Es sind nicht Fehler, die Karrieren beenden, erst der falsche Umgang mit ihnen sorgt für die Affäre. Es scheint, als wolle Kai Wegner die Gültigkeit dieser uralten politischen Weisheit in diesem Jahr einmal mehr in der Praxis beweisen. Seit gestern – man könnte auch sagen: spätestens seit gestern – ist der Regierende Bürgermeister Berlins allenfalls noch der amtierende Bürgermeister. Ein Mann auf Abruf.
Die jüngsten Tagesspiegel-Recherchen zeigen einmal mehr, dass Wegner dem Amt nicht gewachsen ist. Demnach hat das Stadtoberhaupt die Öffentlichkeit in jenen dramatischen Januartagen des Berliner Stromausfalls, als die Menschen in weiten Teilen Südwestberlins infolge eines Anschlags auf eine wichtige Stromtrasse tagelang im Dunkeln saßen und froren, nicht nur einmal belogen – sondern gleich zweimal.
Die Bürger frieren, der Bürgermeister spielt Tennis
Es blieb also nicht bei der ersten Halbwahrheit, wonach Wegner sich an jenem 3. Januar in seinem „Büro zu Hause eingeschlossen“ hatte, wo er „den ganzen Tag am Telefon“ hing, um unentwegt an der Lösung des Problems zu arbeiten – bis auf diese kleine Unterbrechung freilich für eine Tennispartie zur Mittagsstunde mit seiner Lebensgefährtin, der Berliner Schulsenatorin, wie ihm wenig später der „RBB“ vorhielt.
Nein, doppelt hält offenbar auch im Hause Wegner besser. Weshalb der Bürgermeister der Öffentlichkeit mit der Erklärung gleich eine zweite Halbwahrheit servierte: Er habe kurz mal den Kopf freibekommen müssen nach anstrengenden (zirka vier, fünf) Stunden harten Krisenmanagements, in denen er ohne Unterlass mit Kanzleramt, Innenministerium, der Wirtschaftsverwaltung, dem Netzbetreiber und Gott weiß wem alles noch kommuniziert habe, um diese Krise in den Griff zu bekommen. Es klang wie ein verzweifeltes: „Nun gönnt dem im Pulverdampf der Schlacht ergrauten Helden wenigstens eine kurze Atempause!“
Kai Wegners dramatische Vormittagsheldensaga
Fast hätte man sich als Berliner tatsächlich schlecht gefühlt. Verlangen wir den Politikerinnen und Politikern dieser notorisch übellaunigen wie gleichsam unregierbaren Stadt nicht vielleicht zu viel ab? Wie gesagt: fast. Denn offenbar war auch Wegners dramatische Vormittagsheldensaga stark übertrieben.
Nach Tagesspiegel-Recherchen gab es vor dem mittäglichen Tennismatch weder Telefonate mit dem Netzbetreiber noch Kontakte mit Kanzleramt oder Bundesinnenministerium. Auch der „Austausch“ mit seiner Innensenatorin bestand aus wenig mehr als ein paar SMS. Daneben bestätigt die Senatskanzlei zwar einen weiteren Kontakt (Dauer unbekannt) und ein Telefonat mit der Wirtschaftssenatorin, die zuvor offenbar selbst mehrfach vergeblich versucht hatte, Wegner zu erreichen. In Summe ergibt sich das Bild eines Mannes, der die Lage zu Beginn des größten Stromausfalls in der Berliner Nachkriegsgeschichte komplett falsch eingeschätzt hat und nichts unternahm, was seine Wochenendroutine hätte stören können.
Aus dem Fehler ist eine Affäre geworden
Diesen Fehler hätte Wegner noch erklären können, diesen Fehler hätten die Menschen ihm vielleicht sogar verziehen. Doch aus dem Fehler ist eine Affäre geworden, die sich politisch schwer überleben lässt. Jetzt bleiben Kai Wegner nicht mehr viele Optionen. Er hätte die Chance, von selbst zurückzutreten, um sich ein Stück Restwürde zu bewahren und seiner Partei einen Neuanfang zu ermöglichen.
Zwingend nötig ist der Rücktritt nicht. Im September, wenn die Wahlen zum Abgeordnetenhaus anstehen, werden die Wählerinnen und Wähler darüber entscheiden. Und vermutlich werden sie ihn dann zurücktreten. Zurück in ein altes Piefke-Juhnke-Schulle-Westberlin, wo Wegner einst das politische Handwerk gelernt hat. Wo ihm offenbar vorgelebt worden ist, dass man sich mit halben Wahrheiten und ganzen Lügen irgendwie durch ein politisches Leben schlawinern kann. Bis irgendwann das Licht ausgeht.