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100. Geburtstag von Willy Brandt: Der Magier

Wenn Willy Brandt vor eine Menge trat, standen vielen die Tränen in den Augen. Sogar Hans-Ulrich Jörges, der damals ein harter Hund war.

stern-Redakteure erinnern sich an Willy Brandt: "Ein sozialdemokratischer Che Guevara"

Ach, Obama. Vergessen Sie ihn. Der Lack ist ab von dieser polierten Figur – und auch den angeblichen Charismatiker kann ich nicht mehr finden im Weißen Haus. Die Lässigkeit, die Direktheit, die mitreißende Rhetorik: alles antrainiert, alles inszeniert. Seit ich genauer hinschaue und hinhöre, erkenne ich, dass er zwanghaft jedes Treppchen emporfedern muss, dass er grauenhaft spricht, wenn der Prompter mit dem Redetext ausgefallen ist, wie jüngst vor dem Brandenburger Tor. Als "frühen Obama" habe ich einst Willy Brandt bezeichnet, da glaubte ich noch an den Amerikaner. Aber das war ein leichtfertiges Fehlurteil, bitteres Unrecht gegenüber dem Friedensnobelpreisträger, der diese Auszeichnung auch wirklich verdient hatte.

Brandt zog Menschen in seinen Bann

Denn nichts an Brandt war einstudiert, geprobt, aufgesetzt. Der Mann war authentisch, umwerfend gewinnend und bewegend. Ich bin nie wieder einem Politiker begegnet, der es auch nur näherungsweise mit seinem Charisma aufnehmen konnte. Unvergesslich. Brandt hat Menschen in seinen Bann gezogen, selbst auf Distanz. In meinen jungen Jahren, als linksradikaler Sponti in Frankfurt – 68 ff. –, beobachtete ich verblüfft, wie die coolen Revolutionäre am Tag des Misstrauensvotums gegen den Kanzler der Entspannungspolitik still vor dem Fernseher hockten, alle, alle, und jubelten, sich in die Arme fielen, als Rainer Barzel, der Mann mit dem Ölkännchen, gescheitert war. SPD? Vergiss es ... Wer hat uns verraten ..? Nein, auf Sozialdemokraten blickte man verächtlich herab, mit rebellischer Arroganz. Aber Brandt, der erreichte, der packte uns alle – und machte uns zu gefühlsechten Kleinbürgern vor der Glotze, für eine historische Stunde mitten hineingebeamt in die reale Welt der Bonner Politik. Ein wenig schämte man sich dafür, aber die Freude über seinen Triumph spülte aufsteigende Selbstzweifel hinweg. Unvergesslich.

Mag sein, dass Joschka Fischer, der damals auch als Straßenkämpfer in Frankfurt unterwegs war, aus diesem Grund ein Bild Willy Brandts in seinem Amtszimmer aufstellte, als er zum grünen Außenminister mutiert war. Die SPD war es gewiss nicht, die ihn mit Brandt verband. Womöglich die Erinnerung an die eigenen Emotionen in der Stunde des Misstrauensvotums 1972. Unvergesslich.

Brandt bewegte emotional

Später, als junger Journalist, begleitete ich Brandt auf einer Wahlkampftour nach Niedersachsen. Und da verstand ich. Alles. Der Mann brauchte nur eine Halle zu betreten, sich den Weg nach vorn zu bahnen – er hatte noch kein Wort gesprochen –, und den Menschen standen die Tränen in den Augen. Mir auch, mir hartem Hund. Hände reckten sich ihm entgegen, man berührte ihn sanft – und weinte. Kein anderer nach ihm hat je wieder eine solche Magie entwickelt. Brandt bewegte nicht nur Massen, politisch, er bewegte auch jeden Einzelnen, emotional. Er konnte Menschen bis ins Innerste erschüttern. Unvergesslich.

Schon als Linksradikaler, später auch als Geläuterter, war ich der überaus seltene, ja damals geradezu kuriose Fall eines jungen Gesamtdeutschen. Ich war in der DDR geboren und glaubte an die deutsche Einheit. Lieber Himmel, Wiedervereinigung? Das roch historisch leicht verwest, nach Vertriebenenverbänden. Aber ich konnte nicht anders. Ich konnte mir das geteilte Land mit dem eingemauerten Berlin in der Mitte nicht als historischen Dauerzustand vorstellen. Und ich konnte die Tränen nicht vergessen, Ströme von Tränen auf zugigen Bahnsteigen, bei der Ankunft und beim Abschied, wenn ich mit der Familie die verlorene Heimat besuchte. Brandt reiste mit, ja er lebte dort. Politischer Zweitwohnsitz. Denn die Verwandten, die ich besuchte, fühlten sich vom Westen verraten und verkauft. Nur von einem nicht. Wenn sie ihn sahen, in der "Tagesschau", wenn sie ihn reden hörten in seinem rauen Tonfall, wenn sie von ihm sprachen, da hatten auch sie feuchte Augen. Und Gänsehaut, als er in Warschau vor dem Mahnmal des jüdischen Aufstands niederkniete. Er würde die Grenze öffnen, er würde ihr Leben verändern, er würde Wort halten, da waren sich alle einig. Er. Unvergesslich.

Hans-Ulrich Jörges im "Gedächtnis der Nation": "Willy Brandt - der frühe deutsche Obama"

Menschlich nah beim Wein

Später, sehr viel später, ich war Korrespondent in Bonn, erlebte ich Willy Brandt menschlich nah, beim Wein, beim Plaudern. Er war schon mit Brigitte Seebacher verheiratet. Bevor der Nobelpreisträger nach Hause fuhr, bat er um einen Pfefferminz, damit sie nicht roch, dass er geraucht hatte. Ach, Willy. Eine herrliche Episode erzählte er da eines Abends in der Beletage des stern-Büros. Als Außenminister der Großen Koalition begleitete er Bundespräsident Heinrich Lübke nach Togo, in die frühere deutsche Kolonie. Als die Besucher auf dem Flughafen die Gangway herunterschritten, sahen sie, dass eine Ehrenformation ehemaliger deutscher Kolonialsoldaten Aufstellung genommen hatte. Schwarze alte Männer in Resten verblichener Uniformen. Als Lübke den Fuß auf die Erde setzte, stürzte einer der Greise auf ihn zu, salutierte und rief ihm auf Deutsch jenen Befehl zu, den er früher so häufig gehört hatte: "Stillgestanden, schwarzes Schwein!" Wir haben Tränen gelacht. Unvergesslich.

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