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"Die Borgias": Schöner die Päpste nie buhlten

Mehr Papst war noch nie im Fernsehen: Nach der europäischen Koproduktion "Die Borgias" im ZDF schickt ProSieben mit "Die Borgias - Sex. Macht. Mord. Amen." einen Gegenpapst aus den USA ins Rennen.

Von Gernot Kramper

Schon wieder ein Borgia im deutschen Fernsehen: Nach dem öffentlichen-rechtlichen Sechsteiler legt ProSieben vier Mittwochabende nach. Mehr Papst war noch nie im TV. Und trotzdem lohnt der erneute Besuch der Lottersippe um Rodrigo Borgia.

Die TV-Überraschung fängt bereits damit an, dass es die dezenteren und raffinierteren Sexszenen und Blutbäder bei den Privaten gibt. Der verbriefte Oberschurke Papst Alexander VI. wird von Superstar Jeromy Irons leuchtend und voller Facetten dargestellt. Trotz seiner Skrupellosigkeit und grenzenlosen Selbstbezogenheit durchscheint eine perverse Religiosität diesen Schandfleck des Papsttums. Händereibende, eindimensionale Schurken wie J.R. Ewing haben im gehobenen US-Fernsehen ausgedient. Die Borgias stehen im Rahmen von Serien wie "Game of Thrones", "The Wire" oder "Rome", die in Sachen anspruchsvolle Unterhaltung die Hollywood-Kino-Blockbuster längst abgehängt haben. Die neue Serie lief auf dem US-Pay-TV-Sender Showtime so erfolgreich, dass eine zweite Staffel bestellt wurde.

Weniger Blut, doch grausige Morde

Regisseur und Ideengeber der Borgias ist Neil Jordan - ein Gigant des atmosphärischen Kinos. Zu seinen Meisterwerken gehören der Prostituiertenkrimi "Mona Lisa" und das Horrordrama "Interview mit einem Vampir". Wenn er die Geschichte der Borgias inszeniert, wird Unterhaltung auf höchsten Niveau geliefert. Morde dürfen auch in diesem Renaissancespektakel nicht fehlen. Doch den Trend zur immer exzessiveren Gewaltdarstellung machen die US-Borgias nicht mit, weder spritzt das Blut computeranimiert durch die Luft wie in der Serie "Spartacus", noch wird allzu genüsslich gequält und gefoltert - wie etwa in den "Tudors". Mord ist bei Jordan wieder echte Schauspielkunst. Sean Harris verleiht nur mit seinem Gesicht dem einsamen Mörder Michelotto Corella eine grausige Lust. Historisch akkurat auch das liebste Werkzeug des dunklen Würgers: die spanische Schlinge.

Inmitten von Duellen und Tischgesellschaften mit mumifizierten Leichen gehen "Die Borgias" liebevoll mit dem päpstlichen Personal um. Lucrezia Borgia, die Tochter des Skandalspapstes, musste über hundert Jahre lang für die verschwiemelten Sex- und Gewaltphantasien der Bildungsbürgertums herhalten, das sich die blutgierigen und inzestuösen Umtrieb der Italienerin in allen Varianten ausmalte. Inzest-Orgien gibt es bei Jordan nicht – er stellt Lucrezia eben nicht als sexsüchtige Renaissance-Schlampe da. Darstellerin Holliday Grainger verwandelt den feuchten Traum der Hochliteratur wieder in ein junges Mädchen - die Bande zu ihrem Bruder Cesare kann man nur als "zart" bezeichnen.

Schmachten für jeden

Die US-Borgias sind eine Schauspielerserie. Grandiose Darsteller – gebändigt von einer straffen Regie, die den Theaterdonner und das übliche Overacting deutscher historischer TV-Produktionen geschickt vermeidet. Auch Action- und Schlachtenszenen kommen nur am Rande vor. Dafür wurde jede Nebenrolle in dem Spektakel perfekt besetzt. Selbst kleine Charaktere wurden zu Kunstwerken entwickelt. Ronan Vibert etwa spielt Lucrezias ersten Gatten, den schnarrenden und stolzen Kriegsherren Giovanni Sforza, und schafft es dabei, kleinste Gefühlsregungen in dem erstarrten Soldatengesicht aufscheinen zu lassen. Und niemand liebt entsagungsvoller als Sforzas Diener und Nebenbuhler Paolo - dargestellt vom Leid erprobten Luke Pasqualino, dessen Liebestod in der britischen Kultserie "Skins" weltweit die Mädchenherzen schmelzen ließ.

So sind die Borgias auch eine echte Familienserie: Vater, Mutter und Kids finden in der prallen Papstsippe jemanden zum Mitleiden und Anschmachten.

Auch dem ewigen Kulturkritiker reichen die Borgias echten Seelentrost: Wenn es eine TV-Serie wagt, eine Folge im Original "Death, on a Pale Horse" zu nennen, dann gibt es doch noch etwas anderes als Prekariatsfernsehen. Denn - Hand aufs Herz - wer weiß schon, dass von den vier apokalyptischen Reitern, die die Welt heimsuchen, der Krieg das weiße Pferd reitet?

"Die Borgias - Sex. Macht. Mord. Amen." läuft ab heute vier Mal jeweils mittwochs um 20.15 Uhr auf ProSieben

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