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The White Stripes: Blaue Augen und weiße Streifen

Spätestens seit ihrem letzten Album sind die US-Rocker The White Stripes die Band der Stunde. Ihr neues Album "Elephant" ist so gelungen, dass es dem Hype mühelos standhalten kann.

Spätestens seit das britische Fachblatt "New Musical Express" Jack White zum coolsten Menschen des letzten Jahres gekürt hatte, wusste die internationale Trend- und Musikpresse Bescheid. Art-Direktoren durften sich auf eine Farborgie in rot und weiß gefasst machen, Journalisten die Wiedergeburt des Rock'n'Roll ausbrüten. Die White Stripes würden die Titel dieses Frühjahrs erobern, das war beschlossene Sache. Das Album "Elephant" (XL Recordings/Zomba), das Jack und Meg White jetzt endlich veröffentlichten, ist glücklicherweise so gut, dass es den Medienwirbel mühelos überdauern wird.

Musik machen wie die Kinder

Was die White Stripes zur neuen Supergroup der Rockmusik macht, ist schnell erzählt, weil es mit Verzicht und Reduktion zu tun hat: Die Whites kommen (fast) ohne Bass aus, und ohne das, was man heute Produktion nennt. Jack und Meg. Gitarre, Gesang und Schlagzeug. Musik machen wie die Kinder, nennt Jack White das.

Der Geist des alten Blues

Bilder liefert das Duo dazu am laufenden Meter, alle sind in rot und weiß gehalten: Ich und du und dazwischen eine Kuh, Jack und Meg unterm Regenschirm oder im Kinderparadies, der Boden ist mit Herzchen bedeckt, die verdächtig an Mäusespeck erinnern. Eine Unschuldsgeschichte möchte hier erzählt werden, die sich vortrefflich mit dem uralten Blues verträgt, den das Duo ins Hier und Jetzt befördert hat.

Ein Kind der 70er

Sie sieht aus wie Priscilla Presleys kleine käseweiße Schwester im Nachtkleid, er wie ein Peter Pan im Fransenhemd. Bevor es die White Stripes gab, haben sie wie so viele andere in irgendwelchen Bands rumgeschrabbelt und getrommelt, auf der Suche nach dem eigenen, unverwechselbaren Stil. "Ich wusste lange nicht, wohin", sagt Jack. "Ich bin weiß, in den 70ern geboren und aus Detroit."

Music-City Detroit

MC 5, Iggy Pop & The Stooges, die Motown-Hitschmiede und Bob Seger in den 70ern die pophistorischen Großtaten der ehemaligen Automobil-Metropole der USA sind alle schon ein paar Jährchen her. Die Stadt sei in den Songs der White Stripes aber immer da, sagt Jack White und formuliert schnell eine Liebeserklärung an Detroit: "Eine so große Familie von Bands, die sich gegenseitig unterstützen, so große Songwriter gibt es nirgendwo sonst in Amerika".

Reduktion aufs Wesentliche

Aufgenommen haben Jack und Meg ihr neues Album "Elephant" allerdings in den Toe-Rag-Studios in Londons East-End. "Es gibt keinen Computer dort. Diese Leute wissen, dass die Studiotechnologie nie besser als in den 60ern war." Sagt Jack White, in dessen Rock-Philosophie ein paar Leihgaben aus der Kunstbewegung De Stijl auftauchen: Besinn dich aufs Wesentliche! Reduziere dich auf Primärfarben und einfache Formen! "Die meisten Musiker sagen heute: 'Acht-Track-Aufnahme, ach du Scheiße. Wir brauchen 150, wir sind eine große Band.' Das ist ziemlicher Schwachsinn", meint Jack. "Grenzen sind sehr gut und heilsam. Sie eröffnen dir die Chance der Kreativität."

Interviewtag mit Jack und Meg im Hilton zu Köln. Alles, wirklich alles ist rot-weiß durchgestylt: von den Gauloises (rot) über die Flasche Johnny Walker (Red Label) bis zur Robe der Künstler (rot und weiß, T-Shirts und Schlaghosen, wie man es von ihren bisher drei Album-Covern kennt). Es wird keine Auskunft darüber geben, ob Jack und Meg die jüngsten von zehn Geschwistern sind, ein Liebespaar oder Ex-Lover, zwei Kollegen mit ein und demselben zugegeben nicht ganz seltenen Nachnamen, oder das geschiedene Ehepaar, als das sie ein paar US-Zeitungen inzwischen enttarnt haben wollen.

Der Blues-Mythos lebt

Wer will schon die Wahrheit wissen? Die Geschichte der White Stripes bleibt eingewickelt in eine rot-weiße Bonbontüte, flankiert vom süßen Ernst eines Gospelpredigers. Jack White erzählt seine Erweckungsgeschichte. Auserkoren von den Göttern des Blues, in die Fußstapfen der großen Alten zu treten von Charley Patton, dem Delta-Blues-Onkel und Blind Willie Johnson, dem Mann, der seine Gitarre mit einem Taschenmesser spielte. Jack White kennt seine Heroen.

Meg White sagt während des ganzen Interviews genau einen Satz. Der hört sich an, als hätte man eine Aufziehpuppe vor sich, die gerade in Betrieb genommen wurde: "Oh yeah" raunt Meg auf die Frage, ob das rot-weiße, frisbeeähnliche Etwas auf den Cover-Fotos des 99er Debüt-Albums etwas mit dem Bandnamen zu tun hat. Jack White klärt auf: Es ist eine von ihm bemalte Holzskulptur im Stile der White-Stripes-Pfefferminzbonbons, die jeder Amerikaner kennt.

Blues vermählt mit Garage-Rock

Eine Idee von Amerika schimmert schon durch die 14 Songs des neuen Albums, aber es ist das alte Amerika der Storyteller, der Tagträumer und Romantiker. Und es schlägt die Stunde des Garage-Rocks. "I wanna hypnotize you baby" singt Jack White - Wir werden eine irre Zeit haben, Baby, und wenn es nur für die drei Minuten dieses Songs ist. Die White Stripes haben glücklicherweise mehr als einen Song dieser Sorte. Sie tauchen die Beatles in ein Blues-Bad ("There's No Home For You Here") und zaubern aus dem Nichts ein Lied, das Joe Cocker an seine "Mad Dogs"-Phase erinnern müsste ("I Want To Be The Boy"). "Well It's True That We Love Another", das Finale der Platte, ist mit der befreundeten Musikerin Holly Golightly entstanden: Jack und Holly säuseln sich die Liebesbotschaften nur so zu, Meg spielt da ausnahmsweise mal nur die Nebenrolle.

Frank Sawatzki/AP / AP