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The Puppini Sisters: Die Sehnsucht nach Glanz und Glamour

Sie gaben der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises eine ordentliche Prise Glamour. Die Puppini Sisters, drei junge Damen aus London, präsentieren sich als legitime Nachfolger der Andrew Sisters und beleben den Swing der 40er Jahre neu.

Von Thomas Soltau

Es scheint so, als seien die Mädels Jahrzehnte im Packeis gefangen gewesen und plötzlich aufgetaut worden. Wenn die brünette Italo-Spanierin Marcella Puppini, die rothaarig-irische Stephanie O'Brien und die blonde Britin Kate Mullins die Bühne betreten, beginnt die Zeitreise in eine Ära, wo Glamour noch mehr bedeutete, als die Zusammenkunft konturloser Schauspieler bei der Verleihung des Bambi. Die Puppini Sisters imitieren vom Auftreten bis zu ihren ausgetüftelten Gesangsharmonien die berühmteste Girlband der 40er Jahre: die Andrew Sisters. Genauso wie der frühe Prototyp aller Casting-Bands steht das Vokalensemble vor altmodischen Mikrofonen in Retro-Kostümen und trägt Frisuren wie einst Katherine Hepburn.

Das alles passt bestens zum momentanen Trend des Retro-Pop und könnte eigentlich als netter Gag belächelt werden. Wäre da nicht ein wichtiger Auftrag, den die Schwestern zu erfüllen haben. "Wir verkörpern die 40er Jahre mit Haut und Haaren, und das nicht nur auf der Bühne. In einem Kostüm und mit rotem Lippenstift fühlen wir uns eben viel begehrenswerter als in Jeans. Unser Auftrag ist es, der glanzlosen Welt mehr Glamour zu verleihen", verkündet Marcella.

Und da liegt der Unterschied zu allen anderen Showbands: Für das Londoner Trio bedeuten Kostüme mehr als nur eine karnevalistische Uniform für den Auftritt. Sie gehören zu einem Lebensstil, der in ihrem Alltag fest verwurzelt ist. So verkehrt Marcella, die Chefschwester der Puppinis, schon seit Jahren in der Londoner Burlesk-Szene, wo man in Schwulen- und Lesbenclubs den 40er Jahre-Stil ausgiebig zelebriert. Alles ist auf Retro-Style getrimmt, es gibt sogar Clubgänger mit Autos aus der glorreichen Epoche. Klar, dass der Dresscode in der Szene oberste Priorität besitzt. "Es geht dabei in erster Linie um Eleganz und nicht ausschließlich darum, sexy zu sein. Jede Frau und jeder Mann kann sich unabhängig vom Aussehen so kleiden", sagt Marcella. Und erklärt auch gleich das soziokulturelle Phänomen dieser massiven Bewegung in Englands Hauptstadt: "Ich glaube, die Sehnsucht nach Glanz und Glamour ist immer dann besonders stark, wenn die Menschen Angst vor ihrer Zukunft haben. Deshalb gibt es bei uns in London auch eine so große Clubszene, in der die 40er wieder aufleben."

Furcht vor der eigenen Zukunft muss das Trio wohl kaum haben: Ihr Debüt-Album "Betcha Bottom Dollar" mit seinem Hochglanz-Swing stieg in England gleich in die Top 20 ein. Ein beachtlicher Erfolg, wenn man bedenkt, dass sich das Trio gerade mal vor zwei Sommern am "Trinity College of Music" zusammenfand. Aus einer Laune heraus, nachdem sie den Zeichentrickfilm "Das große Rennen von Belleville" gesehen haben, für dessen Filmmusik Komponist Benôit Charest die Klänge der Andrews- und Boswell Sisters aufleben ließ.

Punkhits verswingt

Kurz darauf fingen die Puppinis an, mit altertümlicher Aufnahmetechnik und schrill klingenden Stimmen weibliche Swing-Trios der 40er Jahre zu kopieren. Da darf der Hit "Mr Sandman" natürlich nicht fehlen. Aber erst eine Hinterlist von Marcellas Mann nötigte die Mädels dazu, eine Coverversion des Smith-Klassikers "Panic" ins Repertoire aufzunehmen. "Mein Mann hat uns ohne unser Wissen bei einer Morrissey-Nacht in einem Gay-Club angemeldet - und da brauchten wir natürlich dringend einen passenden Song." Eine überwiegend treue Anhängerschaft, folgte ihnen bald von Auftritt zu Auftritt.

Fans auch im Teenie-Publikum

Da war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die ehemaligen Manager der Cocteau Twins und Smashing Pumpkins anklopften und Universal Music vor der Tür stand. Auf den Einwand, dass Kids, die mit HipHop aufwachsen, wohl überhaupt nichts mit ihrer altmodischen Musik anfangen können, entgegnet Marcella: "Nein, das stimmt definitiv nicht. Selbst Christina Aguilera sieht mittlerweile aus wie eine Diva aus den 40ern; und Mode sowie Film greifen den aktuellen ebenfalls Trend auf. Wir haben sehr viele Fans im Alter zwischen 10 und 15 Jahren und die finden es toll, 'I Will Survive' mal als A capella-Version zu hören."

Gefördert von Vivienne Westwood

Den großen Durchbruch verdanken die Puppinis übrigens der britischen Designerin Vivienne Westwood. "Ich habe Mode studiert und bei Vivienne als Verantwortliche in der Produktion gearbeitet. Bei unserer Weihnachtsfeier haben wir das erste Mal vor großem Publikum gespielt und das Herz von Vivienne erobert," sagt Marcella. Da liegt die Frage natürlich nahe, ob sie ihre tollen Kleider gleich selbst entwerfen? "Wir würden gerne, haben aber noch nicht die Zeit dafür gefunden. Deshalb kommt an unsere Körper bislang nur Vivienne Westwood - und schöne Kostüme vom Londoner Portobello Market."

Faible für 80er-Jahre-Songs

Neben den bekannten Arrangements der Andrews-Sisters wie etwa "Bei mir bist du schön" covern die Puppini Sisters viele Songs der 70er und 80er Jahre im Swingstil: "Heart of Glass" von Blondie, gehört genauso dazu wie Kate Bushs "Wuthering Heights". Überhaupt haben die Mädels eine besondere Liebe zu den 80ern entwickelt. So wollen sie demnächst den Proll-Kracher "The Final Countdown" von Europe ins Repertoire aufnehmen. Aber selbst dieser Heuler bekommt durch die Veredlung der Puppini Sisters einen unwiderstehlichen Charme. Garantiert.

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