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Inside Politikjournalismus: Wie mich Schröder beim Tennis abzockte

Ich habe Sehnsucht. Unter Brandt, Schmidt, Kohl und Schröder war noch Bambule. Nun regiert die GroKo - ebenso professionell wie langweilig. Ein Rückblick.

Von Hans Peter Schütz

Wie es früher war in der Politik? Politischer Journalismus war schon mal ein Abenteuer, manchmal sogar ein Risiko. Bei Gesprächen mit Herbert Wehner zum Beispiel, dem wortgewaltigen "Onkel", der poltern konnte wie kein Zweiter. Unvergessen ist für mich eine Szene, die ich mit dem SPD-Fraktionschef erlebt, genauer: überlebt habe. Einige Monate vor der Bundestagswahl 1972 war ich bei Wehner zum Interview. Ich fragte, wie er die derzeitige politische Form des SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt einschätze?

Tiefes Schweigen. 10, 20 Sekunden lang.

Nervös fingerte ich an meinem Aufnahmegerät herum. Er schwieg weiter. Schließlich wiederholte ich die Frage, im Glauben, Wehner könnte sie akustisch nicht verstanden haben. Da brüllte er plötzlich los: "Glauben - Sie - ich - höre - schlecht? Man - muss - doch - ab - und - zu - nachdenken - in - der - Politik!" Ein Satz von zehn Sekunden Länge.

Vorbei das Private und Menschliche

Eine Szene, unvorstellbar heute - wie so vieles, was längst aus unserem journalistischen Alltag verschwunden ist. Die manchmal auch menschliche Nähe von einst ist einer professionellen, interessengeleiteten Distanz gewichen - was so verkehrt ja auch nicht ist. Private Einladungen, die auch privat bleiben? Die absolute Ausnahme, wie vertrauliche Gespräche, die tatsächlich auch vertraulich bleiben. Und Interviews geben Spitzenpolitiker nur noch, wenn Aufpasser dabeisitzen, die anschließend mit dem Journalisten darüber verhandeln, welche Passage unbedingt gestrichen werden muss.

Alles vorbei. Politische Berichterstattung ist in der digitalen Informationsgesellschaft ein radikal anderes Gewerbe geworden. Der nachdenkliche Leitartikel wird nicht mehr geruhsam per Lochstreifen versandt. Die Online-Portale sind zehnmal schneller. Sie geben den Spin vor. Dem klassischen Politikjournalismus ist so auch ein Stück Deutungsmacht abhanden gekommen. Das Publikum liest nicht nur mit, es redet mit. Politiker wie Angela Merkel haben sich darauf eingestellt. Sie kommuniziert nicht nur über die Medien, sie spricht die Menschen auch direkt an. Mindestens einmal die Woche, mit ihrem Podcast.

Zu Bonner Zeiten konnte man gelegentlich mit einem Bundesminister am Rhein spazieren gehen, einfach so. Ohne Bodyguards. Zuweilen traf ich Spitzenpolitiker auch zufällig am Imbiss vor dem Bonner Bundeshaus. Zur Bratwurst wurden Informationen serviert. Oder man setzte sich ein Viertelstündchen zum FDP-Granden Otto Graf Lambsdorff, der sich auf einer der Bänke im Bonner Regierungsviertel ein wenig sonnte.

Vorbei. Heute siedeln Politiker und Journalisten im "Café Einstein" Unter den Linden in Berlin. Zuweilen ist am nächsten Tag nachzulesen, wer mit wem dort gegessen hat. Das ist beabsichtigt, die Cafè-Besucher wollen eine politische Botschaft senden. Wenn SPD-Chef Sigmar Gabriel und der Linkspartei-Politiker Dietmar Bartsch einen Tisch teilen, dann möchten sie gesehen werden.

Politik mit Tränen und Trillerpfeife

Es ist nicht leicht, sich an die halbherzige Langeweile des heutigen politischen Alltags zu gewöhnen, wenn man in seiner journalistischen Laufbahn mit Leuten wie Willy Brandt zu tun hatte. Brandt hat nicht nur die deutsche Politik nach Osten geöffnet, er hat auch die jungen Wähler an die Bundesrepublik herangeführt. Gibt es das heute noch, dass Politiker eine ganze Generation begeistern, weil sie begeistern wollen? Gewiss, die Zeiten haben sich geändert. Die Welt ist komplexer geworden. Aber es fehlen auch die Typen. Und es fehlt der Wille. Brandts Politikansatz - das war jedenfalls keine "Verwaltung des Stillstands", wie es jetzt die Grünen sehr zu Recht beim Amtsantritt der neuen Großen Koalition beklagten. Politik hatte noch kühne Inhalte und Gefühlswerte. Und Aussitzen galt noch nicht als Qualifikation.

