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"Die Tudors": Sex statt Fußball

Bei den Öffentlich-Rechtlichen rollen die Bälle, bei ProSieben die Köpfe. Pünktlich zur EM startet der Privatsender die Gegenoffensive zum Ballsport und wagt ein Experiment: Sex gegen Fußball. Jonathan Rhys-Meyers zeigt in "Die Tudors" wie sexy Geschichtsunterricht sein kann.

Von Katharina Miklis

Heinrich VIII. lässt sich königlich einen blasen, nimmt seine Gespielinnen von hinten oder macht es sich zur Not selbst. Nein, "Die Tudors", das ist wahrlich kein Bildungsfernsehen. Wer seine Geschichtskenntnisse um Heinrich VIII. auffrischen will, sollte lieber ein Buch lesen. Mit größter künstlerischer Freiheit haben sich die Macher von "Die Tudors" an den Geschichtsstoff gemacht, der nun während der EM an vier Samstagen auf ProSieben gezeigt wird.

Entstanden ist eine opulente Serienproduktion, die zwar hier und da einem royalen Softporno gleichkommt, in Großbritannien und den USA aber, oder gerade deswegen, ausgesprochen erfolgreich ist. Die Quoten und Kritiken sind so gut, dass Produzent "Showtime" erwägt, noch einiges an Kunstblut und -Sperma fließen zu lassen: Das komplette Leben Heinrich VIII. soll verfilmt werden. Momentan wird die dritte Staffel der Serie von Drehbuchautor Michael Hirst gedreht, die pro Folge an die vier Millionen Dollar kostet. Dafür läuft momentan wohl keine andere Soap, die derart aufwändiges und opulentes Augenfutter bietet. Hirst hat ein Gespür für epische Dramen und fulminante Szenerien. Auch die zwei "Elizabeth"-Filme mit Cate Blanchett stammen aus seiner Feder.

Viel zu sexy für einen bestialischen Monarchen

In der Hauptrolle ist Jonathan Rhys-Meyers zu sehen. Im Woody-Allen-Film "Match Point" verdrehte das Hugo-Boss-Model Scarlett Johansson den Kopf. Für Heinrich VIII. sieht er eigentlich viel zu gut aus. Vor allem wenn man bedenkt, wie skrupellos er seine Frauen später köpfen lassen wird. Bei seinen vollen Lippen und seinem Astralkörper leuchtet es zwar ein, warum die Frauen zu Hofe reihenweise vor ihm zum Blowjob in die Knie gehen, authentisch wirkt er jedoch nicht. Aber "Die Tudors" soll ja auch gar nicht authentisch sein. Es ist eine bunte Seifenoper in schillernder Kulisse, mit viel Sex, viel Crime und ein bisschen Wahrheitsgehalt. Und so sollte man die Serie auch zu nehmen wissen.

In der ersten Staffel geht es um die frühen Jahre des jungen Regenten Heinrich VIII. Während er sich im Europa des 16. Jahrhundert in den Wirren politischer und religiöser Umbrüche behaupten muss, schwankt er privat zwischen erotischer Besessenheit und dem unerfüllten Wunsch nach einem Erben. Seine spanische Frau Königin Katharina von Aragon (Maria Doyle Kennedy), um einige Jahre älter als der notorische Frauenheld, scheint ihm nach diversen Fehlgeburten keinen Sohn mehr schenken zu können. Für Heinrich ein Grund mehr, sich mit diversen anderen jungen Hofdamen zu vergnügen. So vernascht er die eine oder andere Kammerzofe oder Mätresse, die dem Charme des Monarchen erliegt. Und Katharina muss es hinnehmen, dass ihr Mann eine ihrer Hofdamen schwängert. Und dann ist da noch dieser Krieg, den Heinrich gerne gegen Frankreich führen würde. Aber bloß nicht zu voreilig. Für ein Nümmerchen ist immer Zeit.

In England kennt jedes Kind den Abzählreim über Heinrichs sechs aufeinanderfolgende Ehefrauen, von denen einige den Kopf verloren: "Divorced, Beheaded, Died, Divorced, Beheaded, Survived." - "Geschieden, Geköpft, Gestorben, Geschieden, Geköpft, Überlebt". Ob man sich hier zu Lande genauso gerne die skandalösen Sex-Affären und mörderischen Intrigen anschaut, bleibt abzuwarten. Fakt ist: Trotz schlechter Erfahrungen sendet ProSieben die Serie an einem Samstagabend. Und dann auch noch im EM-Monat. Außerdem wird die Sex-and-Crime-Soap nicht häppchenweise schmackhaft gemacht, sondern lieblos in vier Samstagabende gestopft. Bleibt zu hoffen, dass die Engländer, wenn sie schon den Einzug in die EM verpasst haben, wenigstens mit ihrer Seifenoper mehr Erfolg bei uns haben. Jonathan Rhys-Meyers beim Bettsport zu beobachten, ist auf jeden Fall ein Genuss.

"Die Tudors - Mätresse des Königs", ProSieben, ab dem 7. Mai samstags um 20.15 Uhr