Tocotronic In Würde gereift


Eineinhalb Jahre lang haben Tocotronic und Produzent Tobias Levin an ihrem neuen Album getüftelt. Wichtigster Befund: Tocotronic reifen in Würde zu einer großen Rockband.

Die Angst des Torwarts vorm Elfmeter - vergleichbar mit der Verzagheit, die eine Rezensentin in den Endzwanzigern beschleichen kann, wenn es etwas Neues über Tocotronic zu schreiben gilt. Wo ist er bloß, der Haltegriff an diesem Band-Faszinosum, über das schon hunderte zu Recht schwärmerische Sätze verbreitet wurden, deren Texte bis ins kleinste Versatzstück auf ihre Bedeutung hingedreht und hergewendet wurden, in deren Tönen eine ganze Generation von Trainingsjackenträgern ihren Sinn suchte?

Wo gehen sie hin?

Endlos erscheinende eineinhalb Jahre lang haben Tocotronic und Produzent Tobias Levin im Hamburger Electric Avenue-Studio am neuem Album getüftelt. Rein damit in den CD-Player, und dann am besten weg von der unsäglichen Überrezeption, die nervt - ein neues Kapitel aufschlagen, zuhören und die Basis-Fragen klären. Ist es einfach Rockmusik? Was ist da neu? Man bleibt schließlich nicht ewig 23, sondern verbringt meist noch mehr Jahre mit sich. Wo gehen Müller, von Lowtzow und Zank hin - oder gehen sie gar nicht mehr?

Right here, right now

Und wie sie gehen - von Zurückfallen in alte Manierismen kann keine Rede sein, das wird bereits bei »This Boy is Tocotronic« klar. »Ja« und »Jetzt« schmettern es aus den Zeilen entgegen, wir befinden uns im Hier und es geht nach vorne.

Über das Ich zum Wir

Kein einziger Song beginnt mit »Ich«, das Wir-Gefühl blitzt auf: »Vor uns liegt eine Spur, der wir folgen, nur wir kommen niemals an« heißt es in »Das böse Buch«, und: »Wir sind wie die Älteren, nur viel schlimmer«. Individuelle Nörgeleien über alltägliche Dinge wie Gitarrenhändler und Kleinkünstler finden da, wie schon auf »K.O.O.K«, keinen Platz mehr.

Rätselspaß

Die Bilder werden abstrakter, oder zumindest rätselhafter - und das macht Spaß. »Hinter der Oberfläche dieser Spiegelfläche sehr wir uns da wo wir nicht sind« - daran hat man lange zu knacken, was meinen sie damit bloß? Das wäre ein Albtraum für jeden, der vom Teleprompter ablesen muss und gleichzeitig verstehen soll, was er da liest. Und schon ertappt man sich dabei, wie man mit dem Textheft in der Hand dasitzt, schmunzelnd die Stirn in Falten wirft und die kryptischen Worte aufsaugt wie eine fremde faszinierende Sprache.

Aus einem Guss

Womit bereits verraten ist: Über die Musik gibt es zunächst nicht viel nachzudenken, einfach weil sie sich so selbstverständlich ins Ganze fügt. Von Lowtzows Stimme gießt sich mit angenehmem Mangel an Larmoyanz auf die klaren Soundstrukturen. Alles fließt, nichts wird von exzessivem Gitarren-Geschrammel überdeckt - weniger ist mehr.

Große Jungs schauen nicht zurück

Beim letzten Song »Neues vom Trickser« angekommen, stellt sich Erleichterung ein: Tocotronic werden erwachsen, sie beginnen eine Vergangenheit zu haben, aber es wird auch noch einiges kommen. Man kann getrost mit ihnen alt werden. Repeat-Taste.

Antje Scholz


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