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Geburtstag: "Schmidt-Schnauze" wird 85

Pragmatiker, "Macher", Wirtschaftsfachmann, Verteidigungsexperte, "Elder Statesman": Helmut Schmidt, der fünfte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, wird am 23. Dezember 85 Jahre alt.

Ein paar Tage vor seinen 85 Geburtstag gibt Helmut Schmidt immer noch eine beeindruckende Erscheinung ab: Volles weißes Haar, gut sitzender dreiteiliger Anzug, kräftige Stimme, wacher Verstand. Nur der Gehstock unter dem Tisch deutet an, dass auch am fünften deutschen Bundeskanzler die Jahre nicht spurlos vorbeigegangen sind. Am 23. Dezember wird Schmidt 85 Jahre alt.

Von der "nüchternden Leidenschaft zur praktischen Vernunft"

Auch seinem alten Spitzname "Schmidt-Schnauze" wird er immer noch gerecht. In Interviews formuliert er spitz und prägnant, wo aktive Politiker Rücksicht nehmen auf Parteien oder Wähler. Der Name begleitete ihn seit Ende der 50er Jahre. Damals lieferte sich der SPD-Abgeordnete Helmut Schmidt Redegefechte mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) im Bundestag. Aus dem schlagkräftigen Redner wurde im Laufe der Jahrzehnte ein von Freunden wie Gegnern anerkannter Staatsmann mit Weitblick und schließlich ein als Berater gesuchter "Elder Statesman".

Der fünfte deutsche Bundeskanzler (6. Mai 1974 bis 1. Oktober 1982) galt als Allround-Politiker - Pragmatiker, Realist, "Macher", Europäer, Atlantiker, Wirtschaftsfachmann, Verteidigungsexperte und manchmal auch internationaler Oberlehrer. Von allen Demokraten verlangte er die Fähigkeit zum Kompromiss und schrieb ihnen ins Stammbuch: "Keine Begeisterung sollte größer sein als die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft."

Vom Krisenmanager zum "Weltökonom"

Geboren wurde Helmut Schmidt am 23. Dezember 1918 als Sohn eines Studienrats im Hamburger Arbeiter-Stadtteil Barmbek. Bald nach dem Abitur (1937) musste er in den Ostfeldzug, später in die Ardennen-Offensive. 1942 heiratete der junge Oberleutnant seine Klassenkameradin Hannelore „Loki„ Glaser. Kaum aus der britischen Gefangenschaft zurück, trat er 1946 in die SPD ein. Drei Jahre später bestand Schmidt das Examen als Diplomvolkswirt und trat in den Arbeitsstab seines Lehrers ein, des damaligen Hamburger Wirtschaftssenators und späteren Bonner Superministers Karl Schiller.

1953 wurde Schmidt erstmals in den Bundestag gewählt. 1961 berief ihn seine Heimatstadt ins Amt des Innensenators. Schon kurz darauf wurde er bundesweit als Krisenmanager bekannt, als er im Februar 1962 bei der großen Flutkatastrophe einen kühlen Kopf behielt. Damals stand ein Sechstel des Stadtstaates unter Wasser, mehr als 300 Menschen ertranken.

Nachfolger Willy Brandts

Nach 1965 begann der Aufstieg in Bonn. Schmidt wurde erst Fraktionsvize, dann Fraktionsvorsitzender seiner Partei. 1969 holte ihn Willy Brandt als Verteidigungsminister in sein Kabinett, drei Jahre später wurde er Nachfolger von Schiller als Wirtschafts- und Finanzminister. Als 1974 die durch den DDR-Spion Günter Guillaume ausgelöste politische Sturmflut Brandt um das Kanzleramt brachte, wurde Schmidt sein Nachfolger. Bundeskanzler blieb der meist anerkennend, von Gegnern aber auch spöttisch als "Weltökonom" bezeichnete SPD-Politiker bis zum 1. Oktober 1982. Nach einem konstruktiven Misstrauensvotum löste ihn Helmut Kohl ab.

Terrorismus und Doppelbeschluss

Zu den maßgeblichen Themen von Schmidts Regierungszeit gehörten die Frage des Nato-Doppelbeschlusses über nukleare Nachrüstung und Abrüstungsverhandlungen. Hier schieden sich die Geister in der SPD wie selten zuvor. Schmidt musste sich immer wieder von Genossen vorhalten lassen, dass er der Nachrüstung den Vorrang vor der Abrüstung gebe.

In Schmidts Amtszeit wurde 1977 der Terrorismus die größte innenpolitische Herausforderung: Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback, des Bankiers Erich Ponto, Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer, Entführung einer Lufthansa-Maschine durch palästinensische Terroristen, die mit der gewaltsamen Geiselbefreiung auf dem Flughafen in Mogadischu endete.

Trotz vier Herzschrittmacher bis heute publizistisch aktiv

Der Bonner Stress hatte sich bei Schmidt schon 1972 bemerkbar gemacht. Im Oktober 1981 wurde er mit schweren Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus eingeliefert und bekam einen Schrittmacher eingesetzt. Seinen Verzicht auf eine weitere Kanzlerkandidatur begründete Schmidt in erster Linie mit seiner angegriffenen Gesundheit. Noch bis 1987 gehörte er als Direktkandidat dem Bundestag an. Schon 1983 war er Mitherausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" geworden, wo er bis heute ein Büro hat und Kommentare schreibt.

Vier Herzschrittmacher zählten die Biografen, bevor Schmidt im August 2002 mit einem Herzinfarkt in die Universitätsklinik Kiel eingeliefert wurde. Dort wurde ihm ein Bypass am Herzen gelegt. Die Operation sei "trotz kritischer Ausgangssituation erfolgreich" verlaufen, erklärten die Ärzte. Schmidt verließ die Kliniken nach einigen Wochen völlig wiederhergestellt.

Claus-Peter Tiemann