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Hans-Dietrich Genscher zum 80.: "Danke, Danke, Danke"

Unvergessen, dieser Auftritt in Prag, als der Außenminister den DDR-Flüchtlingen verkündete, dass sie nun würden ausreisen dürfen: Als Minister und als FDP-Politiker hat Hans-Dietrich Genscher die bundesdeutsche Geschichte geprägt - und die gesamtdeutsche. Heute wird "Genschman" 80.

Ein Porträt von Hans Peter Schütz

Im Garten, der längst eine Schlammwüste ist, stinkt es nach Urin und Müll. Die Chemieduschen verkraften den Ansturm der 4000 Menschen nicht, die sich hinter den Mauern der deutschen Botschaft in Prag drängen. Sie wollen raus aus der DDR, ohne Visum, aber um jeden Preis. Dafür vegetieren sie, manche seit Wochen, auf dem exterritorialen Gelände der Botschaft.

Um 18.25 Uhr am 30. September tritt Außenminister Hans Dietrich Genscher in Begleitung von Kanzleramtsminister Rudolf Seiters auf den Balkon der Botschaft. "Liebe Landsleute", sagt er zu den Menschen im Garten, "wir sind gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise..." Das Ende des Satz geht unter im ohrenbetäubenden Jubel. Die Menschen singen "Einigkeit und Recht und Freiheit" und skandieren "Danke, Danke, Danke!"

Das war, wie Genscher später sagte, der "bewegendste Augenblick" seiner politischen Laufbahn. Es war der Tag, an dem Bilder um die Welt gingen, die von dramatischen Veränderungen in der kommunistischen Welt kündeten. Ein Tag, lässt sich auch sagen, ohne den die deutsche Einheit nicht möglich gewesen wäre. Er hat es abgelehnt, für einen TV-Film über sein Leben, die Balkon-Szene noch einmal nachzuspielen. Das wäre, so begründete er sein Nein, dem historischen Ereignis "nicht angemessen" gewesen.

Am Tag von Prag kämpfte Genscher wie schon oft in seinem Leben mit heftigen Herzrhythmusstörungen. Er empfindet es als Gnade, dass er heute seinen 80. Geburtstag erleben darf. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Schon davor hatte das Herz ihm Probleme bereitet, als junger Mann war er mit Tuberkulose dreieinhalb Jahre ans Bett gefesselt, er litt unter Koliken und Schwächeanfällen.

32 Jahre im Bundestag

Damals, kurz nach Kriegsende, war nicht abzusehen, dass dem 1927 Geborenen, nach Kindheit und Jugend in Halle von den Nazis noch als Flakhelfer eingezogenen Genscher nach Not-Abitur, Jura Studium und Flucht aus der DDR Anfang der 50-er Jahre einmal eine politische Ausnahmekarriere in der Bundesrepublik gelingen würde: 32 Jahre im Bundestag, elf Jahre FDP-Vorsitzender, 23 Jahre Mitglied der Bundesregierung, Vizekanzler bei Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Dass er "unter" Kanzler gearbeitet habe, hat der Mann mit zwei unverwechselbaren Kennzeichen - gelber Pullunder, große Ohren - stets stolz zurückgewiesen.

Als er 1974 FDP-Chef wurde und als Nachfolger von Walter Scheel ins Außenamt kam, begleiteten den Mitteldeutschen erhebliche Zweifel. Kann der das denn? Keine Englischkenntnisse, immer nur innenpolitisch gearbeitet, als FDP-Fraktionsgeschäftsführer, ab 1962 als Bundesgeschäftsführer. Geliebt haben die Liberalen ihren Genscher nie, mehr geachtet, oft gefürchtet wegen seiner trickreichen Winkelzüge, die die Bezeichnung "Genscherismus" zu seinem Markenzeichen machten. Die Wende von 1982 zu Kohl, zu dem Genscher immer einen guten Draht gepflegt hatte, trieb die FDP in eine lebensgefährliche Krise. Die Linksliberalen warfen ihm unter Tränen Verrat am Liberalismus und den Freiburger Thesen vor. Erst unter den Nachfolgern Bangemann, Lambsdorff, Kinkel und Gerhardt begriffen viele Liberale, was Genscher für die Partei wert gewesen war.

