Simphiwe Dana Sammlerin der Klänge


In ihrer Heimat Südafrika ist Simphiwe Dana ein Superstar, bei uns fängt die Musikerin gerade an. Bei der Fußball-WM 2006 tanzten bereits 20.000 Fans zu ihrem Soul vorm Brandenburger Tor. Kein Wunder, denn sie kombiniert Reggae, Pop, Jazz und traditionelle afrikanische Musik zu einer wohlklingenden Melange.
Von Thomas Soltau

Dieter Thomas Heck drückt mir zur Begrüßung die Hand und sagt "Das ist doch eine Ausnahmekünstlerin, hören Sie mal, dieses Gefühl. Großartig." Ich stehe in der Hamburger Fabrik und neben mir der Hitparaden-Heck mit seiner sonoren Losverkäufer-Stimme, eigentlich ein Garant für biederen Schlager. Beide hören wir der Musik von Simphiwe Dana zu. Es ist Winter 2007. In Südafrika ist die 27-Jährige so beliebt wie Herbert Grönemeyer hier. Dort spielt sie in Stadien, hier in Jazzclubs. Entertainer Heck ist gekommen, weil die neue Stimme Afrikas zugunsten der Welthungerhilfe in seiner Show auftreten soll. Einer Sendung, in der bislang ausschließlich europäische Gutmenschen gesungen hatten, um die Geldbörsen für Projekte in der Dritten Welt zu öffnen.

Erlebnisse aus dem Alltag Afrikas

Die wenigsten von Hecks Künstlern wissen, was Hunger und Elend sind. Dana Simphiwe schon. Sie kennt sich aus mit den Schwierigkeiten in ihrer Welt. Als Pfarrerstochter wuchs sie in Butterworth auf, einer schäbigen, ärmlichen Provinzstadt. Ihre Themen kreisen deshalb um Erlebnisse aus dem Alltag Afrikas, ohne dabei larmoyant zu wirken. Im Gegenteil. Wenn man Simphiwe Dana mit ihrem riesigen, farbenfrohen Turban gegenübersteht, die die zierliche Sängerin um ein gefühltes Drittel höher erscheinen lässt, wirkt sie freundlich aber resolut in der Sache. "Die meisten Hilfsorganisationen in Afrika kommen hier her, verteilen Lebensmittel und hauen wieder ab. Ich mache etwas Nachhaltigeres - nämlich den Menschen in speziellen Projekten den Glauben an sich selbst zu geben. Das ist das Wichtigste, um zu überleben."

Die Mutter von zwei Kindern singt über die gigantische Kluft zwischen Arm und Reich, die seit der Machtübernahme durch den ANC 1994 noch größer geworden ist. Und sie fordert ihre schwarzen Mitbürger auf, endlich ihre Minderwertigkeitskomplexe abzulegen. "Es gibt ja nicht nur eine Art von Fortschritt, wir sind eben Afrikaner und keine Europäer. Wir haben unsere sehr eigene Art, Dinge zu erledigen", erzählt die Künstlerin mit großen Gesten.

Sie singt im Dialekt Xhosa

Ihr jüngstes Album "The One Love Movement On Bantu Biko Street" ist auch deshalb eine Hommage an Steven Biko. Der südafrikanische Bürgerrechtler, der von der Polizei getötet wurde, gilt als Begründer der Black-Consciousness-Bewegung. "Er hat uns ein neues Selbstverständnis gebracht - nämlich das wir ganz besondere Individuen sind und Selbstachtung das größte Gut ist", so Simphiwe Dana. Während andere Künstler mit erhobenem Zeigefinger mahnen, verpackt sie ihre Botschaft in betörende Melodien - die Sprache rückt in den Hintergrund. Verstehen tun sie eh nur wenige, da das neue Album fast vollständig in dem Dialekt Xhosa aufgenommen wurde. Da stellt sich die Frage, ob Simphiwe Dana es nicht bedauert, dass nur wenige Menschen Ihre Texte verstehen können? "Nur in Xhosa kann ich wirklich sagen, was ich meine. Es hat einen sehr schönen Sinn, dass es so viele Sprachen gibt. Dadurch erhält das Ganze Farbe. Ich habe Menschen weinen sehen, ohne dass sie meine Worte verstehen konnten. Es ist die Spiritualität, die sie berührt."

Farbenfroh wie ihre Turbane gestaltet die Südafrikanerin auch die Musik. Grenzen spielen dabei keine Rollen. "Ich liebe Bossa Nova, R`n`B, HipHop, Fado und afrikanische Musik. Ich bin eine Sammlerin der Klänge, unterwegs auf verschiedenen Kontinenten. Letztlich aber ist nur das Gefühl eines Songs wichtig - und das heißt bei mir Soul." Ihre Kompositionen erinnern zuweilen an US-Künstler wie Lauryn Hill. Mit Sicherheit ist Simphiwe Dana aber eines: der wichtigste Export-Schlager Südafrikas seit der großen Miriam Makeba.

"Ich mache meine Hüte selbst"

Doch nicht nur musikalisch kennt sich die 27-Jährige aus. Bevor sie von der Musik leben konnte, hat Simphiwe Programmieren, IT und Grafik-Design studiert. Fundamentale Kenntnisse, die in ihre jetzige Arbeit einfließen. "Ich kann meine CD-Cover selbst gestalten und habe keine Angst mehr vor Technik und Computern. Das ist sehr praktisch, auch im Studio", erklärt sie. Und überrascht gleich mit weiteren Fähigkeiten: "Ansonsten mache ich meine Hüte selbst. Meine Bühnenkleider entwirft meine Schwester Siphokaze in Absprache mit mir. Ich weiß selbst, was ich will, und brauche keine fremden Ratgeber mehr, die mir ihren Stempel aufdrücken wollen."

Das Leben von Simphiwe Dana läuft rund. In Südafrika hat sie sämtliche Musikpreise abgeräumt, die Konzerte sind heiß begehrt. Nur ihre beiden Kinder vermisst Simphiwe, wenn sie auf Tour ist. Besonders nach einem schweren Autounfall, der sie und ihrer zweijährigen Tochter fast das Leben gekostet hat. Dem Kind ist nichts passiert, doch der Unfall hat sie verändert. "Es ist sehr schmerzvoll für mich, aber ich muss die beiden in Südafrika lassen. Meine Konzerte sind meist erst gegen Mitternacht beendet und dann geht's schon wieder in den Bus. Aber wir telefonieren häufig", sagt sie. In diesem Moment klingelt wie zum Beweis das Telefon. Am anderen Ende meldet sich Simphiwes Tochter. Sie will schlafen - und Dana stimmt ein Gute-Nacht-Lied an.


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