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Sonic Youth Konzert: Wir wollten doch so viel

Sie brachen jegliche Regel des konventionellen Rocksongs. Damit sind Sonic Youth seit einem Vierteljahrhundert Wegbereiter in Sachen Alternative Rock. Am Wochenende gaben sie ihr einziges Deutschland Konzert in Berlin.

Von Christin Kaufmann

Ziemlich viele Geheimratsecken hier. Aber man darf sich nichts vormachen: 25 Jahre sind eine lange Zeit und genau wie Sonic Youth gealtert sind, so sind es auch die Fans der ersten Stunde. Wir haben alle mehr auf den Hüften, tragen Falten, weil wir etwas erlebt haben in der ganzen Zeit. Jetzt sind wir trotzdem da, im Berliner Postbahnhof, beim einzigen Deutschland-Auftritt der Alternativ-Legenden und bestaunen Thurston Moore, der, abgesehen von den verstreuten Twens im Publikum, als Einziger immer noch aussieht, wie ein Kunststudent im ersten Semester. Schmal, groß, die Haare braun und dicht und wenn er Falten hat, dann irgendwo unter den Locken, die ihm bis zur Nasenspitze über das Gesicht fallen. Auch seine Stimme ist jung. Frisch war sie nie, aber sie hat immer noch diesen Klang mit dem man sagt "Ist mir doch egal", wenn man es noch nicht besser weiß.

Trauer, Trotz, Wut, Wollen

Das ist gut, denn so muss man nur die Augen zumachen und die alten Gefühle sind wieder da, mit denen man die Band verbindet: Trauer, Trotz, Wut, Wollen. Da stört es auch nicht, dass die Songs vom neuen Album "Rather Ripped" verhältnismäßig ruhig und fröhlich sind. "Reena" ist kaum zu Ende, da reiben Thurston und der graue Wolf Lee Ranaldo die Hälse ihrer Gitarren aneinander. Macht ja nichts - beim nächsten Song gibt es zwei neue. Bei jedem Song gibt es zwei neue. Routiniert sind sie, erfahren, das merkt man. Hört man. Selbst die Feedbacks klingen nicht nach Krawall oder Effekthascherei, sondern nach schwer zu greifenden Harmonien, und letztlich sind sie das ja auch.

Sie spricht, schreit, flüstert

Unser Applaus kommt aus ganzem Herzen, wirklich. Sie haben uns. Jetzt schon. "Hey you Deutschland Dudes and Chicks - nice to see your beautiful faces again", sagt Thurston etwas gelangweilt, und man fühlt sich ertappt. Kim Gordon lässt es einen aber gleich wieder vergessen. Die Godmother des Alternative Rocks muss nur die Hand heben und alle sind bei ihr. Sie spricht, schreit, flüstert, und ihr Gesicht erzählt etwas von den Jahren. Man fühlt sich so unerfahren, wünscht sich, sie möge da sein, wenn man zu viel getrunken hat, einen festhalten und sagen "Es ist in Ordnung. Wird doch alles gut." Aber so weit kommt es gar nicht mehr. Bis zum rotzigen "100%" geht es wirklich gesittet zu, und selbst dann schubst keiner die anderen zu fest, wird sich eher innig gewiegt. Über 20 Gitarren später gehen sie das erste Mal von der Bühne und jetzt schreien wir richtig und toben. Schließlich haben alle die Ahnung, es könnte das letzte Mal gewesen sein.

Seit dem Klinsmann-Sommer hat Berlin keinen solchen Applaus gehört

Erste Zugabe. Noch mal einatmen, den Moment. Sich erinnern, was man sich alles erhofft hat vom Leben. Zweite Zugabe. Danach geht das Licht an. Und das soll es jetzt gewesen sein? Wir wollten doch noch so viel...Trampeln, klatschen, schreien. Die Musik kommt jetzt vom Band, die Rowdys bauen die Mikrofone ab. Seit dem Klinsmann-Sommer hat Berlin keinen solchen Applaus gehört. Und dann kommen sie noch mal. Kim faucht "Kool Thing" und vor der Bühne prallen Menschen aufeinander. Bis keine Luft mehr bleibt um "I don't wanna" zu schreien. Dann ist auch gut. Wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten.

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