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Simple Minds: Alive and kickin' seit 29 Jahren

Die Simple Minds haben ihre Midlife-Crisis überwunden und ein neues Album herausgebracht. In Bremen starteten die in die Jahre gekommenen Rockmusiker ihre Deutschlandtournee mit donnernden Bässen.

Eine alte Flamme neu zu entfachen nehmen sich viele jenseits der 40 vor. Wenigen gelingt es so, wie den Simple Minds beim Auftakt ihrer Deutschlandtournee in Bremen: geradeaus und schnörkellos, mit sphärigen Gitarrenklängen und wummernden Bässen wie damals, als es U2 noch nicht gab. Sänger Jim Kerr und Gitarrist Charlie Burchill haben mit Mitte 40 ihre Midlife-Crisis überwunden und rissen mit ihrem wunderbar naiven Rock am Donnerstagabend ein Publikum im Bremer Pier 2 mit, das teils älter, teils aber auch erheblich jünger ist.

"Kran 8104, erprobt September 75" verkündet eine Plakette an dem Arbeitsgerät unter dem Dach - da, wo die Bühne steht. Das kommt im Falle der Simple Minds hin. Den Weg dahin zurückzufinden war die Herausforderung, der sich Kerr und Burchill im vergangenen Jahr mit dem Album "Black & White 050505" stellten. "Wir haben diese Erregung und Leidenschaft wiederentdeckt", sagte Kerr dazu. "Nenn' es 'Classic Simple Minds'."

Wille zur neuen alten Leidenschaft

Die Band unterstreicht diesen Willen zur neuen alten Leidenschaft, indem gleich zwei der drei ersten Lieder vom jüngsten Album stammen: "Home" und "Stay Visible", zwei Simple-Minds-Visitenkarten in bester Schotten-Rock-Qualität der Glasgower Band. Aber auch die Fans, die einzig gekommen sind, um die großen Hits der Band zu hören, werden nicht enttäuscht: Zu ihrer Freude erklingen etliche der 20 Top-20-Hits der Simple Minds.

Im Bremer "Pier 2" ist der Sound oft übersteuert, ein häufig vorkommendes Phänomen bei einer Band, die einst in größeren Hallen spielte. 2500 drängen sich in der ehemaligen Kranhalle, und der Bass wummert so laut, dass der Sänger oft wie ein Ertrinkender im entfesselten Sound-Meer wirkt. Aber hey, das ist Rockmusik, kompromisslos laut, und Jim Kerr ist keiner, der sich unterkriegen lässt.

Nach 75 Minuten sind die Simple Minds - "Hey, hey, hey, hey!" - bei ihrem größten Hit angelangt: "Don't You Forget About Me". Glückselig singen die Fans dieses eingängige "La la la - la": Bis zum Abwinken, oder genauer, bis Kerr auf Deutsch "Wunderbar!" ruft. Alles hat ein Ende, auch im weiberfastnachtsfreien Bremen, aber die Band kommt zurück und Kerr fragt artig, ob jemand was dagegen hätte, wenn sie noch ein paar Songs spiele. Hat natürlich niemand, und so singen die Simple Minds weiter davon, dass alles in Ordnung ist, auch wenn's in der Beziehung drunter und drüber geht.

"Wir mussten es vor allem uns beweisen"

Die Schwierigkeit mit dem Projekt "Classic Simple Minds" erklärte Kerr so: "Wir wollten nicht eine Parodie unserer selbst machen. Wir wollten nicht 80er-Retro machen." Die Intensität der Simple Minds der frühen Jahre wieder zu erreichen, dazu habe ein "erneuertes Verlangen" gehört. "Wenn man anfängt, will man sich beweisen. Auf diesem Album mussten wir es vor allem uns beweisen. Ich denke, das war das Adrenalin, das wir brauchten."

Jim Kerr und Charlie Burchill haben das als Komponist- und Texter-Gespann geschafft und mit mit den bewährten Rhythmus-Mitarbeitern Mel Gaynor (Schlagzeug) und Eddy Duffy (Bass) sowie Keyboarder Mark Taylor auch live wieder bewiesen. Dass die Simple Minds wieder einfach nur nach Simple Minds klingen, haben die Fans, die mit den Experimenten von "Cry" vor drei Jahren und den glanzlosen 90ern nichts anzufangen wussten, in Bremen bejubelt.

Uwe Käding/AP / AP
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