Transsexuelle in Thailand Letzter Ausweg Sextourismus


Sie nennen sich "Katoey", sie schlafen mit Männern, sind aber nicht schwul - für die Transsexuellen Thailands ist Sextourismus einer der wenigen Möglichkeiten, an Geld zu kommen. Doch der Preis dafür ist hoch.
Von Michael Lenz

Korakoch Singmunag ist eine wunderschöne Frau. Jeder schaut ihr nach, wenn sie auf ihrem Moped durch Pattaya fährt, ihr langes, seidig-schwarzes Haar im Wind weht - Männer mit begehrlichen Augen, Frauen mit neidischen Blicken. Bloß, die Schönheit ist gar keine Frau. Zumindest nicht im biologischen Sinne. Korakoch ist ein Mann. Aber: Sie selbst empfindet sich als Frau, denn Korakoch ist eine Katoey, wie die Thailänder Transsexuelle nennen.

Korakoch ist die Chefin von Thailands erster Organisation für Katoeys, die "Sisters" heißt und in Pattaya beheimatet ist. Die Stadt am Golf von Siam ist das Epizentrum des thailändischen Sextourismus. Weshalb Pattaya auch laut Korakoch "Katoey-City" ist. Auf mindestens viertausend wird die Zahl der dortigen Katoeys geschätzt. In der Hauptsaison können es noch mehr sein.

Alleine in den drei großen Kabarett-Shows Simon, Alcazar und Tiffany arbeiten laut der Katoey-Forscherin Carol Jenkins gut 1000 Transsexuelle. Sie sind richtige Showgirls. Das Gros ihrer Geschlechtsgenossinnen aber verkauft in den Go-Go-Bars und Bierschuppen Pattayas ihre Körper an Sextouristen aus aller Welt, die das Besondere suchen. "Katoeys haben so gut wie keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Was bleibt, sind die Unterhaltungsindustrie und die Prostitution", sagt Korakoch klagend.

Aidsaufklärung für Katoeys sucht man bisher vergeblich. Die "Ladyboys", wie sie im Thai-Englisch genannt werden, passen in keine Schublade: Sie fühlen sich nicht als keine Männer, obwohl sie biologisch welche sind und das auch - wie Korakoch - bleiben wollen. "Viele von uns wollen keine operative Geschlechtsumwandlung." Katoeys haben Sex mit Männern, sind aber nicht schwul.

Als Frauen aber werden sie weder von der Gesellschaft noch vom Gesetz anerkannt, was sich im Alltag in vielfältigen Diskriminierungen niederschlägt. Zum Beispiel im Gesundheitswesen, wo Katoeys, wenn überhaupt, als Männer behandelt werden. Eine der Folgen: Von den vielen in Pattaya in der Aidsaufklärung aktiven Behörden und Organisationen fühlt sich keine so wirklich zuständig für sie.

Wie stark Katoeys in Pattaya und Thailand von HIV und Aids betroffen sind, weiß niemand. Wird eine Katoey "HIV positiv" getestet, landet das Ergebnis in aller Regel in der Statistik unter "Männer". John Hetherington sagt, die Zahl der HIV-Neuinfektionen unter "Männern, die mit Männern Sex haben" (MSM) sei in Thailand im letzten Jahr von 17 auf 28 Prozent empor geschnellt. "Aus anderen Ländern wissen wir, dass die Infektionszahlen unter den so genannten Transgendern höher sind als unter MSM. Das wird hier auch so sein", sagt der Chef der thailändischen Branche von "Population Services International" (PSI), jener Organisation, die "Sisters" ins Leben gerufen hat und finanziert.

Sexuelle Gewalt gegen Katoeys

Eine Ursache für die hohe Rate von HIV-Infektionen liegt in der sexuellen Gewalt gegen Katoeys. Zahlen dazu gibt es keine, wieder kann nur im Vergleich mit anderen Gruppen das Ausmaß geschätzt werden. Im Norden Thailands werden laut Jenkins 26 Prozent aller schwulen und bisexuellen Männer und 32 Prozent der lesbischen/bisexuellen Frauen Opfer von Vergewaltigungen. Das lasse die Vermutung zu, dass auch Personen "mit Variationen in ihrem Geschlechtsempfinden" in "mindestens ähnlichem Ausmaß zu Sex gezwungen werden".

Auf Schutz durch die Polizei können Katoeys nicht bauen. Im Gegenteil. Finden Polizisten bei willkürlichen Razzien bei Katoeys mehr als zwei Kondome, werde das oft als "Beweis" für Prostitution ausgelegt und als Vorwand benutzt, um von den Frauen sexuelle Dienstleistungen oder Geld zu erpressen, schreibt Jenkins in ihrer Studie über Katoeys und Aids in Thailand.

Gegen diese und andere Diskriminierungen wollen die "Schwestern" in Pattaya kämpfen. Ihr "Outreach"-Center im Viertel Sunee Plaza, einem Brennpunkt des rotlichtigen Nachtlebens von Pattaya, ist seit seiner Eröffnung im November 2005 zu einem Anlaufpunkt der Katoeys geworden. Außer Aidsaufklärung bietet das Zentrum auch Hilfe bei sozialen Problemen. Aber es ist auch einfach ein Ort zum Entspannen, unter Freundinnen zu plaudern, Erfahrungen auszutauschen oder sich gegenseitig beim Schminken und Aufbrezeln für die Nacht zu helfen. Achtzehn Mitarbeiterinnen ziehen als "Outreach"-Personal in ihren rosa T-Shirts durch die Bars, verteilen Kondome und gute Ratschläge. "Wir haben gute Beziehungen zu den Mamasans (Puffmanagern) und können so viele 'Schwestern' erreichen", sagt Korakoch strahlend.

"Empowerment" nennt Hetherington diese Form der Selbsthilfe, die gar auf königliche Unterstützung zählen kann. Die Gründung von "Sisters" wurde mit einer Gala in einem Luxushotel in Bangkok gefeiert, bei der Prinzessin Ubol Ratana, eine Tochter von Thailands König Bhumipol, die Schirmherrschaft übernommen hatte. Das war ein großer Tag für Korakoch. "Die Gesellschaft muss lernen, dass es mehr gibt als nur Mann und Frau. Es gibt vieles dazwischen."


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