Wer Willy Brandt als Journalist erleben durfte, wird ohne Zögern zugeben: Er war für die Branche der faszinierendste Mann. Nie gab es im bundesdeutschen Journalismus mehr Gefühle als zu Willys Zeiten. "Mehr Demokratie wagen" - das war keine der halbherzigen Zielmarken, wie Angela Merkel sie jetzt als Programm verbreitet. Als Rainer Barzels Misstrauensantrag im April 1972 gegen Brandt gescheitert war, da flossen tatsächlich Tränen des Glücks im Bundestag bei Abgeordneten von SPD und FDP. Und auf der Pressetribüne im alten Bundestag wurde heftig geschluckt. Heute ist das unvorstellbar.

Das Klein-Klein des politischen Alltags liebte Brandt nicht. Er war politischer Visionär, nicht Politik-Verwalter, wie es, auf freilich hoch-professionelle Weise, schon sein Nachfolger Helmut Schmidt war. Der begriff sich als ersten Angestellten des Staates und verdiente sich den Namen "Schmidt-Schnauze" redlich. Er mag ein erklärter Anti-Visionär gewesen sein wie Angela Merkel heute - rhetorisch schlug und schlägt er sie um Längen. Und dass Merkel mal im Garten des Kanzleramtes Kabinettssitzungen per Trillerpfeife ankündigt, ist auch nicht mehr so recht vorstellbar.

Kohl: "Wir schaffen die Einheit"

Nach der Politikmaschine Schmidt - welch ein Wechsel! - kam Kohl. Ein Kanzler, der als Mensch und Politiker ("geistig-moralische Wende") sehr, sehr gewöhnungsbedürftig war. Ein Mann, der Journalisten auf Reisen nach Reinland-Pfalz gerne persönlich Zwiebelkuchen an den Tisch brachte. Der dann aber mindestens die Hälfte davon genussvoll selbst in sich hineinschob und nebenbei erklärte: "Ihr Schreiberlinge, habt von der Bonner Politik ja keine Ahnung."

Von unserer Branche hielt er grundsätzlich nicht viel, von manchen Medien gar nichts. Nach meinem Wechsel von der "Südwest Presse" zum stern begrüßte er mich mit den Worten: "Na, jetzt müssen Sie ja auch für die Hamburger Medien-Mafia arbeiten." Von einem auf den anderen Tag war es aus mit den politischen Gesprächen unter vier Augen. Fortan war ich Feind. Kohl lehnte Kontakte mit dem stern ab, den er angeblich nicht einmal durchblätterte, sondern von seinem Regierungssprecher Eduard Ackermann oder seiner Frau Hannelore lesen lies.

Kaum jemand hatte diesem Mann, den bis dahin nur sein außergewöhnliches Talent zur Machtsicherung ausgezeichnet hatte, zugetraut, dass er die Chance zur schnellen Wiedervereinigung entschlossen nutzen würde. Ich gebe zu - auch ich nicht. Aber Kohl nutzte in jenen historischen Tagen nach dem Mauerfall das unverhoffte Glück und verriet einmal beim Bier nach Mitternacht, als viele noch am Erfolg seines Eilmarsches zur Einheit zweifelten: "Wir schaffen die Einheit. Das läuft, die Menschen wollen das."

Danach war sein Selbstvertrauen schier unerschütterlich. Beim nächtlichen Sonderflug aus Warschau am 9. November 1989 ins freudentaumelnde Berlin duldete er in seiner Hochstimmung ausnahmsweise sogar stern-Journalisten in der Kanzlermaschine. "Euch nehme ich jetzt halt auch mit!"

Kohl war selbstherrlich im Umgang mit den Medien. Den "Pressebengeln", wie er sie nannte, teilte er selbstbewusst mit: "Ich mache, was ich für richtig halte, alles andere ist mir Wurscht." Solche Sätze sind heute nicht mehr zu hören. Seine Niederlage 1998 hat er so richtig nie verstanden, schon gar nicht beim Blick auf jene "blühenden Landschaften", die er der Republik vermeintlich hinterlassen hat.

