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Annie Lennox: Anleitung zum Traurigsein

Pünktlich zur Veröffentlichung ihres neuen Soloalbums will Annie Lennox die Welt retten. Das geht schon in Ordnung - schließlich ist Annie die Überfrau. Aber muss sie ihr Album "Massenvernichtungssongs" betiteln und permanent schlecht drauf sein?

Von Katharina Miklis

Mit dem Weltfrieden ist es so eine Sache. Würden sich alle lieb haben, wüsste so mancher Popstar sein neues Album gar nicht mehr richtig zu vermarkten. Bei Annie Lennox ist das anders. Auch sie will pünktlich zur Veröffentlichung ihres neuen Soloalbums die Welt retten. Mit einem Unterschied: Sie darf das. Denn Annie steht über den Dingen. Und das liegt gar nicht an den unzähligen Grammys, den Brit Awards, dem Golden Globe und dem Oscar, die sie in den letzten zwei Dekaden angehäuft hat. Nein, die Ex-Eurythmics-80er-Ikone ist einfach die Pop-Mama schlechthin. Eine, die nicht viel Aufhebens um ihre guten Taten macht. Eine, die Kritik an Bush und dem Irakkrieg übt - aber auch weiß, mit wem sie sich da anlegt. Eine, die ganz bonoesk mit anpackt.

Schon seit Jahren ist die 53-jährige Schottin Botschafterin der Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam und die Stimme hinter den Kampagnen "I'm In" und "Make Poverty History". Der gesamte Erlös der letzten Welttournee der Eurythmics im Jahr 1999 kam Greenpeace und Amnesty International zugute.

Annie ruft - und alle kommen

Auch auf ihrem gerade veröffentlichten vierten Soloalbum "Songs of Mass Destruction", in dem laut Lennox ihr Blut und ihre Knochen stecken, hört man eine enttäuschte Frau. Enttäuscht von einer Welt, "in der Wahnsinn herrscht, einer Welt voller Gewalt und Aggression, Misskommunikation und Grausamkeit". Wer sein Album mit "Massenvernichtungssongs" betitelt, der hat der Welt etwas zu sagen. Und zwar nichts Gutes. Zornig, traurig, trotzig und dann doch wieder so voller Hoffnung. Wie bei "Sing", einer Hymne für die Frauen dieser Welt. Ganz in der Tradition des Eurythmics-Klassikers "Sisters (Are doin' it for themselves)" hisst sie "im Namen meines Geschlechts eine Flagge" und holte dafür eine derartig hochkarätige Frauenpower mit ins Boot, wie es nur eine Annie Lennox schaffen kann. Eine wie sie muss nicht großartig bitten. Wenn sie ruft, dann kommen sie alle. Ob Madonna, Fergie, Celine Dion oder Pink. Auch Shakira sagte zu. Und mit ihr Joss Stone, Dido, Beth Gibbons, KT Tunstall und viele andere.

Mit "Sing" will Annie Lennox die Welt wach rütteln. Zu viel Elend hat sie gesehen während ihres langjährigen Engagements für Nelson Mandelas "46664 and Treatment Action Campaign" in Afrika - eine Organisation, die sich für Menschenrechte, Bildung und medizinische Versorgung von HIV-Infizierten einsetzt. Mit dem Titel und der erstklassigen Unterstützung erhofft sich Lennox "einen Domino-Effekt" in Sachen Afrikahilfe. "Es ist eine absolute Herzensangelegenheit."

Etwas Antidepressiva für Frau Lennox, bitte!

Wer sich jetzt über so viele positive Energien freut, wird schnell enttäuscht. Der Rest der Platte ist ein einziges Die-Welt-ist-schlecht-Gejaule. Schon die letzte Soloplatte "Bare" war eine Verarbeitung negativer Gefühle. Lennox selbst sagte damals, man müsste das Album eher in den "Selbst-Therapie"-Regalen der Buchhandlungen als in Plattenläden platzieren. "Songs of Mass Destruction" ist da nur die konsequente Weiterentwicklung in Sachen Schwarzmalerei. Annie Lennox will die Menschen berühren. Alle.

Und wenn sie von "unerwiderte Liebe, dem Mangel an Frieden, dem Chaos von Gedanken und Erinnerungen" spricht, dann mag es vielleicht theatralisch klingen. Aber so ist sie nun einmal. Und sie meint es ernst. Schon zu frühen Eurythmics-Zeiten war ihre Musik geprägt von Idealismus und Pragmatismus. Auch jetzt ist das, was sie tut nicht aufgesetzt. Es kann nur mit der Zeit ganz schön nervig werden. Dass die Welt schlecht ist, wissen wir. Dafür bedarf es nicht noch eines Konzeptalbums. Und wenn Annie Lennox sagt, sie habe "absolut alles gegeben, was ich zu bieten habe", und "es ist meine bislang gelungenste Arbeit", dann ist das trauriger als Waldsterben. Denn Annie Lennox war mal Weltklasse.

Nach den Soloalben "Diva" (1992), "Medusa" (1995) und "Bare" (2003) arbeitete Lennox für "Songs of Mass Destruction" erstmals mit dem Produzenten-Veteranen Glen Ballard (Alanis Morissette, No Doubt) zusammen. In Los Angeles entstanden die melancholischen Songs - allesamt, so Lennox, geprägt von ihren Erlebnissen mit der Glamourmetropole. Hoffen wir für die Stadt und die Menschen, die in ihr wohnen, dass Frau Lennox - ganz Diva - ein bisschen übertreibt. Wenn nicht, kann man nach Durchhören dieser Platte nur hoffen, dass einen niemals die Wege nach LA führen. Böse muss es dort zugehen. Desillusionierend und grausam. Auf den täglichen Fahrten zum Studio entlang des Sunset Boulevards habe sie sich inspirieren lassen, verrät die Sängerin. Elf Massenvernichtunssongs sind das Ergebnis.

Die grauenhafte Welt der Annie

Der Opener "Dark Road" steht beispielhaft für den Charakter des Albums. Etwas Schönheit, ganz viel Schmerz und noch viel mehr Trauer. Einziger Lichtblick in Annies düsterer Welt: ihre Stimme. Warm wie Milch und Honig fließt sie dahin. Auch beim Gospel-angehauchten "Ghosts in my machine" zeigt die weiße Soulsängerin, was sie kann, zu was ihre Stimme fähig ist. Sie selbst sagt, sie habe das Gefühl, innovativer zu sein als jemals zuvor. "Meine Stimme scheint in ihren besten Jahren zu sein." Zu dick aufgetragen? Auf keinen Fall. Die Stimme ist definitiv in ihren besten Jahren. Nur Annie nicht. Sie schmollt so sehr, dass es irgendwann keinen Spaß mehr macht, zuzuhören. Warum so traurig, Annie?

Das epische Finale "Fingernail Moon" ist bezeichnend für das, was "Songs of Mass Destruction" ausmacht: Annies stimmlichen Fähigkeiten sind über jeden Zweifel erhaben. Der Song reißt den Zuhörer jedoch derart runter, dass es schlimmstenfalls in einer üblen Winterdepression enden kann. Und die Welt verändern wird "Songs of Mass Destruction" auch nicht. Das ist aber auch egal. Genauso wie man seiner Mama niemals verraten würde, dass das Essen mal nicht schmeckt, sagt man auch einer Annie Lennox nicht, dass ihr neues Album keine Glanzleistung ist. Mama ist die Beste. Und auch wenn sie mitunter fürchterlich nerven kann: Sie meint es doch nur gut.