und dessen Vater ein amerikanischer Soul-Sänger ist, singt in „Running“ über ein Mädchen, das von seinem Vater misshandelt wird. Trotz des bedrückenden Textes ist der Song keine melancholische Ballade, sondern eine Tanznummer. Damit könnte Kállay-Saunders der Überraschungssieger des diesjährigen ESC werden. Im ungarischen Vorentscheid überzeugte der 29-Jährige mit einem perfekten Live-Auftritt. Auch wenn seine etwas nölige Stimme gewöhnungsbedürftig ist, könnte "Running" am Ende mehrheitsfähig sein. Schließlich überzeugt Kállay-Saunders nicht nur musikalisch, sondern auch optisch. Denn zum "Weglaufen" – wie er singt – sieht er nun ganz und gar nicht aus.

Siegchancen:

Ungarn spielt vorne mit

Buchmacher-Ranking:

Platz 6

stern.de-Wertung:

5 Punkte, gut gesungen, aber was soll die Tänzerin? Zu viel Drama

22. Malta: Firelight - "Coming Home"

Eine Insel mit zwei Bergen, aber ohne ESC-Sieg: Seit 1971 nimmt Malta am ESC teil, hat aber noch nie gewonnen. Dabei war der Triumph mit zwei zweiten Plätzen schon zum Greifen nahe. Mit einem Folksong soll's nun endlich klappen. Für Kopenhagen wurde die Band Firelight - bestehend aus fünf Männern und einer Frau - gecastet. Die reisen mit Gitarre, Zither, Akkordeon und Mundharmonika nach Dänemark und singen fröhlich "Coming Home" - ein Lied für alle Auswanderer, die sich nach ihrer Heimat sehnen, wie Frontmann Richard Edwards bedeutungsschwanger sagt. Bei der Komposition war er nicht so originell. Der Song erinnert zu Beginn an Nick Kamens "I promised myself "und dann an die Lieder der britischen Folkband Mumford & Sons. Besser gut kopiert als schlecht erfunden. Zum Mitklatschen, - pfeifen und - summen reicht es, für einen Sieg vermutlich nicht.

Siegchancen:

Eher solides Mittelfeld

Buchmacher-Ranking:

Platz 14

stern.de-Wertung:

4 Punkte, tut nicht weh, kann aber auch nichts

23. Dänemark: Basim - "Cliché Love Song"

Dubidabidididum: Nein, sie sind nicht beim Jodeldiplom von Loriot, sondern beim dänischen Beitrag 2014 gelandet. Die Gastgeber des diesjährigen ESC schicken ebenfalls einen Liebessong ins Rennen. Anders als der schwedische verbreitet er statt Depressionen jedoch gute Laune. Wenn der in Marokko geborene und als Kind mit seinen Eltern nach Dänemark ausgewanderte Sänger Anis Basim Moujahid zum Refrain ansetzt, ist Ohrwurmalarm angesagt. "Uuuuhuhuuu, I Love you": Diesen Song kann jeder mitsingen, -pfeifen und -klatschen. Spötter behaupten, dies sei auch die einzige Qualität des von Basim und drei Dänen geschriebenen Lieds. Denn der "Cliché Love Song" ist, wie er heißt: Gute-Laune-Pop pur, der selbst Gernot Hassknecht ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Dass er beim zweiten Mal Hören nicht schon nerviger ist als jedes Rolf-Zuckowski-Kinderlied, liegt nur an der Selbstironie des Songs. "Nur ein weiteres Klischee-Liebeslied" singt Basim und nimmt damit die ewig gleich klingenden Boygroup-Hits der 90er jahre aufs Korn. Der Trick: Selbst diejenigen, die über derartige Mainstream-Musik sonst die Nase rümpfen, können ungeniert mitsummen - ist ja nur ein Spaß. Und was für einer!

Siegchancen:

Ein Doppelsieg? Möglich!