16 Jahre war er im Amt. Und auch in den späten 90er Jahren war es im Kanzleramt noch so, als stecke die Bundesrepublik noch in den 50er Jahren. Veränderung? Zeitgeist? Keine Spur. In seiner Strickjacke, mit Sandalen oder Hausschuhen saß Kohl in seinem Büro. Aquarium schräg vorn zur Linken, Vivaldi von hinten. Mit Münzen und Mineralien auf dem Schreibtisch, in der Tasche den schwarzen Kalender, in dem notiert war, welchen CDU-Ortsvorsitzenden er mal wieder anrufen musste.

Als Kanzler brauchte Schröder uns nicht mehr

Es war (auch) diese geistige Bewegungsunfähigkeit, die einen SPD-Kanzler Gerhard Schröder erst möglich machte. Der hatte allerdings, wie sein Parteifreund Erhard Eppler zuweilen lästerte "dreimal hier gerufen, als Gott die Machtinstinkte verteilt hat". Hatte am Zaun des Bonner Kanzleramts hängend gegrölt: "Ich will hier rein". Und ging oft mit Journalisten einen saufen. Und umgekehrt.

Schröder spielte gegen Journalisten gerne Tennis, verlor aber äußerst ungern, weshalb er den Umgang mit dem Schläger zuweilen nach den Spielregeln der Politik ausübte. Lag er gegen den stern-Korrespondenten zurück, gab er dessen Passierbälle gerne "Aus", bevor sie bei ihm im Spielfeld aufschlugen.

Das Leutselige wich schnell bei Schröder. Kaum war er Kanzler, ging er auf Distanz. Er brauchte uns Journalisten nicht mehr, allenfalls "Bild, BamS und Glotze" - wie er glaubte. Schröder setzte damit konsequent fort, was Kohl begonnen hatte: die Einhegung der vierten Gewalt. Der Umzug aus dem familiären Bonn ins unübersichtliche Berlin tat sein Übriges.

"Ich habe mich noch nie so gelangweilt"

Nähe und Distanz. Das ist immer ein Thema gewesen im politisch-publizistischen Zirkus. Ein letztes Mal richtige Nähe zwischen Politikern unterschiedlicher Parteien habe ich bei der ersten Regierung unter Angela Merkel erlebt. Den Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder (CDU/CSU) und Peter Struck (SPD) räumte sie tragende Rollen bei der Inszenierung dieser Großen Koalition ein. Mit seinem Freund Struck schaltete Kauder konsequent von Kampf auf Kuscheln. Der Peter, schwärmte er einmal, dürfe ihn beim Bier sogar "du Arsch" nennen, solange er ihn "nie verseckele", wie man das in Baden-Württemberg sage. Und wenn im Parlament dann doch mal ausnahmsweise die Einigkeit in der Koalition gefährdet war, dann griffen die Parlamentarischen Geschäftsführer Norbert Röttgen (CDU) und Olaf Scholz (SPD) dezent ein: Zupfte sich einer von beiden am Ohr, wusste der Andere das Signal zu entschlüsseln: Vorsicht, jetzt reicht´s! Mehr Disziplin, bitte!

So ist es heute nicht mehr. Heute tun sich selbst die Regierungssprecher schwer dabei, nach Merkels Reden im Bundestag zu erklären, was genau sie eigentlich gesagt hat. Und die sogenannte Opposition scheint auch nicht zu wissen, was der Kanzlerin gesagt werden müsste, wenn ich den blassen Grünen Anton Hofreiter so höre, wie er seine dürftigen Sätze vom Blatt abliest. Die erste parlamentarische Sitzungswoche in diesem Jahr – sie war grausam. Kein Esprit, nirgends. Nicht bei der Kanzlerin, von der man so etwas schon gar nicht mehr erhofft. Aber auch nicht bei der Opposition.

Ganz ehrlich? Ich habe mich in meinen 40 Jahren als politischer Korrespondent noch nie so gelangweilt, wie in dieser ersten Parlamentswoche. Es reicht. Sonst laufe ich noch Gefahr, mich danach zu sehnen, dass mich Herbert Wehner mal wieder anschnauzt.

Jetzt im neuen stern: Gerhard Schröder

Wie er lebt, was er tut, ob er das Kanzleramt vermisst - das große Schröder-Porträt ab Seite 43 in der aktuellen Ausgabe des stern.