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Otto Graf Lambsdorff: Ein echter Liberaler

Er war ein Markenzeichen der Freidemokraten, galt als unbedingter Verfechter der freien Marktwirtschaft und scharfer Analytiker: Jetzt ist Otto Graf Lambsdorff im Alter von 82 Jahren gestorben.

Ein Nachruf von Hans-Peter Schütz

Er gehörte nicht zu den Menschen, die meinten, zum letzten Abschied seien Schmeicheleien publizistische Pflicht. Zu diesem Thema mit einer Frage konfrontiert, hätte er seinen Gehstock mit dem Silberknauf auf den Boden gerammt. Erkennbar wütend. Und gesagt: "Ach, hören sie doch damit auf!" Das hätte bei Otto Graf Lambsdorff von der Tonlage her geklungen, als müsste er eine Frage zur Abschaffung der freien Marktwirtschaft beantworten. Diskant!

Wir wissen nichts über die letzten Stunden des Mannes, der den Beinamen, nein den "Kriegsnamen", Marktgraf, bis zu seinem Tode trug. Aber er ist vermutlich auch in der Stunde des letzten Abschieds nicht milde von seiner Art des Lebens abgewichen.

Hinter seinem Schreibtisch hing stets ein Bismarck-Porträt

Otto Friedrich Wilhelm von der Wenge Graf Lambsdorff hat ein Leben gelebt, das nicht von Milde sich selbst gegenüber bestimmt war, sondern von Konsequenz und Selbstdisziplin. Wo immer er arbeitete in seinem wechselreichen politischen Leben: Hinter seinem Schreibtisch hing stets ein Bismarck-Porträt.

Der Mann aus westfälisch-baltischem Adel war schließlich preußischen Zuschnitts, erzogen an der Ritterakademie Brandenburg/Havel. Einer der nie in die Knie ging, nicht vor anderen, nicht vor sich selbst. Im Krieg, für den er sich als 17-jähriger Freiwilliger gemeldet hat, schossen sie ihm das linke Bein weg. Die Prothese hat ihn nie daran gehindert, auf den Bundespressebällen und bei anderen gesellschaftlichen Ereignissen mit seiner Frau zu tanzen. Rock'n Roll liebte er am meisten - typisch Lambsdorff. Nach diesem Rhythmus taktierte er auch in der Politik am liebsten.

An sein Format kam bislang keiner aus der FDP heran

Der 1926 Geborene kam erst in relativ späten Jahren zu seinen Liberalen, natürlich kriegsbedingt, denn nach der Heimkehr stand die private Karriere beim Privatbankier Trinkaus im Vordergrund, zu dessen Generalbevollmächtigtem er aufstieg. Ab 1972 im Bundestag gab er den Marktgraf: Raus mit dem Staat aus der Wirtschaft, weniger bürokratische Gängelung, der perfekte Sozialstaat ist nicht das Maß aller politischen Dinge. Die Genossen litten schwer unter diesem Mann, den sie von 1977 bis zur Wende 1982 aushalten mussten.

Man darf gespannt sein auf die Worte, mit denen Altkanzler Helmut Schmidt jetzt den Tod seines damaligen Wirtschaftsministers würdigen wird. Von seinem Format als aufrechter Wirtschaftsliberaler kam seither keiner mehr in der FDP nach ganz vorn. Nicht Haussmann, nicht Bangemann, nicht Rexrodt und auch nicht Westerwelle.

Lambsdorff machte die Ära Kohl möglich

Er war es letztlich, der die Ära Kohl möglich gemacht hat. Nicht der gewohnt zögerliche Hans Dietrich Genscher. Ganz harmlos klang, was Lambsdorff 1982 im Parteiblättchen "Neue Bonner Depesche" unter dem Titel "Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit" zu Papier gebracht hatte. Aber es war nach wenigen Sätzen klar: Das war die Kriegserklärung an die SPD unter Kanzler Schmidt. Es war Lambsdorff, der damals forderte, wer seinen Arbeitsplatz verliere solle die ersten drei Monate nur 50 Prozent der Arbeitslosenunterstützung bekommen. Der vor einer "unkontrollierten Eskalation der Haushaltsprobleme" warnte. Der sehr viel früher auch gesehen hat, wie die Globalisierung die Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten der Politik verengt.

