Sängerin Melody Gardot Mit Gehstock und Sonnenbrille zum Erfolg


Melody Gardot, 23, extrem talentiert, macht mit ihrer Mischung aus Jazz, Blues und Pop Sängerinnen wie Norah Jones oder Madeleine Peyroux Konkurrenz. Ihre Fähigkeiten als Sängerin und Komponistin entdeckte Gardot nach einem Verkehrsunfall, der sie fast umgebracht hätte. Sie leidet bis heute darunter.
Von Tobias Schmitz

Die Szene könnte aus einem Film von David Lynch oder David Cronenberg stammen: Eine dunkle Bühne, ein einsames Mikrophon. Von rechts betritt eine junge Frau den Raum. Hautenges schwarzes Kleid, lange blonde Haare, knallroter Mund. Sie trägt eine Sonnenbrille und dunkelrote High Heels mit Absätzen, die sich auch als Mordwerkzeuge eignen würden. Doch ein Detail passt nicht ins Bild: Der gefährliche Vamp stützt sich auf einen Gehstock. Melody Gardot ist erst 23, aber sie bewegt sich langsam und vorsichtig wie eine alte Frau.

Noch immer leidet sie unter den Folgen jenes Tages, damals, 2003, an dem sie an einer Straßenkreuzung in Philadelphia fast ihr Leben verlor. "Ich sehe diesen Unfall noch immer vor mir wie einen Comicstrip", sagt Melody Gardot. "Ich stehe mit meinem Fahrrad an einer Kreuzung. Aus dem linken Augenwinkel sehe ich zwei grelle Scheinwerfer, die auf mich zukommen. Dann taucht dieser riesige Geländewagen auf, ein Jeep Grand Cherokee. Ich spüre den Aufprall, alles wirkt seltsam unwirklich. Plötzlich höre ich das lauteste Geräusch, das ich je vernommen habe: es ist mein eigenes Schreien."

Mit schweren Kopf- und Wirbelsäulenverletzungen und einem mehrfachen Beckenbruch wird Melody Gardot ins Krankenhaus eingeliefert. Es wird endlose, quälende Monate dauern, bis sie das Krankenhaus verlassen kann. Aber es ist der Anfang einer bemerkenswerten Karriere. Durch den Unfall ans Bett gefesselt, fängt Gardot an Songs zu schreiben. Jetzt macht sie als Sängerin und Songwriterin mit einer leisen, lasziven Mischung aus Jazz, Blues und Pop etablierten Größen wie Norah Jones oder Madeleine Peyroux Konkurrenz. "Dass ich die Musik entdeckte, war ein Unfall in Folge eines Unfalls", sagt Melody Gardot. Und grinst dabei.

Kein Geld für Klavierstunden

So ganz stimmt das nicht: Schon als Kind hatte Gardot Melodien, die sie im Radio hörte, auf einem verstimmten Klavier nachgeklimpert. Ihrer Mutter, die ihr Kind allein aufzog und von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob hechelte, bereitete das unüberhörbare Talent ihrer Tochter keine Freude, sondern Sorgen: "Oh Gott, woher soll ich jetzt noch das Geld für Klavierstunden nehmen?"

Ein junger Mann aus der Nachbarschaft erbarmt sich und gibt der neunjährigen Gardot Unterricht. Eineinhalb Jahre lang steht klassische Musik auf dem Lehrplan. Aber dann will Gardot eines Tages ihrem Lehrer eine Freude machen und spielt ihm zum Geburtstag ein Lied vor, das sie sich selbst beigebracht hat. "Was spielst Du da?", fragt der Lehrer entgeistert. - "Einen ganz normalen Song." - "Nein! Du spielst BLUE NOTES!" - "Wieso blau? Ich dachte, das Klavier hat nur schwarze und weiße Tasten!" "Rühr Dich nicht von der Stelle", sagt der Klavierlehrer, springt in sein Auto und kommt nach 20 Minuten mit Noten von Duke Ellington zurück. "So", sagte er, "ab sofort lernst Du Jazz und Blues!"

Der Unfall verändert ihr Leben

Mit 16 kann Melody Gardot sich ihr Taschengeld als Barpianistin verdienen. Auf die Idee, eigene Songs zu schreiben oder gar selbst zu singen, kommt sie nicht. Bis an jenem Tag 2003 ein Geländewagen eine rote Ampel überfährt und Melody Gardot schwer verletzt. Eine der vielen Folgen des Unfalls sind Erinnerungslücken: Gardots Kurzzeitgedächtnis ist schwer gestört.

Die Ärzte empfehlen Musiktherapie. Und ganz langsam entdeckt die junge Frau, die eigentlich immer Kunst studieren wollte, ihre Fähigkeiten als Komponistin. Noch im Krankenhausbett liegend nimmt sie mit einem einfachen Rekorder ihre ersten eigenen Songs auf.

Ursprünglich ist keines dieser Lieder für andere bestimmt, doch ihre Zuhörer ermutigen Gardot, die Songs zu veröffentlichen. Ihre EP heißt "Some Lessons" und trägt den ironischen Untertitel: "The Bedroom Sessions". Bald wird in Philadelphia ein lokaler Radiosender auf die junge Frau aufmerksam, und bald gibt es für ihre Musik ein größeres Publikum.

Lieder so leicht, als würden sie schweben

"Worrisome Heart", ihr erstes richtiges Album, ist in seiner ruhig dahinfließenden Mischung aus Blues und Jazz eine Entdeckung. Wie anstrengend es war, unter Schmerzen und mit Konzentrationsproblemen diese Songs mit Musikern, die schon für Aretha Franklin, Billy Joel, Harry Connick Jr. oder Jill Scott arbeiteten, einzuspielen, hört man dem Werk nicht an. Von Co-Produzent Glenn Baratt ganz sparsam arrangiert, wirken Lieder wie "Goodnite" (siehe Video) so leicht, als würden sie schweben.

Und auch auf der Bühne ist Melody Gardot nur wenig anzumerken, wie schwer ihr manchmal die Leichtigkeit fällt. Noch immer leidet sie wegen des Unfalls an Tinnitus, noch immer reagiert sie äußerst empfindlich auf Geräusche und Licht. "Die Auftritte kosten mich viel Kraft, aber gleichzeitig gibt es nichts, was mich so glücklich macht", sagt sie. "Ich komme auf die Bühne, schließe meine Augen und lege einfach los."

Ihr zweiter Vorname ist Joy

Aber manchmal denkt sie doch darüber nach, wie lange sie noch auf Gehstock und dunkle Sonnenbrille angewiesen sein wird. "Ich mache Fortschritte. Jeden Tag ein kleines bisschen. Mein Leben ist wie ein Kartenspiel: Ich habe eine bestimmte Anzahl von Karten auf der Hand und muss das Beste daraus machen." Sie will kein Mitleid. Und wer meint, in ihren Songs Trauer über das eigene Schicksal zu hören, bekommt sofort die passende Antwort: "Ach was", sagt die Amerikanerin, "ich liebe das, was ich tue. Und ich gestatte es mir gar nicht, mich schlecht zu fühlen. Meine Mutter hat mir nicht umsonst diesen zweiten Vornamen gegeben!" Sie heißt Melody Gardot. Melody Joy Gardot. Joy - wie Freude.


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