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Verbliebende Touristen in Bangkok: Die Ruhe vor der Flut

In Bangkok wird am Wochenende der Höhepunkt der Flut erwartet. Zehntausende haben die Stadt verlassen. Viele Reisende meiden Bangkok. Doch die, die schon dort sind, nehmen es gelassen - noch.

Von Michael Lenz, Bangkok

Seit Tagen hat es nicht mehr geregnet. Die Innenstadt von Bangkok ist noch knochentrocken. Aber das Hochwasser wird kommen und besonders die Distrikte der thailändischen Hauptstadt entlang des Chao Phraya in Mitleidenschaft ziehen. Am größten Fluss Bangkoks sind die großen Luxushotels wie Perlen an einer Kette aufgereiht: das Mandarin Oriental, das Sheraton und das Millennium Hilton. Alle Fünf-Sterne-Tempel haben sich hinter Sandsackwällen verbarrikadiert. Urlauber sehen die drohende Überschwemmungsgefahr gelassen und nehmen ein Sonnenbad - gerade mal einen Meter von der stetig anschwellenden braunen Brühe des Chao Phraya entfernt.

Thailands Tourismusbranche blickt mit großer Sorge auf die Hochwasserkatastrophe. So viele schlechte Schlagzeilen so kurz vor Beginn der Hauptsaison ist das letzte, was die krisengeschüttelte Branche jetzt braucht. Noch halten sich die Stornierungen in Grenzen, glaubt man den offiziellen Verlautbarungen der Hotels. "Wir haben einige Stornierungen, aber nicht in einem besorgniserregenden Ausmaß", sagt Thiti Mon, die für Public Relations zuständige Dame des Fours Seasons Hotel.

Auch Vincent Hsu weiß von Absagen zu berichten. "Drei Schweizer haben ihre Buchung, die sie schon vor einem Jahr gemacht haben, heute storniert", sagt der Inhaber des "Vincent's", eines kleinen Boutiquehotels mit nur sieben Zimmern. Für November und Dezember kämen immer noch Buchungen rein.

Der Thailand-Repräsentant eines großen deutschen Reiseunternehmens darf ohne seine Pressestelle in Deutschland nichts sagen. Auch er weiß von Stornierungen zu berichten. Fast alle großen Veranstalter in Deutschland regeln Stornierungen oder Umbuchungen für Bangkok-Aufenthalte bis zum 4. November mit ihren Kunden auf dem Kulanzweg.

Der Mann ist noch optimistisch für die Hochsaison. "Unsere Stornierungen betreffen die nächsten zehn Tage. Danach ist alles im grünen Bereich." Zudem, betont er, sei ja nur Bangkok betroffen. "An den Stränden von Pattaya, Koh Samui und Phuket gibt es ja keine Überschwemmungen."

Einbrüche von 40 Prozent

In den englischsprachigen Zeitungen Bangkoks wird aber schon von massiven Einbrüchen des Tourismus in Bangkok geschrieben. Vor allem in den Mittelklassehotels seien die Buchungen um bis 40 Prozent zurückgegangen. Auch von ersten Sonderangeboten ist die Rede.

Die Auswirkungen des Hochwassers auf den Thailandtourismus lassen sich noch nicht abzuschätzen. Die Reisewarnungen von 32 Ländern sind erst am Donnerstag und Freitag ausgesprochen worden. Auf der Webseite des Auswärtigen Amtes in Berlin heißt es: "Von nicht unbedingt erforderlichen Reisen in den Großraum Bangkok und Zentralthailand wird dringend abgeraten." Solche Warnungen könnten sich langfristig in den Köpfen der Urlauber festsetzen. Sie entscheiden sich für ein anderes Reiseziel in Asien. Thailand hat in den vergangenen Jahren Konkurrenz bekommen. Da ist der Dauerbrenner Bali, aber auch Laos, Kambodscha und vor allem Vietnam rüsten touristisch gewaltig auf.

Die große Flucht aus Bangkok

Die ausländischen Botschaften in Bangkok haben ihre Landsleute dringend aufgefordert, die Stadt für ein paar Tage zu verlassen. Nicht nur das Wasser selbst könne eine Gefahr darstellen, sondern auch ein möglicher Zusammenbruch der Trinkwasserversorgung, der Stromversorgung und - noch schlimmer - der Telefon- und Internetverbindungen. Keiner kann sagen, ob es wirklich so schlimm kommen wird. Die mangelnde Informationspolitik des Krisenzentrums Froc leistet allerlei Panikfantasien Vorschub.

Viele "Expats" und noch mehr Thais - zumindest die Wohlhabenden - sind dem Rat ihrer Botschaften und der thailändischen Regierung gefolgt, übers Wochenende aus Bangkok zu flüchten. Die Regierung hat den Behörden einen fünftägigen Hochwasserurlaub verordnet. Das hat sich auch das Büro von Air Berlin in Bangkok zu Herzen genommen. "Wegen eines Feiertags ist unser Büro geschlossen", teilte am Freinachmittag eine freundliche Anrufbeantworterstimme mit.

Des einen Leid ist bekanntlich des anderen Freud. In dem Fall sind es die Hotels im 150 Kilometer südöstlich von Bangkok gelegenen Badeort Pattaya für dieses Wochenende ausgebucht. Im Süden Bangkoks platzt Hua Hin aus allen Nähten, die königliche Residenzstadt am Meer, in der, wer in Bangkoks guter Gesellschaft etwas auf sich hält, ein Wochenendhaus besitzt. Phuket preist sich als "sicherer Hafen vor dem Hochwasser" an, und Krabi lockt die "Flutopfer" mit Sonderangeboten.

Leer Straßen, volle Märkte

Bisher scheinen Touristen in Bangkok dem Hochwasser gelassen entgegen zu sehen. Die Bars, die Nachtmärkte, die Sehenswürdigkeiten sind nicht so leer wie die Straßen Bangkoks an diesem Freitag. An den Ticketschaltern der neuen Flughafenbahn bildeten sich am Freitagnachmittag keine langen Schlangen verzweifelter und verängstigter Urlauber, die auf Biegen und Brechen in buchstäblich letzter Minute aus dem vom Untergang bedrohten Bangkok raus wollen.

Vielleicht ist das ein gutes Omen für die Hauptsaison. Das Hochwasser soll nach Expertenschätzungen zumindest in Bangkok in zehn bis 15 Tagen vorbei sein. Wenn alles normal abläuft. Aber was ist schon bei einer Naturkatastrophe normal? Die Krise ist schon lange der Normalstand des Thailandtourismus. Thiti Mon sagt tapfer: "Wir haben Tsunami und Militärputsch, Flughafenbesetzung und den Protest der Rothemden überstanden. Wir werden auch das Hochwasser überstehen."

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