Späte Berufung zum Parteivorsitzenden

Partnerwechsel war angesagt - durch Otto Graf Lambsdorff. Nie war der Marktgraf machtpolitisch wichtiger für die Liberalen gewesen. Aber daneben gab es dann schnell die Frage, ob er denn nicht unter Kohl oft Sehnsucht nach den Zeiten des Kanzlers Schmidt gehabt habe. Und 1997 wurde er intern immer mal wieder gefragt, ob es denn jetzt nicht auch Zeit sei, wieder einmal ein Wendepapier für die FDP zu schreiben, denn die Situation sei schließlich mit jener von 1982 durchaus vergleichbar.

Aber er war auch jener Mann, der die FDP mehr belastet hat als vermutlich jeder andere in seinen aktiven Jahren. Wegen illegaler Parteienfinanzierung, die sich schönfärbend "Landschaftspflege" nannte, ist er verurteilt worden. 180.000 Mark Geldstrafe. Er trug sie stets wie einen Verdienstorden, obwohl sie die schwerste Niederlage seine Lebens gewesen ist. Er habe sich, so sein Standpunkt, nie auch nur um einen Pfennig selbst bereichert. Er stand dazu voller Überzeugung. Dass Jahre später ein Helmut Kohl sich wegen seiner Schwarzen Kassen hinter dem angeblichen Ehrenwort gegenüber seinen Geldgebern verschanzte, hat Lambsdorff nie verstanden. So gesehen war es konsequent von der FDP, dass sie ihn 1988 doch noch zum Parteivorsitzenden und später zum Ehrenvorsitzenden gemacht hat. Dort gab er zuweilen, wie er selbst sagte, den "Opa fürs Grobe."

Es gab auch den Linksliberalen in ihm

In einem Punkt allerdings unterscheidet sich der "Marktgraf" von allen Marktgrafen, die heute in der FDP das politische Sagen haben. Er war immer ein aufrechter Liberaler. Gehörte zu denen, die gegen den Lauschangriff stimmten. Dachte nicht nur Tag und Nacht an Steuersenkung, sondern wütete über die Me-schenrechtsverletzungen im Iran, China, Birma. Über der FDP-Naumann-Stiftung ließ er regelmäßig die tibetanische Fahne hissen. Als einige in der FDP seine Partei rechts der CDU, nach dem Vorbild des Österreichers Haider, ansiedeln wollten, wütete er förmlich dagegen. Als der heutige Parteichef Westerwelle für einen besseren Ehrenschutz für Bundeswehrsoldaten plädierte, stimmte er dagegen. Für ihn war das demokratische Gut der Meinungsfreiheit zu wichtig, "um für eine spezielle Gruppe eine Sonderregelung zu schaffen."

Er verstand sich als einer der ganz wenigen in der FDP-Führung gut mit dem Grünen Joschka Fischer, den er als einen Meister der klaren Sprache neben sich sehr schätzte. Einen Wolfgang Schäuble sah er "zu sehr auf der rechten Seite angesiedelt." Und er dachte schon über eine Ampel-Koalition im Bundestag nach, als die meisten seiner Parteifreunde gar nicht verstanden, was mit der verkehrstechnischen Bezeichnung gemeint war. Neben dem Marktgrafen gab es eben auch einen Linksliberalen in ihm. Eine Spezies, die in der Westerwelle-Niebel-FDP längst ausgestorben ist. Für ihn passten, wie er einmal sagte, "Demokratie, Menschenrechte, Marktwirtschaft" zusammen.

Otto Graf Lambsdorff war auf seine Art politiksüchtig. Zu Bonner Zeiten schwamm er schon morgens seine Runden im Becken des Kanzleramts. Das hat ihn nicht gehindert, schon früh um sieben im Radio-Interview Kanzlerschelte zu betreiben. Eines hat er sich aber selbst verweigert: Das Schreiben von Memoiren. "Weil man mit ehrlichen Memoiren die Hälfte seiner Freunde verliert, ohne vorher zu wissen, welche Hälfte es sein wird."

Ein echter Lambsdorff.