Es gab Genscher als Gartenzwerg und Badewannenstöpsel

Die Popularität des Mannes, der bei seinen ununterbrochenen Flügen um die Welt zuweilen sich selbst begegnet sein soll, nahm nach seinem Rücktritt vom Parteivorsitz Züge der Verehrung an. Es gab Genscher als Gartenzwerg, Genscher als Badewannenstöpsel. Und hinter dieser Fassade verbarg er geschickt, dass er auch in all den Jahren nach 1992 als Ehrenvorsitzender in der Kulisse Einfluss auf den Kurs der Partei genommen hat.

Helmut Kohl hat es abgelehnt Genscher zum 80. Geburtstag im Fernsehen zu würdigen. Vielleicht befürchtete er, dem Freidemokraten einen erheblichen Anteil am Wiedergewinn der Einheit bescheinigen zu müssen. Aber unstrittig ist, dass Genschers Außenpolitik große Verdienste daran hatte. Als Kohl noch Kontakte mit Gorbatschow strikt ablehnte, drängte der Genscher längst darauf, den Mann im Kreml ernst zu nehmen. Mag sein, der FDP-Politiker mit dem unglaublichen politischen Instinkt die Chance auf die Einheit schon witterte, als Kohl noch nicht einmal davon träumte. 1989 geriet Genscher zwar in den Schatten des risikovoll handelnden Kohl, aber er sicherte den Einheitsprozess international mit sicherem Gespür ab.

Genscher verschanzte sich hinter Spott

Zwei Dinge werden, wenn das Geburtstagskind in einem Zirkuszelt nahe dem Berliner Hauptbahnhof gefeiert wird, gewiss nur außer Hörweite des Jubilars erörtert werden. Zum einen die Frage, was Genscher bewogen hat, 1992 im Zenit seines Ansehens als Außenminister zurückzutreten. Nach 23 Ministerjahren, von 1969 an zuerst als Innenminister, vor dessen Gummistiefeln kein Hochwasser sicher war. Danach im Auswärtigen Amt, in dem er sich nach 18 Jahren als dienstältester Außenminister der Welt bezeichnen konnte. Weil er sich sagte: Danach kann nichts mehr kommen, man muss gehen, wenn es am schönsten ist? Oder weil er, wie Spekulationen lange nahe legten, unangenehmer Enthüllungen, welcher Art auch immer befürchtete? Über seine Motive hat Genscher jedenfalls nie klare Auskunft gegeben. Der Mann verschanzte sich hinter Spott: "An der Börse wird auch nicht geklingelt."

Eine Antwort auf die zweite Frage wird von ihm ebenfalls nicht zu bekommen sein: Weshalb hat er Jürgen W. Möllemann nicht gestoppt, als dieser sich im Kampf um das Projekt 18 immer mehr verstrickte in blanken Populismus und antiisraelischen Tendenzen? Möllemann war für Genscher wie ein Sohn, den er selbst nie gehabt hatte. Er förderte ihn, er verteidigte ihn, er verzieh ihm alles. Und er war, wie Zeitgenossen berichten, die beiden nahe genug standen, stets tief beeindruckt von der politischen Kompetenz seines Zöglings. Nach dem Freitod Möllemanns gestand Genscher Vertrauten: "Wo immer ich hinkomme, merke ich, dass er viel tiefer gegründet hat, als wir alle zu Lebzeiten gemerkt haben."

"Die rücksichtslose Konsequenz im Handeln"

Vielleicht hat Genscher, ein Mann mit historischen Verdiensten, an Jürgen Möllemann etwas bewundert, was er selbst nie hatte - "die rücksichtslose Konsequenz im Handeln", wie Fritz Goergen einmal schrieb, der beiden Politikern sehr nahe stand. Dafür spricht, dass der Hallenser auch die schwierigste Entscheidung seines politischen Lebens, den Bruch der sozialliberalen Koalition, nicht aus eigenem Antrieb und Kraft bewältigte. Er ein Getriebener Otto Graf Lambsdorffs.