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"Das Supertalent" Auf Rollschuhen in die Hölle


RTLs "Das Supertalent" hatte am Samstag erneut gar Schröckliches zu bieten: Die pakistanische Britney Spears, eine Flugente mit Hitlerbärtchen und das schlechteste Jacko-Double der Nation. Da verlor sogar Sylvie van der Vaart die Nerven und verstümmelte sich beinah selbst.
Von Ingo Scheel

Früher stieg Hans-Joachim Kulenkampff nach langem Fernsehsamstag in einen Mantel, den ihm Butler Martin Jente am Schluss von "Einer wird gewinnen" hinhielt. Eine Spitze von Jente, die Retour vom Kuli, eine letzte Pointe. Abspann. Ab ins Bett. Anno 2010 würde man nach der großen Samstagabend-Show allzu bereitwillig in eine Zwangsjacke schlüpfen, ganz egal, wer sie einem anbietet. Jedenfalls dann, wenn man "Das Supertalent" hinter sich gebracht hat. RTLs Freakshow ging nach dem Topquoten-Start der Vorwoche selbstbewusst gegen "Wetten, dass ..?" ins Rennen und das aufgebotene Ensemble der Eigenheiten hatte es in sich.

Willy Pringnitz eröffnet den Reigen mit einer derart schlechten Jacko-Performance, dass Bohlen beim nächsten "DSDS"-Versuch von Menderes vielleicht sogar die Recall-Karte zieht. Sechs Songs hat der bleiche Mann parat. Einer davon reicht, um Bruce Darnells zartes Händchen auf den Buzzer klopfen zu lassen und das Verdikt zu verkünden: "Das war beschischen". Kurzes Durchatmen, denn schon folgen Simon und Julian, die Akkordeon-Zwillinge. Auf den ersten Blick ganz entzückend. Als die Steppkes jedoch gemeinsam mit einer Stimme sprechen, muss man zwangsläufig an die unheimlichen Zwillinge aus Stephen Kings "Shining" denken. Niedlich geht irgendwie anders, auch wenn die "Bayernpolka" der beiden als schmissige Reminiszenz ans Oktoberfest durchgeht.

Schlag auf Schlag geht es weiter. Harry Belafontes wunderlicher Cousin lacht wie Krümelmonster, hüpft wie Küblböck und besingt die Verflossene in Zimbabwe. Seine Stimmlage, irgendwo kurz vor Hundepfeifen-Frequenz, dürfte den ersten Schwung Zuschauer zu Tommy Gottschalk getrieben haben. Wer bei RTL bleibt, sieht einen Turmspringer, der aus sieben Meter Höhe in ein Plantschbecken plumpst. Und den kleinen, wirklich niedlichen und gar nicht unheimlichen Olendo, der schlicht und ergreifend nichts vorführen will. Und das auch durchzieht.

Durchziehen ist auch das Credo von Thomas Teige. Der muskelbepackte Hamburger fantasiert entschlossen von "Bruchtests", die er vorführen will. Auf Deutsch heißt das, Frau van der Vaart durchschaut es sofort - er haut schlicht und ergreifend Sachen kaputt. Steine, Bretter, Klötze. Das kracht so ansteckend, dass Sylvie selbst es auch probieren will. Doch ein Backstein ist eben kein Buzzer und so haut sich die Fußballerfrau derart den Handballen kaputt, dass der Notarztwagen kommen muss. Die Sanis untersuchen akribisch, Sylvie schluchzt ein wenig, gebrochen ist aber nichts. Für einen gelben Schein ist das natürlich zuwenig und so muss sie wieder zurück in die Sendung, den Fortgang der Talente-Resterampe miterdulden.

Andrea und Brigitte zerpfeifen ein Lied von Baccara. Jürgen hat `nen Schäferhund, der besser rechnet als er selbst Hochdeutsch spricht. Und Ausdruckstänzer Ammar aus Lübeck macht nur noch sprachlos, als er sich selbst als "pakistanische Britney Spears" bezeichnet. Nicht zu vergessen Takeshi aus München: Er ist gekommen, um zu singen und nicht nur RTL2-Zuschauer wissen: Wo "Takeshi" draufsteht, ist Hysterie und Wahnsinn drin. Der Wahlbayer macht da keine Ausnahme und schmettert eine nervenzerfräsende Version von AC/DCs "Hell‘s Bells". Die Pellegrinis turnen als Chippendales und selbst die Grazie von Akrobatin Emila hält Bohlen nicht von prekärstem Chauvinismus ab: "Sonst legen sich Frauen, die so geil aussehen wie Du, immer nur hin und machen gar nichts mehr."

Kurz vor Ende der Show dann der ersehnte Paul-Potts-Moment: Michael Hollerbusch guckt unglaublich traurig, ist unglaublich dick und kann unglaublich toll singen. Wenn man denn Joe Cocker mag. Dessen "You are so beautiful" singt der 30-Jährige, trotz Ti-äitsch an der falschen Stelle, so anrührend, dass es in den Augen der Zuschauer ganz glasig wird vor lauter Rührung. Song vorbei, das Doppelkinn bebt. Applaus. Zeitlupe. "Music was my first Love" vom Band. So werden Werbespots für T-Mobile gemacht. Da kann selbst der burschikose Bohlen nicht an sich halten und würde am liebsten eine Zugabe hören. Dafür ist jedoch keine Zeit mehr, schließlich muss Till noch seine Rollschuh-Kunststücke vorführen. Und Stephen Cheno, im letzten Jahr schon in Grund und Boden gepfiffen, will noch einmal Hitlerbärtchen und Bauchspeck präsentieren. Seine Performance heißt "Flugente", fürs Finale reicht es auch diesmal nicht. Abspann. Durchatmen. Im Anschluss bölkt Cindy aus Marzahn durchs Bild. Im ZDF überzieht Gottschalk, unrasiert und mit offenkundig selbst zugefügtem Haarschnitt. Wo bleibt die Jacke?


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