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30. Jahrestag: "Wir sind zu Ihnen gekommen ...": Warum die Genscher-Rede fast nicht im TV gelaufen wäre

Die historische Ansprache von Hans-Dietrich Genscher auf dem Prager Botschaftsbalkon brachte die taumelnde DDR noch mehr ins Wanken – und Tausenden Menschen die Freiheit. Dass die Rede um die Welt gehen konnte, ist dem Gespür und der Geistesgegenwärtigkeit zweier Männer zu verdanken.

Hans-Dietrich Genscher auf dem Prager Botschaftsbalkon

Einem Fotografen der Nachrichtenagentur DPA gelang dieses Foto von Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 auf dem Prager Botschaftsbalkon (unter dem Fensterkreuz rechts). Dass es Bewegtbild und Ton von dem historischen Moment gibt, ist einem ZDF-Kamerateam zu verdanken

DPA

"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Der Rest war Jubel und Gänsehaut, Weltgeschichte und Freiheit. Es war vor genau 30 Jahren, am 30. September 1989 um 18.58 Uhr, als Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon des Palais Lobkowitz trat, dem Sitz der Deutschen Botschaft in Prag, und seinen historischen unvollständigen Satz sprach. "... in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist", ging er weiter – doch das hörte niemand mehr. Es gibt nicht wenige Menschen, die die im fahlen Licht gesprochenen Worte als weiteren bedeutenden Sargnagel für die dahinsiechende DDR betrachten.

Zu verdanken ist die Bedeutung auch der Tatsache, dass nicht nur die rund 4000 DDR-Flüchtlinge, die zum Teil seit Wochen auf dem völlig überfüllten Botschaftsgelände ausharrten, Genschers erlösendes Versprechen hörten, in die Bundesrepublik ausreisen zu dürfen. Die Worte des FDP-Politikers fanden von dem Prager Balkon übers Fernsehen ihren Weg in die west- und vor allem auch in die ostdeutschen Wohnzimmer. Tausende Männer, Frauen und Kinder machten sich anschließend erst recht aus dem selbsternannten Arbeiter- und Bauernstaat auf den Weg nach Prag, in die Freiheit versprechende Hauptstadt der Tschechoslowakei. Die Macht der SED-Diktatur erodierte weiter.

Hans-Dietrich Genschers Balkonrede ging um die Welt

Dass die Ansprache Genschers überhaupt um die Welt gehen konnte, lag an einem Fernsehteam des ZDF; konkret an dem Instinkt des Kameramanns Stephan Radke und an der Geistesgegenwärtigkeit seines Tontechnikers – denn um ein Haar wäre die ikonische Sequenz nie entstanden. Allgegenwärtige Handykameras waren 1989 noch nicht einmal Zukunftsmusik.

Anlässlich des 30. Jahrestages ist Radke ein gefragter Mann. Unter anderem im ZDF erzählt er, wie es denn war an jenem 30. September 1989, wie ihm die historische Aufnahme gelang. Normalerweise habe es Statements des Botschafters Hermann Huber immer vor dem Haupteingang des Palais Lobkowitz gegeben, dort haben die anderen Fernsehteams aus aller Welt gewartet. "Ich hatte das Gefühl, wenn etwas passiert, dann dort wo die Menschen sind, also hinten im Garten." Dort habe ein Stromhäuschen gestanden, von dem aus man auf das Areal habe schauen können. "Ich bin per Gaunerleiter auf dieses Häuschen, die Kamera habe ich auf's Stativ gestellt und ich konnte gerade noch den Auslöser drücken. Dann ging ein Licht auf diesem Balkon an, Genscher trat heraus und sprach diese Worte."

Damit es nicht nur bei Bildern blieb, sondern auch der Ton eingefangen werden konnte, musste der österreichische Tonmann ebenso schnell reagieren – und tat es auch. Das Kameramikrofon alleine hätte nicht ausgereicht, berichtet der einstige Kameramann der "Leipziger Volkszeitung" (LVZ). Mit Ton und Bild im Gepäck sei es dann abends noch ins Hotel gegangen, die sensationelle Aufnahme wurde in die Mainzer Sendezentrale des ZDF überspielt – und gelangte von dort in die deutschen Wohnzimmer. Der Rest ist Geschichte.

"Bilder, die Weltgeschichte machten"

Noch am selben Abend starteten die ersten Züge von Prag in Richtung Bundesrepublik, das hatte Hans-Dietrich Genscher zuvor mit der DDR-Führung ausgehandelt. Die Bedingung Ostberlins: Die Züge mussten über das Staatsgebiet der DDR fahren. Zur Beruhigung der aufgewühlten Flüchtlinge waren westdeutsche Regierungsbeamte mit in den Waggons.

Als die Züge am Morgen des 1. Oktober im bayerischen Hof anhielten, flossen Tränen. Angst und Unsicherheit machten der Freude über die Freiheit und der Erleichterung Platz. In den folgenden Wochen kamen noch Tausende weitere DDR-Bürger auf diesem Weg in den Westen. Am 9. November fiel die Mauer, das letzte Kapitel der DDR begann.

"Eigentlich sind es ja bescheidende Aufnahmen, die im Dunkeln nicht besser gingen", erinnert sich Kameramann Radke 30 Jahre später in der LVZ. "Aber es waren Bilder, die ein bisschen Weltgeschichte machten."

Quellen: ZDF, "Leipziger Volkszeitung", Deutsche Botschaft Prag

wue