Buchmacher-Ranking:

Platz 8

stern.de-Wertung:

8 Punkte, so viel gute Laune gehört belohnt

24. Niederlande: The Common Linnets - "Calm After the Storm"

Die Niederlande sind bekannt für Käse, Holzschuhe und ... Countrymusik. Zumindest schicken unsere westlichen Nachbarn mit "Calm After the Storm" eine Countryballade zum Eurovision Song Contest. Die sehr ruhige und entspannte Nummer wird präsentiert von den in ihrem Heimatland extrem populären Sängern Ilse DeLange und Wylon, die sich für den ESC zum Duo The Common Linnet zusammengeschlossen haben. Genauso reduziert wie der Song ist auch der Auftritt der beiden: Das Bühnenbild ist vollkommen in Schwarz und Weiß gehalten. DeLange und Wylon haben nur Augen für einander und ignorieren dabei fast vollständig das Publikum. Das alles ist ein beruhigender Kontrast zu dem sonst üblichen Eurovision-Bombast und hervorragend gesungen. Es ist aber auch ein bisschen langweilig. Nach einer langen Durststrecke mit Misserfolgen haben sich die Niederlande mit den Common Linnets nun schon zum zweiten Mal in Folge für das ESC-Finale qualifiziert und könnten damit vor allem die Jurys überzeugen. Ein Platz unter den Top 5 ist nicht ausgeschlossen.

Siegchancen:

Holland ist das schwarze Pferd

Buchmacher-Ranking:

Platz 3

stern.de-Wertung:

7 Punkte, schön, aber fad

25. San Marino: Valentina Monetta - "Maybe"

Aller guten Dinge sind drei: Endlich hat es San Marino ins Finale des Eurovision Song Contest geschafft. Zum dritten Mal in Folge hat das kleine Fürstentum auf die Sängerin Valentina Monetta und den deutschen Komponisten Ralph Siegel gesetzt. Dieses Mal mit Erfolg. Dabei ist der Song "Maybe"vergleichsweise einfallslose Massenware. Die Melodie und der Text wabern genauso unentschlossen durch die musikalische Welt, wie es der Name des Liedes andeutet: maybe Schlager, maybe Ballade, maybe Discofox. Dazu steht die Sängerin vor einer überdimensionierten Muschel aus cremefarbenen Stoff, wie man sie seit den 1950er Jahren schon nicht mehr gesehen hat. Da hilft auch nicht, dass Mister Grand Prix Ralph Siegel höchst persönlich am Klavier sitzt. Mehr als ein Platz im letzten Drittel dürfte dort nicht drin sein.

Siegchancen:

Keine, aber Kandidat für den letzten Platz

Buchmacher-Ranking:

Platz 26

stern.de-Wertung:

1 Mitleidspunkt für Ralph Siegel

26. Vereinigtes Königreich: Molly - "Children Of The Universe"

Nach Engelbert Humperdinck und Bonnie Tyler schicken die Engländer in diesem Jahr keine ausgediente Showgröße zum ESC, sondern endlich wieder ein junges Talent. Soweit die gute Nachricht. Die schlechte: Molly Smitten-Downes, oder kurz Molly genannt, klingt genauso wie Oma Tyler - wenn auch in deren besseren Jahren. "Children of the Universe" ist eine Mitsing- und Mitklatschhymne, die Molly zusammen mit dem Schweden Anders Hansson geschrieben hat. "Das Publikum muss das Drama spüren", beschreibt sie ihren Song. Doch leider bleibt von dem Weltverbesserungssong nur der dominante Chor in Erinnerung, der "He" und "Oh" und bedeutungsschwanger "Power tot he People" dazwischenruft. Dann lieber Cliff Richard, der 1973 für die Popnation "Power to All Our Friends" sang und damit Dritter wurde.

Siegchancen:

Überschätzt. Der Song wird nicht zünden

Buchmacher-Ranking:

Platz 5

stern.de-Wertung:

5 Punkte, aber nur für die letzten gesungenen Worte beim diesjährigen Wettbewerb: "Power to the people"

Mitarbeit: Lars Peters